In unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind. Heute: Der kleinste Ditzinger Stadtteil Schöckingen ist preisgekrönt für seine bemerkenswert engagierte Dorfgemeinschaft.
Der neue Ortsvorsteher von Schöckingen, Jochen Gommel, bringt zum Gespräch am Abend seine Stellvertreter mit. Nicht, weil es ihm nicht allein gelänge, davon zu berichten, warum der kleinste Ditzinger Ortsteil das schönste Dorf weit und breit ist. Vielmehr scheint im Ortschaftsrat mit Gommel, Andreas Titze und Cornelia Mauch an der Spitze im Kleinen alltäglich zu sein, was in Schöckingen mit rund 1850 Einwohnern im Großen selbstverständlich ist: Die Gemeinschaft im Ort funktioniere auch deshalb so gut, weil im Ortschaftsrat am Tisch Wertschätzung herrsche, meint Andreas Titze, der in Bezug auf den Umgang miteinander von einem Spiegelbild spricht. Simone Rathfelder, die auch im Gremium sitzt, nickt. Der Umgang sei konstruktiv.
Auf ihren Zusammenhalt und die Lebendigkeit ihrer Heimat sind die selbstbewussten Schöckinger stolz. Zumal es weit mehr als die Optik ist – die vielen hübschen Fachwerke zum Beispiel, die im Sommer überall bunt blühenden Blumen, die im Winter schneebedeckten, glitzernden Giebel –, dank der Schöckingen es mittlerweile sogar schriftlich hat, wie lebenswert es ist.
Zahlreiche Vereine, Organisationen, Einrichtungen
Im Jahr 1998 hat der Ort den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen, 2022 erhält er beim Nachfolgewettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ die Silbermedaille. Die Auszeichnung kriegen Dorfgemeinschaften mit unter 3000 Einwohnern, die sich für ein vielseitiges Leben in ihrem Ort einsetzen und sich Veränderungen stellen. Der Wettbewerb habe gezeigt, „wie gut es uns geht“, sagt Andreas Titze.
Der 55-Jährige zog jobbedingt vor 16 Jahren von der Stadt aufs Land. Er erinnert sich, wie „platt“ er bei der Bestandsaufnahme für den Wettbewerb war, zu sehen, wie viele Vereine, Organisationen und Einrichtungen Schöckingen doch hat. Im Zuge der „Werkstatttage“ sei viel Neues entstanden: der Lauftreff, der Mittagstisch im Rathaus, die Cocktailabendrunde, Flohmärkte. Schöckingen lasse sich getrost vielleicht auch als aktivstes Dorf bezeichnen. Gommel: „Es geht immer nach vorn. Es entsteht immer Neues, das Schöckingen noch lebens- und liebenswerter macht.“ Cornelia Mauch, 57, im Ort aufgewachsen, sagt: „Die Menschen hier gestalten Schöckingen.“
Grundsätzlich positive Grundstimmung
Fast genauso lang wie Andreas Titze lebt Simone Rathfelder, 50, in Schöckingen. Sie hatte vor dem Umzug „Angst, dass der Ort zu verschlafen ist – aber nein“. Unter anderem engagiert sich Simone Rathfelder in der Bürgergruppe „Zukunft Schöckingen“. Im Ort sei eine grundsätzlich positive Grundstimmung zu spüren. Man grüße sich, ob man sich kennt oder nicht. Und unabhängig davon, ob man auf dem Gehweg oder der Straße läuft, wie es in Schöckingen an vielen Stellen üblich ist. Zwei ungeschriebene Gesetze. Gehe er mit Ortsfremden spazieren, werde er oft gefragt, ob er all die Menschen kenne, erzählt Jochen Gommel und lacht. Er, 56, wohnt schon sein ganzes Leben lang in Schöckingen. „Es war hier immer so“, sagt Jochen Gommel und meint das gute Miteinander und die große Hilfsbereitschaft. Freilich habe es früher weniger Vereine in der Gemeinde gegeben.
Cornelia Mauch spricht von einer „intakten Nachbarschaft“. Wer sich in die Dorfgemeinschaft einbringen wolle, komme rein, ergänzt Andreas Titze. In Schöckingen läuft es offenbar so: Vor lauter engagierten Leuten kommt man nicht umhin, selbst aktiv zu sein. Cornelia Mauch nickt. „Das Engagement steckt an.“ Die persönliche Ansprache helfe oft auch, stellt Simone Rathfelder fest.
Ein Schöckinger führt den neuen Lebensmittelladen
Als vorigen Herbst binnen einer Woche erst das einzige Lebensmittelgeschäft Tante M schloss und dann der einzige Bäcker, war die Dorfgemeinschaft umtriebiger denn je, um ihre Nahversorgung zu retten. Mittendrin war der damalige Ortsvorsteher Michael Schmid. Über den es häufig hieß, er wirbele für den Ort. „Er war die zentrale Stelle“, sagt Jochen Gommel. Schöckingen hatte einst drei Bäcker. Nun gibt es immerhin wieder einen mit Sitzmöglichkeiten im Freien sowie das „Schöck.Lädle“ – geführt von einem Schöckinger, dem früheren Geschäftsführer des Autozulieferers Allgaier, Achim Agostini. Darüber hinaus hat Schöckingen Hofläden, einen Blumenladen, die Talmühle.
Nicht zu vergessen: Das Alte Rathaus, getragen von, wie sollte es anders sein: bürgerlichem Engagement. „Kunst/Kultur/Kommunikation“ hat sich der Arbeitskreis auf die Fahne geschrieben. Auch die Bücherei ist in dem Fachwerk von 1788 untergebracht. Die Sommernächte, eine Musikveranstaltung, sind so beliebt wie das traditionelle Dorffest.
„Schöne heile Welt“
Was Schöckingen sonst noch bietet? „Möglichkeiten, die junge Familien brauchen“, sagt Andreas Titze: Zwei Kindergärten, Spielplätze, drei Reiterhöfe zum Beispiel. Wald, Streuobstwiesen, die Glems, den Keltenweg. Beim Spaziergang zeigt Andreas Titze auf das offene Bücherregal und das Schwätzbänkle beim Schöck.Lädle. „Viele kleine Facetten.“ Und ja, man grüßt sich. Ständig. Die Mutter mit dem Kind tut es, die Frau auf dem Fahrrad, der Fußgänger.
Die Schöckinger schätzen die Lage ihrer Heimat sehr. Das ehemals selbstständige Dorf ist abgeschlossen, abgeschieden – aber nicht abgehängt. „Die Dorfgemeinschaft bleibt erhalten, obwohl wir nach außen vernetzt und im Stuttgarter Speckgürtel sind“, sagt Simone Rathfelder. Schöckingen sei eine „schöne heile Welt“.
Auch in Schöckingen sind Straßen zugeparkt
Und dennoch nicht das Paradies – „aber nah dran“, meint Andreas Titze, grinst. Klar, man müsse sich einschränken, Schöckingen habe natürlich nicht die Vielfalt wie Ludwigsburg oder Stuttgart, kulturell etwa.
Auch gegen mehr Gastronomie hätten die Bewohner nichts einzuwenden. Im Alten Rathaus öffnet dienstags ein Café – ein noch belebterer Ort wäre toll, gerade für Ältere, meint Jochen Gommel. Das Milchhäusle sei dafür leider zu klein. Das einzige Restaurant macht nur am Wochenende auf. Ebenso würden altersgerechte Wohnformen fehlen. Die Busanbindung Richtung Norden sei „recht schlecht“, die Taktung nach Ditzingen zumindest soll besser werden. Und auch in Schöckingen sind Straßen vollgeparkt, problematisch vor allem da, wo es keine Gehwege hat. Wie man damit umgeht, „das müssen wir diskutieren“, sagt Andreas Titze.
Höher, größer, schneller – in unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind.