„Ronja Räubertochter“ ist im Esslinger Schauspielerhaus eine Geschichte jugendlicher Selbstbestimmung gegen die Regeln einer Räuber- und Familienbande. Laura Tetzlaff hat Astrid Lindgrens Kinderbuch mit Witz und Drive inszeniert fürs Publikum ab sechs Jahren.
Da muss Papi nicht gleich Waffenhändler, Cum-ex-Banker oder Pornoproduzent sein. Es genügt, seinen Lebensunterhalt als IT-Manager, Investmentberater oder Journalist zu bestreiten. Oder als was anderes. Und Mami ist natürlich auch gemeint. Die Frage kommt hundertpro, im Scharfrichterton moralischer Entrüstung und aus dem Mund der eigenen heranwachsenden Kinder: Wie man „so etwas“ beruflich tun könne! Und während man mit rotem Kopf vom „Geldverdienen auch für euch“ wettert, tritt einer herbei und sagt: „Hast du noch nie bemerkt, dass es Menschen gibt, die keine Räuber sind und trotzdem überleben?“ Wobei man das Wort „Räuber“ bei Astrid Lindgren sehr wohl verstehen darf als Platzhalter für die kleineren (und größeren) Schweinereien in angeseheneren Professionen.
In „Ronja Räubertochter“ – dem Buch – wird einem das nicht mit der sozialkritischen Keule übergebraten. In Laura Tetzlaffs Inszenierung im Esslinger Schauspielhaus auch nicht.
Soziale und kritische Kenntlichkeit
Aber hier wie dort gilt soziale und kritische Kenntlichkeit, hier wie dort trifft die Räuberpistole ins Schwarze der ewig gegenwärtigen Fragen: nach Gut und Böse, nach Liebe und Hass, nach Freiheit, Selbstbestimmung und emotionaler Bindung – ein weites Panorama erwachenden Denkens und Fühlens mit bleibender Bedeutung für alle, die jenes Frühlingserwachen längst hinter sich haben. Weil ebenjene existenziellen Fragen nie endgültig beantwortet sind. Der alte Glatzen-Per, der immer vom Sterben redet und es – anders als im Buch – nie tut, ist denn auch derjenige, der als abgeklärter Räuber-Philosoph die ganze Räuberei infrage stellt (es gibt ein Überleben ohne sie – siehe oben). Ein Prophet und seine sehr jungen Jünger, nämlich Ronja und Birk, der Sohn der verfeindeten Sippe der Borka. Erfüllung der Prophetie: Romeo und Julia rauben die Räuber, also deren Handwerk. Niemals, schwören Ronja und Birk, werden sie sich hergeben für Totschlag, Mord und Überfall. Die Familienbande haben sie schon zerrissen durch die Shakespeare-Nummer, die verbotene Liebe über den Höllenschlund des Sippenhasses hinweg. Und das Happy End verkündet dann auch noch das beiderseitige Ende der Familien- als Räuberbande. Aber die räuberisch wilde Lebenslust lassen sie sich nicht rauben. Dafür sorgt die Inszenierung (Bühnenfassung: Barbara Hass) für Publikum ab sechs Jahren: Laura Tetzlaffs Regiedebüt als neue Leiterin der Jungen WLB macht beste Laune zu ernsten Themen.
Fetzig und rockig in Räubermoll
Es beginnt im rockigen Räubermoll und endet genauso furios mit demselben fetzigen Song Timo Willeckes, der die Musik zur Esslinger Aufführung schrieb. Dazwischen gibt es wunderbare Finessen, etwa die Rolle des hier unsterblichen Glatzen-Per, den Andreas Krüger entsprechend vital und als ironischen Stachel im Macho-Mucki-Gehabe des Räuberhauptmanns Mattis, Ronjas Papa, spielt. Unsterblich macht den Alten aber auch ein subtiler allegorischer Fingerzeig der Regisseurin: Zwei Rolex am Revers (woher er die wohl hat?) kennzeichnen ihn, die Erzählerfigur, als Herrn der Zeit, die kommt und vergeht und erinnert wird. Gegen solche Mächte werden auch Räuber klein. Dass die Natur im Räuberwald ebenso mächtig ist, zeigen die (Dis-)Proportionen in Vesna Hiltmanns fantastischem Bühnenbild: übergroßes Laubwerk, riesige Nusskugeln, als wären die Großmäuler Zwerge. Auf dieser Bühne verwandelt sich das „Ronja“-Podium in Fels und Zinne. Nebel kündigt Übersinnliches an, das Spukgelichter der Graugnome, der Wilddrude, der lockenden Unterirdischen steht für Albtraum und Gefahr – im naturmagischen Gewand für reale Abgründe von Drogen bis Tod, für die Risiken der Adoleszenz.
Weibliche Vernunft hält männliche Raserei im Zaum
Derweil im trauten Räuberheim weibliche Vernunft männliche Raserei im Zaum hält. Mama Lovis (eine sympathische Mutter Courage: Nicky Taran) hat ihren Gespons Mattis (Timo Beyerling) so weit unterm Pantoffel, dass er mit den Werkzeugen häuslicher Gewalt zwar schon mal ein Sofakissen malträtiert, dass die Federn fliegen, aber danach brav sauber macht. Wohl deshalb trägt Lovis kein Räuberzivil, sondern noblen Dress samt Lackschuhen; ähnlich Michaela Henze als Undis, die Räuberdame der Gegenseite (Kostüme: ebenfalls Vesna Hiltmann). Zivilisation ist Frauensache, Philip Spreen als Borka daher ein grober Raubauz (in seiner zweiten Rolle trägt er als sportiver Klein-Klipp die Pechvogeltrikotnummer 13).
Momente menschlicher Wahrheit
Die Symmetrie der Gockelkämpfe brechen aber erst Ronja und Birk auf, als sie in eine Höhle fliehen: ein Paradies nach dem Sündenfall der älteren Generationen, aber ein Paradies, das im tödlich kalten Winter endet. Alessandra Bosch als quirlige Ronja und Julian Häuser als nachdenklicher Birk spielen ihre Entdeckung von Freiheit, Liebe und Lebensperspektive famos und bewegend: Momente menschlicher Wahrheit.
Text und Termine
Roman
„Ronja Räubertochter“ ist Astrid Lindgrens letztes großes Buch. Der 1981 erschienene Kinderroman wurde bald in zahlreiche Sprachen übersetzt und ein weiterer Welterfolg der schwedischen Autorin. Das Buch wurde verfilmt, als Musical und als Oper bearbeitet, kam in Japan als Serie von Animationsfernsehfilmen heraus. Die an der WLB gespielte Theaterfassung von Barbara Hass stammt von 1988.
Nächste Vorstellungen
18. und 26. Dezember, 8. Januar und 26. Februar. Beginn ist jeweils um 16 Uhr. Außerdem gibt es zahlreiche Schulvorstellungen vormittags. Für Zuschauerinnen und Zuschauer ab sechs Jahren.
Ort
Schauspielhaus der Württembergischen Landesbühne Esslingen, Strohstraße 1 in Esslingen.