Sportaufnahme: Um die Spieler scharf darzustellen wurde hier mit 1/400 Sekunde belichtet. Hätte man statt der Spieler den Handball fotografieren wollen, wären noch kürzere Belichtungszeiten notwendig gewesen. Sonst wäre der Ball verschwommen gewesen. Foto: Julian Wenzel

Eine Kamera zu verstehen und zu bedienen ist letztlich ganz einfach. Denn ein technisch gutes Bild hängt immer von nur drei Einstellungen ab: Blende, Verschlusszeit und ISO. In dieser Serie erkläre ich die drei Parameter und ihre Wirkung an Beispielen. Dieses Mal: die Verschlusszeit.

Klick. Ein Geräusch, das klarmacht: jetzt ist ein Bild entstanden. Manchmal hört man es zwei Mal bevor das Bild fertig ist, bei modernen Kameras kann ein Bild sogar geräuschlos gemacht werden. Doch was ist der Ursprung dieses Klickens und was bedeutet es?

Es kommt vom Verschluss, im Englischen auch Shutter genannt. Er bestimmt, wie lange ein Bild belichtet wird. Sobald wir auf den Auslöser drücken, öffnet sich der Verschluss – Licht kann auf den Sensor oder Film fallen und diesen belichten. Sobald sich der Verschluss wieder schließt, ist die Belichtung des Bildes abgeschlossen und das Foto fertig aufgenommen.

Die Zeit, die zwischen Öffnen und Schließen des Shutters vergeht, wird als Verschlusszeit oder auch Belichtungszeit bezeichnet. Sie wird in Sekunden gemessen. Übliche Verschlusszeiten einer Kamera, liegen zwischen 30 Sekunden und 1/8000 Sekunde.

Einfluss auf die Helligkeit des Bildes

Je länger ein Bild belichtet wird, desto mehr Licht kann auf den Sensor fallen, was für ein helleres Bild sorgt. Verdoppelt man die Verschlusszeit, so wird das Bild auch doppelt so hell. Besonders bei Nachtaufnahmen hilft also eine längere Verschlusszeit. Bewegt man die Kamera aber während der Shutter geöffnet ist, wird das Bild verwackelt und wirkt verschwommen. Schon minimale Bewegungen können, während man die Kamera in der Hand hält, dafür ausreichen.

Durch Bildstabilisatoren in Objektiven oder der Kamera selbst können diese Bewegungen ausgeglichen und reduziert werden. Dadurch können bei modernen Kameras wie der Olympus OM-D 1 Mark II handgehalte Belichtungszeiten von bis zu 2 Sekunden erreicht werden. Wie weit man die Belichtungszeit erhöhen kann, hängt dabei zum einen von der Brennweite des Objektivs ab. Je länger das Objektiv ist, desto kürzer muss die Belichtungszeit werden. Eine gute Faustregel ist, dass die Belichtungszeit ohne Bildstabilisator mindestens dem Kehrwert der Brennweite entspricht.

Bei einem 200mm-Objektiv entspräche dies also mindestens 1/200 Sekunde. Zum anderen beeinflusst die Auflösung des Sensors die maximale verwacklungsfreie Verschlusszeit. Je mehr Pixel ein Sensor hat, desto feiner nimmt er kleinste Bewegungen auf, weswegen die Belichtungszeit handgehalten weiter verkürzt werden muss, um scharfe Bilder zu erhalten. Um sämtliche eigene Bewegungen zu eliminieren, hilft nur ein Stativ oder eine solide Unterlage für die Kamera.
Damit sich die Verschlusszeit gezielt einstellen lässt, muss man die Kamera auf den Modus S/Tv oder M einstellen. Bewegungen einfrieren oder fließend darstellen.

Die Verschlusszeit bestimmt aber nicht nur die Helligkeit, sondern auch die Wirkung von bewegten Objekten. Entweder können deren Bewegungen eingefroren oder fließend dargestellt werden. So kann Wasser wie ein weicher Fluss aussehen oder man sieht jeden einzelnen Tropfen auf dem Bild. Wenn sich ein Objekt schnell bewegt, muss auch die Verschlusszeit sehr kurz gewählt werden, um es scharf abbilden zu können. Für Autos, Sportler oder Wassertropfen können Belichtungszeiten von weniger als 1/2000 Sekunde notwendig sein.

Die unterschiedliche Wirkung eines Motivs: links wurde das Wasser mit 0,8 Sekunden rechts mit 1/1600 Sekunde Belichtungszeit aufgenommen.

Verschlusszeit anhand von Beispielsituationen

Sportaufnahmen

Die meisten Sportarten, egal ob Leichtathletik oder Motorsport, bestehen aus schnellen Bewegungen. Um die einzelnen Momente einzufrieren und die Bewegung festzuhalten, braucht es kurze Belichtungszeiten. Ich empfehle bei Sport mit 1/1000 Sekunde zu starten und zu schauen, ob die Bewegung bereits eingefroren ist oder noch verschwommen wirkt. Je nachdem, kann man die Belichtungszeit davon ausgehend verlängern oder verkürzen und somit die optimale Zeiteinstellung herausfinden. Für extrem schnelle Bewegungen wie beispielsweise bei der Formel 1, helfen Belichtungszeiten von 1/32.000 Sekunde.

Die Sony Alpha 9 ermöglicht solche Zeiten zum Beispiel, indem sie keinen mechanischen Verschluss nutzt, sondern rein digital das Öffnen und Schließen des Shutters simuliert.

Langzeitbelichtung

Fließende Wasserfälle oder Linien der Autolichter: Langzeitbelichtungen haben etwas Magisches, weil sie uns einen optischen Eindruck vermitteln, den wir selbst so nicht wahrnehmen können. Um Bewegungen fließend festzuhalten, sind Verschlusszeiten von mehreren Sekunden (5 Sekunden und länger) notwendig. Dafür muss die Kamera absolut fest an einem Ort stehen.

Nachts (also beispielsweise bei der Aufnahme von Autolichtern) sorgt die längere Belichtungszeit gleichzeitig für ausreichend Licht im Bild. Tagsüber verursachen lange Belichtungszeiten hingegen meist überbelichtete Bilder. Hier helfen Graufilter, die man vor das Objektiv setzen kann und weniger Licht durch das Objektiv lassen. All diese Bilder wurden mit mehreren Sekunden Belichtungszeit aufgenommen, bei allen kamen Stative zum Einsatz.

Streetfotografie

Für alltägliche Momente zu Hause oder für Streetfotografie hilft es, einen Standardwert für die Verschlusszeit im Kopf zu haben. Ich rate, die Kamera auf 1/250 Sekunde zu stellen. Sowohl kürzere als auch längere Belichtungszeiten lassen sich von diesem Wert aus mit wenigen Drehs am Rädchen einstellen. Um Menschen zu fotografieren, rate ich zusätzlich nie länger als eine 1/60 Sekunde zu belichten.

Normalerweise stehen Menschen selten still, was bei einer längeren Belichtung zu unscharfen Aufnahmen führen kann.
Mein Tipp: lässt sich an Ihrer Kamera eine Taste mit Standardeinstellungen belegen, die Sie darüber schnell wieder aufrufen können, programmieren Sie diese Taste mit einer Belichtungszeit von einer 1/250 Sekunde.

Motion Blur-Aufnahmen

Motion Blur-Aufnahmen lassen die Umgebung durch die Geschwindigkeit verschwimmen, die Objekte aber scharf erscheinen. Besonders in der Autowerbung ein klassisches Motiv. Alles, was es dafür braucht, ist eine etwas verlängerte Belichtungszeit. Während zum Beispiel der Radler durchs Bild fährt, bewegt man das Objektiv stetig mit und löst aus. Je näher man als Fotograf am Objekt ist, desto schneller muss man sich mitbewegen. Dementsprechend kürzer muss dann auch die Verschlusszeit sein.

Ein guter Startwert für Fahrräder oder auch langsam fahrende Autos ist eine Verschlusszeit von 1/100 Sekunde. Je länger man belichten kann, umso mehr verschwimmt die Umgebung durch die Geschwindigkeit.
Wenn möglich sollte übrigens der Bildstabilisator des Objektivs entlang der Bewegungsrichtung ausgeschalten werden. Das sorgt für schärfere Aufnahmen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: