Alexander und Antonia Ulbrich haben eine Arztpraxis in Birkach betrieben. Foto: z/privat

In unserer Serie „Mein 2017“ sprechen wir mit Menschen, die im vergangenen Jahr etwas Außergewöhnliches erlebt haben. Wir fragen nach, wie es ihnen geht, was sich inzwischen verändert hat und blicken auch ein wenig in die Zukunft. Heute: Alexander und Antonia Ulbrich, die ihre Arztpraxis in Stuttgart-Birkach aufgegeben haben.

Birkach - Wer von einem Arzt zu einem Gespräch nach Hause eingeladen wird, der rechnet mitunter mit einem großen, stolzen Haus. Bei Alexander und Antonia Ulbrich werden solche Erwartungen enttäuscht. Der Allgemeinmediziner und die Arzthelferin leben in einer Wohnung eines mehrstöckigen Hauses an der Grüninger Straße in Birkach, das sich nicht von den Nachbarhäusern unterscheidet. „So haben sich die Zeiten geändert“, sagt Alexander Ulbrich. „Mein Praxisvorgänger hatte mehrere Häuser erwirtschaftet. Wir haben als Doppelverdiener eine selbsterarbeitete Eigentumswohnung mit viereinhalb Zimmern – das war’s.“

Im Oktober wurden die Patienten informiert

Mehr wird es nun auch nicht mehr werden: Zum Jahresende ist das Ehepaar in den Ruhestand gegangen, die Praxis haben sie aufgegeben. Das Jahr 2017 des Ehepaars war geprägt durch die Suche nach einem Nachfolger für die Praxis an der Birkheckenstraße: Im Januar 2017 hat Antonia Ulbrich angefangen, über alle Kanäle zu suchen: „Wir haben im Ärzteblatt inseriert, bei der Notfallpraxis inseriert und über die Kassenärztliche Vereinigung nach Medizinern gesucht.“ Ein paar Interessenten kamen im Laufe des Jahres nach Birkach und schauten sich die Praxis sowie die Bilanzen an. Im Oktober gab das Ehepaar auf: Heutzutage wolle kaum mehr ein junger Arzt eine Praxis übernehmen, in der vorrangig Kassenpatienten versorgt würden – da man dort zu wenig verdient und sich an deutlich mehr Vorschriften halten muss als in einer Privatpraxis, erläutert Alexander Ulbrich.

„Am 13. Oktober haben wir die Patienten informiert: durch Briefe und Faxschreiben sowie durch einen Aushang an der Praxistür“, berichtet Antonia Ulbrich. Seitdem hat das Ehepaar viele Reaktionen erhalten: einige verständnisvolle, aber auch wütende, traurige und verzweifelte. „Eine frustrierte Patientin mit „Bruchbiografie“ formulierte es so: Sie habe viele Ärzte erlebt und vertraue nur noch mir“, berichtet der Arzt. Ein Mann mit Behinderung hat ihm zum Abschied ein Namensschild gebastelt und ist extra von weiter her angereist, um ihm dieses zu überreichen. Solche Erinnerungen sind es, die Alexander Ulbrich behalten will. „Ich bin dankbar für all die Patienten, die mich nicht miss-, sondern gebraucht haben. Und ich bin sehr dankbar für die jahrzehntelange Hilfe meiner Frau, der Helferinnen und meines Gottes“, sagt Ulbrich.

Patienten gingen immer vor

Nicht vermissen wird Ulbrich dagegen die 60- bis 70-Stunden-Wochen, die er während seiner Berufstätigkeit hatte. Seine Ehefrau berichtet: „Mein Mann war nie ein Arzt, der im Fünf-Minuten-Takt die Patienten durchgewunken hat. Er hat sich für jeden Zeit genommen. Zwar sind wir Helferinnen manchmal verrückt geworden, wenn ein Patient bereits eine halbe Stunde bei ihm im Zimmer saß – aber die Patienten haben genau das an ihm geschätzt.“

Trotzdem sagt der 65-Jährige: „Wenn ich mich noch mal entscheiden müsste, würde ich es wieder machen – genau so –, trotz einiger finanzieller Existenzängste, die wir erlebt haben.“ Er habe den liebevollen Umgang mit den Patienten und die seelische „Schadensbegrenzung“ nach schwerwiegenden Diagnosen stets vor seiner Freizeit vorgezogen. „Immer war ein abendlicher Termin unsicher – auch bei Konzertauftritten von Familienangehörigen – , falls es einem meiner Patienten abends plötzlich nicht gut ging“, sagt er. Das will er nun nachholen: mehr Zeit für Konzerte, mehr Zeit um selbst zu musizieren – unter anderem als Fagottspieler im Orchester der Uni Hohenheim – und endlich den Tangokurs mit seiner Frau machen, für den er nie Zeit hatte. „Außerdem will ich für meine Frau kochen lernen, da sie mich über 30 Jahre lang bestens bekocht hat. Generell will ich Zeit meiner Frau, Kindern und meinen drei Enkelkindern widmen, die ich in den vergangenen Jahren nicht hatte.“

Freude auf die Zeit für die Familie

Außerdem plant Ulbrich, sich ehrenamtlich in der Hospizarbeit zu betätigen: „Als Arzt musste ich Menschen immer auch gezwungen dokumentiert, qualitätsgesichert und juristisch wasserdicht beim Sterben begleiten. Das Seelische und Existenzielle kommt da schnell zu kurz.“ Er könne sich gut vorstellen, den Bewohnern im anthroposophischen Altenheim in Birkach, dem Nikolaus-Cusanus-Haus, vorzulesen, Lieder zu singen und sie beim Sterben zu begleiten. Es ist unüberhörbar: Sich auf die faule Haut zu legen, ist für Alexander Ulbrich nicht vorstellbar. Er freut sich auf das Jahr 2018 und die neuen Aufgaben.

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