Allheilmittel Lüftung? Ein gutes Gebläse kann Corona-Viren wegpusten, meinen manche. Pustekuchen, sagt Jonathan Ahmed. Der Absolvent der Hochschule Esslingen hat die Frage in seiner Masterarbeit untersucht und ist zu überraschenden Ergebnissen gekommen.
Manche machen es sich leicht: Covid19-Viren werden durch Aerosole übertragen, meinen sie. Und Aerosole könnten durch eine gute Lüftung ausgeknockt werden. Klingt logisch. Doch Jonathan Ahmed mochte sich mit solch vereinfachenden Aussagen nicht zufriedengeben. Der 29-Jährige wollte es genauer wissen. Für seine Masterarbeit setzte der Absolvent der Hochschule Esslingen Aerosole verschiedenen Luftströmungen aus und erforschte durch Simulationen die Ausbreitung der Virenträger durch die Raumluft. Die Untersuchung brachte ihm einen Preis der Heinz-Trox-Stiftung für Nachwuchswissenschaftler ein.
Eine wichtige Mail
Die Mail hat er zunächst gar nicht beachtet. Absender Heinz-Trox-Stiftung? Na ja, dachte sich Jonathan Ahmed, das werde wohl die Bestätigung sein, dass seine Abschlussarbeit unter vielen anderen von der Jury getestet werde. Karl-Josef Albers, der Professor, der ihn beim Schreiben seiner Masterarbeit an der Hochschule Esslingen begleitet hatte, rüttelte ihn wach. Nein, die Mail habe Gewicht. Mit ihr würden die drei Gewinner des Preises für Nachwuchswissenschaftler benachrichtigt. Also reiste Jonathan Ahmed mit seinem Prof nach Aachen und erlebte einen spannenden Abend. Nun gut – spannend aus seiner Sicht. Denn es ging um Lüftungen, Lüftungssysteme, Luftführungssysteme. Themen, die nicht allen eine Gänsehaut über die Rücken jagen würden, doch bei Jonathan Ahmed genau den richtigen Nerv trafen.
Er ist ein Technikfreak durch und durch. Der in Landstuhl in der Nähe von Kaiserslautern Geborene ist eine Art Daniel Düsentrieb mit Tüftler-Gen und einem geschickten Händchen, das einfach zupacken muss. Nach der Mittleren Reife absolvierte er eine Ausbildung zum Kunstschlosser. Ein Superjob, meint der junge Mann im Nachhinein. Bei sich zu Hause habe er aktuell eine kleine Schmiede, in der er in seiner Freizeit Arbeiten anfertigte. Doch leider standen die Arbeitgeber nach Abschluss seiner Lehre nicht gerade Schlange. Ein paar seiner Kollegen kamen bei Domhütten, in Restaurationsbetrieben oder Spezialfirmen unter – doch er schaute in die Röhre. Ein Unternehmen stellte ihn aber als Schlosser ein. Hat Spaß gemacht, sagt er.
Können Lüftungssystem die Ausbreitung von Viren verhindern?
Aber nach zwei Jahren wollte er mehr und etwas anderes. Freunde von ihm studierten in Esslingen. Da schrieb er sich an der Fakultät Angewandte Naturwissenschaften im Fachbereich Energie- und Gebäudetechnik ein. Eine gute Wahl. Ein Praktikumsplatz war schnell gefunden. Bei der T.P.I. Trippe und Partner Ingenieurgesellschaft mbH in Leinfelden-Echterdingen konnte er auch sein Praxissemester ableisten, hier arbeitet er seit seinem Abschluss – und der dortige Geschäftsführer hatte die Idee für das Thema der Masterarbeit über die Ausbreitung von Aerosolen durch Raumluft. Zum Durchatmen aber kam er während des Schreibens seiner Thesis kaum. Fünf Monte lang hat Jonathan Ahmed mit Hilfe von Simulationstechnik die Gefahren durch die Virenträger untersucht. Wie gut, fragte er sich, können verschiedene Lüftungs- und Luftführungssysteme die Ausbreitung von Viren verhindern oder einschränken.
Nachgestellt wurde ein Büroraum mit neun Leuten. Die Quintessenz der Untersuchung: Es nütze gar nichts, so Jonathan Ahmed, immer noch mehr Luft in einen Raum zu pumpen. Das schade nur der Gesundheit, der Wohlfühlatmosphäre und der Aufenthaltsqualität der Menschen. Die Thermik treibe die Luft mit den Aerosolen nach oben. Das Beste wäre also, die Luft impulsarm in Bodennähe einzubringen und über den Köpfen der Menschen zu extrahieren. Also Schluss mit vereinfachenden Erklärungsmustern: Geballte Luftpower vertreibt Aerosole nicht. Allerdings, schränkt Jonathan Ahmed bescheiden ein, seine Erkenntnisse fußten auf Simulationen mit Idealzuständen. Er könne nicht sagen, was passiere, wenn zum Beispiel jemand den Raum verlasse oder ein Fenster öffne.
Der Jury hat gerade das gefallen. Die kritische Würdigung und das Hinterfragen der eigenen Kenntnisse durch Jonathan Ahmed kam bei ihr gut an. Elf Nachwuchswissenschaftler wurden für den Stiftungspreis nominiert und unter ihnen die drei Preisträger ausgewählt. Stiftungsgründer Heinz Trox hatte wohl Sinn für Humor und ein Faible für Schnapszahlen – denn das Preisgeld beträgt genau 3333 Euro. Beim Küren der drei Sieger in Aachen hatte Jury-Vorsitzender Professor Dirk Müller einen praktischen Tipp für die Ausgezeichneten parat: Sie sollten um Gottes Willen und unter keinen Umständen das Preisgeld für irgendetwas Nützliches oder sowieso Geplantes wie eine Autoreparatur ausgeben: „Verprassen Sie es!“ Das hat Jonathan Ahmed getan: Er hat sich ein Camping-Solar-Set gegönnt. Finanziell, meint er, werde sich das nie amortisieren. Aber egal – er hat Freude daran. Was mit dem restlichen Geld passiert, überlegt er sich noch. Hobbys hat er viele – Fahren mit dem Mountainbike, Sport, Camping und alles, was mit Technik zu tun hat. Doch nach seiner Masterarbeit möchte er nun erst einmal wieder zu Atem kommen – ganz ohne Aerosole.
Die Heinz-Trox-Stiftung
Stiftung
Der Unternehmer Heinz Trox (1934 bis 2015) hat die nach ihm benannte Stiftung 1991 gegründet. Ein Grund dafür war der Fortbestand der Trox GmbH als selbstständiges Unternehmen und damit die Bewahrung seines Lebenswerks. Zweck der Stiftung mit Sitz in Neukirchen-Vluyn am linken Niederrhein sind die Förderung wissenschaftlicher Tätigkeiten im Bereich der Klima- und Lüftungstechnik sowie die Unterstützung sozialer und kultureller Aktivitäten.
Finanzierung
Die Stiftung hält 94 Prozent der Geschäftsanteile an der Trox GmbH. Diese Beteiligung stellt laut Homepage ihren wesentlichen Vermögenswert dar. Die Dividendenausschüttung sei die wirtschaftliche Grundlage für die Fördertätigkeit der Stiftung. Das Gesamtfördervolumen der Heinz Trox-Stiftung betrug bis zum 31. Dezember 2019 insgesamt etwa 5,1 Millionen Euro.
Preis
Die Heinz-Trox-Stiftung lobt für besondere Abschlussarbeiten Preise aus. 2022 wurden drei junge Nachwuchswissenschaftler für ihre Arbeiten mit dem „Heinz Trox-Stiftungspreis“ gewürdigt. Einer der Ausgezeichneten war Jonathan Ahmed für seine Arbeit über Strömungssimulationen der Ausbreitung von virentragenden Aerosolen. Für den Stiftungspreis kann man sich nicht bewerben. Elf Nominierte wurden der Jury zur Bewertung vorgeschlagen.
Mehr unter https://www.heinz-trox-foundation.com/