Im „Kleinen Horrorladen“ im Alten Schauspielhaus macht eine fleischfressende Pflanzen die größten Versprechungen, wenn sie nur ordentlich zu fressen bekommt. Sollte sich der Zuschauer darauf einlassen?
Pflanzen sind ja eigentlich sympathisch, weil sie schön aussehen und weil es gesund ist, manche von ihnen zu essen. So gemein wie manche Tiere (zum Beispiel mit halbtoten Mäusen spielende Katzen), ganz zu schweigen von Menschen, sind sie nicht. Immerhin gibt es fleischfressende Pflanzen. Die findet man dann eher eklig und durchaus beunruhigend. Und schon sind wir bei der jüngsten Premiere im Alten Schauspielhaus.
Der Textautor Howard Ashman und der Komponisten Alan Menken haben sich für ihr Musical „Der kleine Horrorladen“ (was für ein wunderbarer Titel) eine haarsträubende Geschichte über ein solches gefräßiges Wesen ausgedacht. Jetzt ist das berühmte Stück aus dem Jahr 1982 nach der Verfilmung von Roger Corman (1986) in der deutschen Fassung von Michael Kunze auch in Stuttgart zu sehen.
Der Chef triezt seine Angestellten
Man schaut in einen öden US-amerikanisches Blumenladen, der so gut wie pleite ist. Der Inhaber Mr. Mushnik (Martin König) triezt dort seine willfährigen Angestellten, Audrey (Dorothée Kahler) und Seymour. Audrey gikst mit Quäkstimme in den Laden, Oliver Morschel spielt Seymour anrührend als erbarmungswürdigen, ängstlich-beflissenen Angestellten seines widerwärtigen Chefs. Das allein ist schon sehr unterhaltsam mitzuerleben.
Doch dann wird es absurd. Seymour hat eine seltsame Pflanze gekauft, die gar nicht liebreizend aussieht, sondern dem Maul eines Tieres gleicht, und die er irgendwann mit seinem eigenen Blut füttert. Prompt wird die Pflanze, die der in Audrey verliebte Seymour „Audrey II“ nennt, größer. Irgendwann ist sie etwa anderthalb Meter groß, später zwei Meter. Ihr Maul mit gruseligen Zahnreihen gleicht dem eines Haifisches.
Plötzlich läuft der Laden bombig – aber das hat seinen Preis
Lukas Schneider (Figurenspiel) bewegt bravourös das unangenehme Großmaul der komischen Pflanze. Mephistoähnlich verspricht Audrey II dem unbedarften Seymour, dafür zu sorgen, „dass du alles kriegst, Geld, Mädels“. Irgendwann möchte die irre Pflanze dafür aber Menschenfleisch, und ihr gruseliger Wunsch wird erfüllt. Aber erst einmal läuft der öde Blumenladen durch die Attraktion der monströsen Pflanze bombig, und der biedere Nobody Seymour wird ein Star, man interviewt ihn und bietet ihm Fernsehsendungen an.
Klaus Seiffert hat das alles stimmig inszeniert, dazu erklingen stark rhythmische, prägnante Live-Klänge von fünf Musikern (Leitung: Florian Kießling), die auch eingängige Songs intonieren. So besingt Dorothée Kahler herzzerreißend und zugleich ironisch angeschrägt Audreys biederen Traum von einem Häuschen mit Sprossenfenstern und Gästeklo. Sven Olaf Denkinger turnt als sadistischer Zahnarzt geradezu rockig über die Bühne. Und Meimouna Coffi, Giselle Ramsey und Aswintha Vermeulen tanzen kommentierend durch die Handlung (Choreographie: Mario Mariano, der außerdem der Horror-Pflanze eine schnarrig-drängelige Stimme verleiht).
Bitte nicht jedem Versprechen auf den Leim gehen!
Die seltsame Geschichte endet überraschend als makabrer Spaß. Gibt es weitergehende Erkenntnisse? Ist die Pflanze eine Metapher für die bedrohliche Natur? Nein. Aber dieses Musical erzählt schön schaurig davon, dass man großmäuligen Glücksversprechen nicht allzu flott auf den Leim gehen sollte.
Aufführungen bis zum 13. Juli