Praxis für Lehrlinge Eine Chefin in Ausbildung

Von Michael Deufel 

Kiosk in Feuerbach in der Hand von Lehrlingen: Florian Kraus (links) und Robert Brombach arbeiten einen Monat lang weitgehend ohne die Kontrolle ihres Ausbilders. Foto: Michele Danze
Kiosk in Feuerbach in der Hand von Lehrlingen: Florian Kraus (links) und Robert Brombach arbeiten einen Monat lang weitgehend ohne die Kontrolle ihres Ausbilders. Foto: Michele Danze

Sieben Auszubildende eines Kioskunternehmens managen eine Filiale am Feuerbacher Bahnhof einen Monat lang in Eigenregie. Auf diese Weise sollen die jungen Leute fit für die Praxis werden.

Stuttgart - Zeitungsstapel, Pappkartons mit Süßwaren, Bestelllisten. Am Schreibtisch sitzt ein junger Mann und zählt Euro. Emma Justus schaut durch den Türspalt ins Hinterzimmer:„Chefin, ein Vertreter möchte dich sprechen.“ Die Chefin ist gar nicht da, oder doch? „Ich komme“, sagt Natalie Giesinger und huscht durch die Tür in den Verkaufsraum. Mit dem Mitarbeiter eines Zigarettenlieferanten bespricht sie Fragen zum Sortiment. Natalie Giesinger ist 20 Jahre alt und lernt zurzeit Kauffrau im Einzelhandel. Sie ist im Kiosk des Bahnhofs in Feuerbach Chefin in Ausbildung.

Die Betreiberin des Geschäfts, die Unternehmensgruppe Dr. Eckert mit rund 190 Geschäften bundesweit, verfolgt mit seinen Auszubildenden seit einiger Zeit einen eigenen Weg, ähnlich wie dies auch die Drogeriemarktketten dm und Müller praktizieren: Die jungen Leute müssen im dritten Lehrjahr einen Kiosk – einen in Stuttgart und einen in Berlin – einen Monat lang in Eigenregie führen, was sich allerdings nicht nur aufs Kassieren und Regale einsortieren beschränkt. Für die Stellen als Filialleiter und Verkäufer auf Zeit müssen sich die Auszubildenden zunächst firmenintern schriftlich bewerben, sie müssen sich in einem Vorstellungsgespräch bewähren und später eigenverantwortlich in einer Filiale arbeiten. Frank Ackermann, einer von zwei baden-württembergischen Bezirksleitern der Firma, steht den Auszubildenden dabei zur Seite, allerdings nicht mehr oder weniger wie der etatmäßigen Filialleiterin. „Etwa einmal die Woche schaue ich vorbei, mehr Zeit hätte ich gar nicht“, sagt Ackermann.

Als Lotto/Totto-Annahmestelle dürfen sie auch Gewinne bis zu 1000 Euro selbstständig ausbezahlen

Im Feuerbacher Kiosk hat normalerweise Bärbel Mauser das Sagen. Anfang Oktober hat sie sämtliche Schlüssel übergeben, auch jenen für den Tresor. Einen Monat wird sie ihr Geschäft nicht betreten. Die Auszubildenden, Natalie Giesinger und sechs weitere Verkäuferinnen und Verkäufer, haben freie Hand was Arbeitsabläufe, Wareneinkauf, Marketing angeht inklusive Prokura. Als Lotto/Totto-Annahmestelle dürfen sie auch Gewinne bis zu 1000 Euro selbstständig ausbezahlen. Sie müssen Wettbewerber in Freuerbach angebots- und preistechnisch analysieren. Der dickste Brocken: Die Auszubildenden sollen den Umsatz innerhalb eines Monats um zehn Prozent steigern. Das alles geschieht im Schichtbetrieb werktags ­zwischen 4.45 und 21 Uhr.

Die jungen Leute fangen dann im Unternehmen als selbstständige, verantwortungsbewusste, teamfähige und bei den Kunden beliebte Mitarbeiter an, sagt Ackermann. „Von den Pendlern in Feuerbach kommt oft der Satz: ,Oh die Azubis sind wieder da.‘“

Ende Oktober kommt der Tag der Inventur. Bis dahin will sich Natalie Giesinger für mehr als für eine Chefin in Ausbildung ­empfehlen.

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