An diesem Nachmittag steht das Üben mit den Hula-Hoop-Reifen auf dem Stundenplan. Foto: Susanne Müller-Baji

Kinder können eine Menge in der Manege lernen. Mehrere Zirkus-Projekte unterstützen das, etwa an der Pragschule im Stuttgarter Norden.

Stuttgart-Nord - Ob Clowns, Dompteur oder Akrobatin: Kinder lieben Zirkus. Sie können in der Manege aber auch sehr viel lernen, weiß man an der Pragschule in Stuttgart-Nord. Seit 16 Jahren gibt es hier einen verbindlichen Zirkusunterricht für Drittklässler. Und das ist nur ein Projekt von mehreren, in denen Zirkus Schule macht.

„Manege frei!“ – Hinter diesen zwei Wörtern verbirgt sich eine ganze Welt, bunt und schwerelos. Aber die Grundschüler der Pragschule spielen nicht nur Zirkus, sie lernen Dinge, die auch Erwachsene sprachlos machen: Sie jonglieren, liegen auf einem echten Nagelbrett oder schweben am Würfeltrapez zu mehreren zwischen Himmel und Erde. Vor allem haben sie dabei aber auch gelernt: Es ist richtig schwer, bis es so federleicht aussieht.

Die Idee zu diesem Projekt war dem damaligen Rektor Peter Burkhardt 2005 gekommen: „Wir halten es mit dem Zirkus so, dass er auch eine Herausforderung sein soll“, sagte er zum zehnjährigen Bestehen im Jahr 2015 und war sich sicher: Der Zirkus Pragoli ist ein hervorragendes pädagogisches Mittel, weil er wichtige Fähigkeiten mit viel Spaß verbindet.

Die Kinder putzen das Klassenzimmer, das Geld kommt dem Zirkus zugute

Jeweils zwei Stunden pro Woche werden die Drittklässler der Pragschule in unterschiedlichen Disziplinen unterrichtet. Um das zu finanzieren, reichen die üblichen Zuschüsse nicht aus. Deshalb braucht das Projekt die Solidarität aller Klassenstufen, wie die heutige Schulleiterin Isabelle Habel erläutert: „Einmal die Woche putzen die Kinder ihre Klassenzimmer selbst, und das so eingesparte Geld kommt dem Zirkus zugute.“ Dass der Zirkus Schule macht, liegt auch am Circus Circuli, einem Angebot der Stuttgarter Jugendhaus GmbH, mit der die Pragschule zusammenarbeitet: Das Team um Karl-Heinz Ramminger bringt das Know-how in die schuleigene Manege, die Mitarbeiter sind Lehrer, Schulsozialarbeiter und Vorbild zugleich. Natürlich hat die Pandemie auch hier eine Zwangspause ausgelöst, so Thomas Schäberle, Leiter und Ansprechpartner für den Circus Circuli.

Entscheidende Fähigkeiten wie Koordination und Balance

Ramminger und Schäberle stimmen überein, dass sich durch die Lockdowns noch verstärkt habe, was sich in den Jahren zuvor schon abgezeichnet hat – augenscheinlich ist es das Ergebnis des modernen urbanen Lebens: Kinder haben immer weniger Gelegenheit zum Toben, dafür aber einen stärker durchstrukturierten Tagesablauf. Darunter leiden aber so entscheidende Fähigkeiten wie Koordination und Balance, aber auch der Gruppenzusammenhalt.

Was damit genau gemeint ist, zeigt sich wenig später bei der Zirkus-Unterrichtseinheit in der Turnhalle: An diesem Nachmittag stehen vier Disziplinen auf dem Stundenplan: Boden-Akrobatik, Hula-Hoop-Reifen, Trampolin und – neu an diesem Dienstag – Diabolo-Jonglage. Bei einigen Schülern muss Ramminger erst einmal Überzeugungsarbeit leisten: Purzelbaum schlagen kann heute nicht mehr jedes Kind – oder traut es sich zumindest nicht mehr zu.

Keine starren Vorgaben wie beim Sport

Überwindung ist alles, bestätigt Martin Bukovsek alias „Carismo“: Auch er ist in Sachen Zirkuspädagogik an den Schulen unterwegs. Bekannt geworden sind vor allem seine Auftritte am Vertikaltuch. In den Schulen betreut er Zirkusangebote innerhalb der Ganztagesbetreuung oder als Ferienprogramm. Zum Glück gebe es beim Zirkus keine starren Vorgaben wie beim Sport, wo es um Leistung oder Haltungsnoten geht, sagt er: „Hier geht es darum, etwas zu probieren, sich zu entfalten oder verborgene Talente zu entdecken.“ Und eines sei bei der Zirkuspädagogik unschlagbar: „Man trainiert eine Sache, aber man lernt zusätzlich noch fünf andere Fähigkeiten.“

Dem stimmt man auch an der Pragschule uneingeschränkt zu: Kinder lernen in der Manege fürs Leben. Gemeinsam mit anderen etwas erarbeiten, auch mal Frustrationen aushalten und über sich hinauswachsen – das steht sonst viel zu selten auf dem Stundenplan.

Weitere Informationen zum Circus Circuli gibt es unter www.circuscirculi.de und zu Martin Bukovsek unter www.carismo.de.