Alles Gute kommt von oben: Musiker begleiten das tolle Treiben der Gesellschaft. Szene aus Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung von Molières Drama „Der Menschenfeind“ im Schauspielhaus Stuttgart. Foto: David Baltzer

Die junge Regisseurin Bernadette Sonnenbichler inszeniert im Schauspielhaus Stuttgart Molières Drama „Der Menschenfeind“. Die knapp zweistündige Premiere am Samstag war gedanklich nicht allzu komplex, dafür unterhaltsam und gut choreografiert.

Stuttgart - Alceste sitzt im Publikum, Reihe fünf, mitten unter uns und betrachtet das tolle Treiben. Figuren mit Perücken und prächtigen Kostümen üben sich im Zeitlupentempo in lasziven Posen, kreisen wie Porzellanpüppchen auf einer Spieluhr um sich selbst. Aus dem Off erklingt Alcestes Gemaule über die verkommene Politik und Gesellschaft: „Ein Trippeln, Wippen und Verrenken, verblödet alle, mit künstlichen Gelenken. Sie suhlen sich in Eitelkeit und sind zu jeder Lüge gleich bereit.“

Irgendwann wird’s ihm zu bunt. „Keinen lass ich aus. Ich hasse alle, alle“, hämt er und nun hält es ihn nicht mehr auf dem Sitz. Voller Ingrimm und im Stechschritt marschiert er auf die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses. Matthias Leja trägt auch seidig Glänzendes, doch schwarz. Die Perücke führt er in einer Plastiktüte mit sich, setzt sie nur einmal auf, um die Laffen und Gecken nachzumachen, die er so verachtet.

Ein Rabe unter lauter Paradiesvögeln

Auf den ersten Blick scheint Alceste kein oberflächlicher Mensch zu sein, anders als die verlogen heuchlerische Gesellschaft, in der er lebt. Leuten zu schmeicheln, das liegt ihm nicht, er sagt geradeheraus, was er denkt und fühlt. In Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung von Molières Komödie „Der Menschenfeind“, die im Jahr 1666 uraufgeführt wurde, ist Alceste (Matthias Leja) der Rabe unter lauter Paradiesvögeln. Ein Asket, ein Mann ohne Perücke, ohne Glitter. Sein Pech oder Glück: er ist verliebt in eine junge Witwe, Célimène (Therese Dörr), die es mit der Treue womöglich nicht so genau nimmt und die um keinen Deut besser ist als die moralisch verkommene Hofgesellschaft.

Auf die interessante Frage seines Freundes Philinte (Robert Rozic), warum ein Wahrheitsfan sich ausgerechnet in solch eine verlogene Frau verliebt, findet die 1982 in München geborene Regisseurin eine wenig interessante Antwort. Sie geht der Figur auf den Leim, denn Alceste sagt, er sei halt verliebt. „Ich bin zu schwach, meine Liebe ist zu groß.“ Kann man nichts machen!

Dieser griesgrämliche Verliebte, den von Molière ist aber nicht nur ein eifersüchtiger Moralist, er scheint auch ein moralinsaurer Menschenverbesserer zu sein, der überheblich genug ist, sich einzubilden, das flitterhafte Wesen Frau bändigen und nach seiner Manier „gut“ machen zu können. Und aus der schlechten Gesellschaft zu „befreien“.

Die Regie geht dem Helden auf den Leim

Inwieweit der Held von Molière seine eigenen Abgründe nur durch Moral kaschiert, warum er nicht längst der Gesellschaft den Rücken gekehrt hat, ob seine „Liebe“ nicht schlicht sexuelles Begehren ist, ob die gnadenlose Ehrlichkeit vielleicht auch nur eine Pose darstellt – all das interessiert die Regie nicht. Sie setzt auf eine freundliche Publikumsbelobigung statt auf eine Publikumsbeschimpfung, da der ach so ehrliche Bürger sozusagen sich aus der Mitte des Zuschauerraumes erhebt und mit den Intriganten und Lügnern in der Politik und großen Welt der Reichen und Schönen abrechnet.

Für diese Elitenschelte, für die Feier und Verteidigung des Echten, des Authentischen wählt die Regie starke Gegensätze. Hier der sich ganz natürlich gerierende Alceste, dort die sich automatenhaft bewegenden Lackaffen und Speichellecker, die sich ständig in Spiegeln anglotzen und mit denen sich Célimène umgibt. Gesprochen wird folglich auch betont affektiert, in Versen (die deutsche Fassung stammt von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens).

Dichter Oronte trägt Perlenkette

Kostümbildnerin Tanja Kramberger steckt die Männer in Ganzkörperanzüge und verstärkt manche Gesichts- und Körperpartien mit Push-ups, die Frauen tippeln in Goldglitter und Reifrock-Kreationen umher. Der eitle Dichter Oronte (Sven Prietz) ist eine Art Transgendermensch mit Ringen an den Fingern, goldenen Highheels und Stumpfhosen, dazu ein Damenoberteil und eine Perlenkette in der Art wie die britische Premierministerin Theresa May sie schätzt.

Lässt man sich auf diese allzu offensichtliche und erstaunlich naive Lesart ein, erlebt man ein leichtgängiges Lehrstück in Kinofilmlänge von Eindreiviertelstunden. Die Gesellschaft bewegt sich kunstvoll künstlich zur Choreografie von Jean Laurent Sasportes, die an Musikvideos von Popstar Madonna erinnert. Ist der griesgrämliche Alceste gerade unterwegs, um vor Gericht seine Ehre zu verteidigen, umschlingen und verrenken sich Célimène und ihre Gespielen zu sexorgienhaften Körperknäulen. Um in dieser Welt zu überleben, muss man sich verbiegen.

Wenn Alceste seine geliebte Célimène herunterputzt und ihr Szenen macht, drängt er sie sprichwörtlich in die Enge, wo sie sich windet und schmollt, Alceste bezirzt und beschimpft. Immerhin darf Therese Dörr, die sich ansonsten als Meisterin im koketten Posieren erweist, mit leerem Blick dastehen, an ihrem Fummel nesteln und Gefühl zeigen. Und suggerieren, dass sie womöglich gar nicht solch ein gemeines Biest ist. Angedeutet wird mit dem Kopfputz, der an die Frisur der so tragisch früh gestorbenen Sängerin Amy Winehouse erinnert, dass Célimène vielleicht ein in Wirklichkeit wenig selbstbewusstes Opfer ihrer eigenen Ruhm- und Geltungssucht sein könnte.

Hervorragende Musiker

Posiert und grimassiert wird zumeist zu Klängen, die von oben kommen. Kaum eine Szene, in der nur auf das Wort vertraut wird. Und wird es einmal doch still, soll Célimène ihrem rasend eifersüchtigen Alceste ehrlich Antwort geben, schnippt sie nervös mit den Fingern, damit das leere Geplapper übertönt wird. Die hervorragenden Musiker Marvin Holley (Gitarre, Hackbrett), Marc Roos (Posaune) und Fabian Wendt (Bass), die mit ihren Instrumenten in einzelnen Körben sitzend über der Bühne schweben, begleiten, kommentieren Intrigen, Lügen, Streit und Versöhnungsszenen des spielfreudigen Ensembles.

Die Zuschreibungen an diesem Abend sind eindeutig: Die Welt ist eine Bühne und als solche auch von Bühnenbildner Wolfgang Menardi konzipiert. Und nur derjenige, der an der Oberflächlichkeit verzweifelt, ist der Gute. Schlecht sind die, die sich für Mode, Poesie und feuchtfröhliche Feste interessieren. Das alles ist ästhetisch, stringent und schön anzuschauen. Ein bisschen brav dann aber auch und überaus vorhersehbar, ein bisschen mehr Ambivalenz hätte dem tollen Treiben auch gedanklichen Glamour verliehen.

Zuschreibungen an diesem Abend sind eindeutig: Die Welt ist eine Bühne und als solche auch von Bühnenbildner Wolfgang Menardi konzipiert. Und nur derjenige, der an der Oberflächlichkeit verzweifelt, ist der Gute. Schlecht sind die, die sich für Mode, Poesie und feuchtfröhliche Feste interessieren. Das alles ist stringent dargeboten und schön anzuschauen. Ein bisschen brav dann aber auch. Ein bisschen mehr Ambivalenz hätte dem tollen Treiben auch gedanklichen Glamour verliehen.

Info

Weitere Termine: 24. Februar, 4. und 6. März, 1. und 2. April. Karten: 0711 / 20 20 90.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: