Friedemann Vogel und Alicia Amatriain in „Initialen R.B.M.E.“ Foto: Stuttgarter Ballett

Zwei große Stücke aus dem Repertoire, erstmals zu einem Ballettabend kombiniert und frisch besetzt: Das Stuttgarter Ballett zeigt zu Beginn des neuen Jahres Jerome Robbins „Dances at a Gathering“ und John Crankos „R. B. M. E.“ und läutet so das Finale der Intendanz von Reid Anderson ein.

Stuttgart - „Begegnungen“ hat Reid Anderson das zweiteilige Programm überschrieben, für das er erstmals „Dances at a Gathering“ von Jerome Robbins mit John Crankos „Initialen“ zusammenpackt und so aus zwei Wiederaufnahmen eine Premiere macht. Was nach flüchtigem Aufeinandertreffen klingt, birgt Schicksalsschweres. So passen die beiden Stücke, die auf unterschiedliche Weise von Freundschaft und Verbundenheit erzählen, bestens zur Stimmung, die bei der Premiere am Samstag im Opernhaus Reid Anderson und seine Mannschaft sichtlich bewegt.

Um Abschied und Neuanfang geht es, um die Wehmut über das, was war, und um die Hoffnung auf das, was kommen mag. 22 Jahre ist Reid Anderson Intendant in Stuttgart – bei der Kompanie, der er von 1969 bis 1985 selbst als Tänzer angehörte. Fast vier Jahrzehnte prägender Stuttgarter Begegnungen liegen hinter ihm, auch das bringt dieser Ballettabend auf einen schönen Nenner.

Ein leidenschaftlicher Sinn für die Freundschaft

Anderson hat klug erkannt, was diese Ballette verbindet. Weil sie von seinen Tänzern in einer schönen Mischung aus Respekt und Leidenschaft angepackt werden, lässt sich das Publikum begeistert mitnehmen. In eine andere Zeit zum Beispiel. Auffallend ist die Vorliebe für pastellfarbene Töne, die beide Stücke kleiden. Laut war die Welt draußen, als die beiden Meisterwerke entstanden. „Dances at a Gathering“ erarbeitete Robbins 1969 für das New York City Ballet zu Solo-Klavierstücken von Chopin, während die Menschen gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gingen und Attentate auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy Unruhen auslösten. Seine „Tänze bei einer Zusammenkunft“ kann man, so beseelt wie sich ein halbes Jahrhundert später zehn Stuttgarter Solisten in den Reigen kleiner Begegnungen fallen lassen, als Antwort verstehen, die bis heute lesbar ist: als Ermunterung zum respektvollen Miteinander, als Aufforderung, das Leben als Fest unter Freunden zu nehmen.

Achtsamkeit, Solidarität, ein „leidenschaftlicher Sinn für die Freundschaft“, die er in Brahms’ Klavierkonzert entdeckte: Das sind die Themen, die aus Crankos „Initialen R.B.M.E.“ sprechen und die in einer Zeit wachsender Ungleichheit Bestand haben. Obwohl er das Ballett seinen Freunden Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen widmete, den Protagonisten des Stuttgarter Ballettwunders, setzt es selten auf Solistenvirtuosität. „Initialen“ feiert mit Tänzerinnen, die pirouettendrehend wie freundliche Nachbarinnen vorbeischauen, und mit einem großen Ensemble, das nicht nur Spaliere bildet, sondern die Motive der Paarbegegnungen in vier Sätzen ebenso virtuos variiert und vervielfacht, die Kraft der Gemeinschaft.

Verlaufene Aquarellfarben vor zarten Schleierwolken

Als wachsamer Zeitgenosse einer in Ost und West gespaltenen Welt erzählt John Cranko in seinem im Januar 1972 uraufgeführten Ballett auch davon, wie man Trennendes überwindet. Dass der Choreograf ein Jahr später überraschend starb, machte sein Stück zum Vermächtnis. Dass es auch bei dieser Wiederaufnahme aufs Neue als Essenz von Crankos choreografischer Inspiriertheit wirkt, macht ein Ensemble möglich, das zwar nicht bis ins letzte Paar hinein jeder Hebung gewachsen ist und das bei manchem der flotten Richtungswechsel ins Straucheln kommt, das aber den Geist dieses Werks verinnerlicht hat und in diesem Sinne vom Staatsorchester und Andrej Jussow am Flügel begleitet wird.

In Umbruchzeiten entstanden, setzen beide Ballette auf fließende Hintergründe. Jürgen Rose ließ für Crankos „Initialen“ Aquarellfarben ineinanderlaufen; Jerome Robbins lässt seine kleinen Gruppen vor einem dämmerblauen Sommerhimmel mit zarten Schleierwolken aufeinandertreffen. Die erste Szene hier gehört Adhonay Soares da Silva; der Solist ist ein Kraftpaket, das später auch in der für Cragun entstandenen Rolle die „Initialen“ eröffnen wird und Pirouetten kraftvoll wie aus dem Lehrbuch dreht. Die Balance zu finden zwischen hochtourigem Muskeleinsatz und dem Zurückschalten in eine nachdenkliche Gangart gelingt nicht immer reibungslos. Und doch erzählt der quirlige Brasilianer mit jeder Geste so treffend vom Glück, Tänzer zu sein, dass er, fügt man die Initialen seines Namens zusammen, tatsächlich zum Ass des Abends wird.

Heitere Einfälle blasen alles Schwere weg

Alexander Reitenbach breitet am Flügel Chopin in ganzer Fülle aus, filtert walzernde Munterkeit mit feiner Melancholie. Hyo-Jung Kang als Mauerblümchen in Grün, das vergeblich flirtet, Elisa Badenes, die sich bei Drehungen kess von der Brust ihres Partners abdrückt, Alicia Amatriain, Veronika Verterich und Sinéan Brodd, die sich wie drei Grazien zu Porträts des Mädchenhaften gruppieren, füllen Robbins’ Humor mit neuem Leben. Auch Friedemann Vogel, Jason Reilly und Moacir de Oliveira agieren im Wissen, dass sie Reid Andersons Lieblingsballett tanzen, hochmusikalisch und inspiriert, bis am Ende von „Dances at a Gathering“ der Blick aller besorgt die Ferne befragt.

„Initialen“ dagegen schließt mit einem Lächeln der vier Protagonisten, das ein Ziel hat: die Loge, in der Reid Andersons Nachfolger Tamas Detrich sitzt. Dem Stück, welches das Stuttgarter Ballett durch schwierige Zeiten getragen hat, geben Adhonay Soares da Silva, Elisa Badenes, Alicia Amatriain und Moacir de Oliveira an diesem Abend als gemischtes Quartett aus bewährten Kräften und aufstrebenden Talenten Gewicht. Wenn Friedemann Vogel und Alicia Amatriain in wunderbarer Eleganz Crankos verblüffende Paarbegegnungen zelebrieren, wenn Damen kunstvoll um Schultern drapiert werden, wenn heitere Einfälle alle Schwere wegblasen, dann bleiben Vergangenheit und Zukunft im Dialog.

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