Das Zapfpistole an der Tankstelle ist inzwischen nicht nur für Privatleute zu einer „Bedrohung“ der finanziellen Art geworden. Foto: Sven Simon

Die Kraftstoffpreise explodieren. Unternehmen und Wirtschaftsvertreter aus dem Kreis Esslingen bereitet das große Sorgen. Wie geht es weiter?

Jetzt soll es in die andere Richtung gehen, nachdem die Benzin- und Dieselpreise mit Beginn des Iran-Kriegs sofort explodiert und seither unaufhörlich gestiegen sind. Zumindest möchte das die Bundesregierung mit der zu Wochenbeginn angekündigten Senkung der Energiesteuer um 17 Cent erreichen – wann immer diese letztlich kommen mag.

 

Nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Wirtschaft soll damit entlastet werden, was auch aus Sicht einiger besonders betroffener Firmen und Betriebe aus dem Kreis Esslingen überfällig ist und möglichst schnell in die Tat umgesetzt werden sollte. Dass die dadurch vorhergesagte Preisreduzierung tatsächlich an den Zapfsäulen ankommt, ist für die Befragten aber noch längst nicht ausgemachte Sache.

Handwerker-Chef fordert Flexibilität ein

So begrüßt Kreishandwerksmeister Karl Bossler zwar, dass es jetzt eine Lösung gibt, befürchtet aber „weitere Mitnahmeeffekte seitens der Mineralölkonzerne“. Zudem stellt sich ihm die Frage, „weshalb man bei der CO2-Bepreisung so unflexibel ist“. Aus seiner Sicht müsse der Staat auf Ziele, die er sich gesteckt habe, in so einer Situation auch mal verzichten, fügt er hinzu.

 

Die wirtschaftlichen Auswirkungen solcher Preisschübe seine gerade auf das Handwerk extrem groß. „Das ist ein Batzen, den vor einiger Zeit noch niemand in seine Angebote einkalkulieren konnte“, stellt er klar. Die zusätzlichen Kosten, die entstünden, ließen sich allerdings nicht so einfach umlegen. „Die Rechnung passt für uns nicht mehr und wenn der Herbst wieder mit Macht kommt, stellt sich beim Heizöl das gleiche Problem“, ergänzt Bossler.

Probst: Formale Absprachen sind da doch gar nicht nötig

Simon Probst, Geschäftsführer der gleichnamigen Esslinger Spedition, macht deutlich, dass die Dieselpreis-Rallye „bei uns schon reingehauen hat, da wir ohnehin auf Kante genäht sind“. Rund 30 000 Liter Diesel brauche sein Betrieb pro Monat, da mache jeder Cent etwas aus und könne nur weitergegeben werden, wenn mit den Kunden ein sogenannter Diesel-Floater vereinbart sei. „Diese Anpassung heißt aber dennoch, dass wir in Vorleistung gehen müssen“, sagt Probst.

Er befürchtet zudem, „dass es trotz der jetzt angekündigten Mineralölsteuer-Senkung an den Tankstellen absurderweise weiterhin nur in eine Richtung geht“. Dass die beschlossene Verschärfung des Kartellrechts etwas bringt, glaubt Probst zudem nicht. „Formale Absprachen, die sich nachweisen lassen, sind da doch gar nicht nötig.“

Gonser: So etwas fängst du nicht auf

Außerdem ist er überzeugt davon, dass die Politik „noch massig weitere Möglichkeiten hätte, aber man will halt nicht“. Für den Esslinger Speditionschef steht fest, „dass der größte Profiteur der hohen Spritpreise neben den Energiekonzernen der Staat ist“. Und obendrein hat Probst für sich noch einen ganz persönlichen Wunsch: „Ich bin seit 2019 Geschäftsführer und hätte einfach gerne mal ein ganz normales Jahr.“

Sinken die Spritpreise wieder? Es gibt zumindest Zweifel. Foto: IMAGO/Wolfilser

Jochen Gonser, stellvertretender Leiter der Esslinger Niederlassung des Logistikers Gebrüder Weiss, ist zwar schon weit länger auf seinem Posten, hat einen solchen Preisanstieg aber ebenfalls noch nicht erlebt: „Das sind beim Diesel gut 60 Cent mehr als noch im Februar. So etwas fängst du nicht auf, da die Margen eh nicht so doll sind.“

Massive Kritik wegen „Klientelpolitik“

Etwa 30 Prozent hätten die Treibstoffkosten in der Branche bisher ausgemacht. „Jetzt geht’s Richtung 35 Prozent“, erklärt er. Dass sich die Politik solange Zeit lässt, um etwas zu unternehmen, sei für ihn völlig unverständlich. „Es war doch von vorneherein klar, dass nur eine Reduzierung der Mineralölsteuer was bringt. Aber da wurde nur gelabert und Klientelpolitik gemacht“, schimpft er und hat vor allem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche im Fokus.

Dass die nun für zwei Monate angekündigte Steuersenkung langfristige Auswirkungen hat, erwartet Gonser ohnehin nicht. „Deutschland wird bei den Treibstoffpreisen auch künftig mit am teuersten sein. Da geht nichts mehr aufs alte Niveau zurück, das schaukelt sich immer höher und wird sich in allen Branchen auswirken“, ist er überzeugt und spricht explizit die Busunternehmen an.

Kiesel: Das hat in noch nie dagewesener Form reingehauen

Ein solches ist die Firma Schlienz, deren Geschäftsführer Erhard Kiesel die Einschätzung von Gonser bestätigt: „Der Preisschub hat bei uns volle Kanne und in noch nie dagewesener Form reingehauen.“ Bei einem Tagesverbrauch von rund 12 000 Litern Diesel seien das bei Schlienz Mehrkosten von täglich 6000 Euro, hat er hochgerechnet und verweist darauf, dass diese nur in ganz wenigen Fällen weitergegeben werden könnten.

„Wir haben oft langfristige Verträge und nur bei den neueren gibt es ein Preis-Gleit-Klausel“, betont Kiesel. Das bedeute, dass die Betriebe in jedem Fall in Vorleistung gehen müssten, oder sogar, „dass es voll unser Risiko ist“. Liefen Verträge etwa Ende dieses Jahres aus, gebe es am Ende rein gar nichts an möglichen Ausgleichszahlungen.

Zusätzliche Liquiditätshilfe wäre hilfreich

Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen habe deshalb gleich Alarm geschlagen, „weil uns weder eine höhere Pendlerpauschale noch eine 12-Uhr-Regel helfen“, sagt Kiesel und hofft, dass eine niedrigere Mineralölsteuer sofort wirkt: „Alles was hilft, den Preis zu senken ist gut, und alles was wir an Cash haben, hilft uns.“ Notwendig sei zudem eine Liquiditätshilfe, fährt er fort.

„Als Busunternehmen sind wir obendrein, anders als Handwerker oder Speditionen, nur begrenzt in der freien Marktwirtschaft zugange, da wir eine Beförderungspflicht haben und deshalb fahren müssen“, erklärt der Schlienz-Chef die Besonderheit der momentanen Situation. In seiner Branche jedenfalls – und für den Fall, dass die Dieselpreise nicht wieder dauerhaft sinken, malt Kiesel schwarz: „Wir halten uns alle an der Hand und fahren auf den Abgrund zu.“

Explosion der Dieselpreise

Entwicklung
Ende Februar, unmittelbar vor Beginn des Iran-Kriegs, lag der Diesel-Preis im Kreis Esslingen noch bei 1,70 Euro. Innerhalb von 14 Tagen stand er dann bei 2,20 Euro und hatte erstaunlicherweise auch das zuvor stets teurere Benzin überholt. Zur Begründung sprach die Mineralölbranche stets vom „zu erwartenden Wiederbeschaffungswert anhand des gestiegenen Rohölpreises“. Obwohl das Rohöl zwischenzeitlich wieder deutlich günstiger zu haben war, wirkte sich dies an den Zapfsäulen nicht aus.

Diesel-Floater
Die sogenannte Preisgleitklausel beim Diesel, auch Diesel-Floater genannt, ist ein vertragliches Instrument, das es ermöglicht, vereinbarte Preise bei langen Vertragslaufzeiten an geänderte Kostenfaktoren anzupassen. Unter anderem für Logistik- und Speditionsbetriebe bedeutet das, die von ihnen veranschlagten Transportpreise in einem zuvor festgelegten Betrachtungszeitraum korrigieren zu können. Je nachdem, auf welche Dauer diese Zeiträume fixiert wurden, müssen die Firmen dennoch in Vorleistung gehen, um – wie im aktuellen Fall – plötzlich auftretende Preiserhöhungen abzufangen.