Präventionstrainer Eugen Keim zeigt in der Klasse 5b der Oskar-Schwenk-Schule, wie man sich in unangenehmen und konfliktgeladenen Situationen richtig positioniert. Foto: Claudia Barner

Der Kampfsport-Experte und Präventionstrainer Eugen Keim zeigt Fünftklässlern der Oskar-Schwenk-Schule in Waldenbuch, wie man auf Provokationen sinnvoll und gelassen reagiert.

Waldenbuch - Im Klassenzimmer der 5b an der Waldenbucher Oskar-Schwenk-Schule geht es laut zu. Die Jungen und Mädchen wuseln zwischen Tischen und Stühlen umher. Der Präventionstrainer Eugen Keim hat die Kinder aufgefordert: „Sucht euch einen Partner.“ Freundinnen haken sich unter, Tischnachbarn stellen sich nebeneinander auf. Ein Junge und ein Mädchen beäugen sich unglücklich aus der Distanz. Sie sind allein geblieben, wollen aber partout kein Paar bilden.

Die Situation kippt, es wird still im Raum. Ein Schüler beginnt zu kichern und Eugen Keim greift ein. „Lachen ist hier nicht angebracht“, bescheidet er streng. Der Gerügte muss den Partner wechseln und so seinen Beitrag zur Problemlösung leisten. Schnell zeigt sich: Mit Samthandschuhen wird an diesem Nachmittag in der Klassenlehrerstunde niemand angefasst.

Eugen Keim hat den Platz vor der Tafel von der Pädagogin Irene Starting übernommen und macht klare Ansagen. „Du Opfer, fick dich – das ist eure Sprache. Warum ist es nicht richtig, sich so auszudrücken?“, will er wissen. Die Aufmerksamkeit ist ihm gewiss. Die Hände aber gehen nur zögerlich nach oben. Seltsam, wenn ein Erwachsener so spricht. „Das macht den anderen aggressiv“, sagt ein Schüler, und die Klassenkameraden nicken.

Die Stimme ist die wichtigste Waffe

Wie man es schafft, aggressives Verhalten zu vermeiden, auf Provokationen gelassen zu reagieren und Konflikte gewaltfrei zu lösen, darüber haben sich viele Schüler noch keine Gedanken gemacht. Oder sie haben noch nicht die richtige Strategie dafür entwickelt. „Die Stimme ist eure wichtigste Waffe“, erklärt Eugen Keim. Die nächste Übung heißt deshalb: Ruft laut Stopp und streckt dem Gegenüber die Hände entgegen. Das ist gar nicht so einfach. Erst im dritten Anlauf ist der Präventionstrainer mit der Lautstärke zufrieden. „Üben, üben, üben“, empfiehlt er.

Keim weiß genau, wie er die Kinder erreichen kann. Seit 14 Jahren ist der Kampfsporttrainer und Polizist mit der von ihm entwickelten Gewaltpräventionsschulung „Respekt“ unterwegs. Auf die Stunden im Klassenzimmer, bei denen das Bewusstsein für die eigene Stärke geschult wird, folgen Übungseinheiten auf den Bodenmatten. „Wir kombinieren Entspannungstechniken aus dem Tai-Chi mit den Kampfsportarten Jiu-Jitsu und Judo. Es geht darum, den Kindern und Jugendlichen Werte fürs Leben zu vermitteln. Mich interessieren nicht ihre Schwächen, wir wollen gemeinsam ihre Stärke nutzen“, sagt er.

Stark fühlen sich an diesem Mittag im Klassenzimmer der 5b nur einige besonders selbstbewusste Schüler. Die klaren Ansagen des Trainers verunsichern. Soziales Fehlverhalten wird sofort offen angesprochen und bewirkt betretenes Schweigen. „Stellt euch fest mit den Füßen auf den Boden und stellt euch vor, ihr seid ein Baum“, empfiehlt Eugen Keim. Nach und nach werden die Schultern aufrechter und die Blicke selbstbewusster. Die Körpersprache sendet das Signal: Mir kann keiner was. „Das fühlt sich richtig gut an“, berichtet eine Schülerin.

Das Training basiert auf Respekt und Fairness

„Diese Übungen sind wichtig“, sagt Keim. „Viele Kinder haben das Bewusstsein für sich selbst verloren.“ Die Ursache dafür sieht er vor allem in der Reizüberflutung durch die Neuen Medien. „Wer im Internet und in virtuellen Welten unterwegs ist, bekommt vom richtigen Leben oft gar nichts mehr mit“, sagt er. In unangenehmen realen Situationen wüssten viele Schüler dann nicht, wie man richtig reagiert.

Das Konzept von Eugen Keim setzt an dieser Stelle an. Es basiert auf Werten wie Respekt und Fairness. „Die Kinder brauchen Orientierung und sie müssen die Konsequenzen ihres Handels spüren“, sagt der Präventionstrainer. Im Elternhaus kommen diese Aspekte laut Keim mitunter zu kurz. „Meiner Meinung nach kommt man mit Wischiwaschi hier nicht weiter“, stellt er fest.

Die Schüler akzeptieren das und machen eifrig mit. Von ihrem Stuhl am Ende des Zimmers beobachtet Klassenlehrerin Irene Starting das Geschehen und stellt beeindruckt fest: „Auf Herrn Keim reagieren die Kinder ganz anders als auf uns Lehrer. Normalerweise sind sie um diese Uhrzeit nicht mehr so aufmerksam.“

Das mag auch an der ungewohnten Methodik liegen. Rumrennen und lautes Schreien sind bei Mathe und Deutsch nicht eben förderlich. Wenn es aber darum geht, Hemmungen abzubauen und Grenzen auszuloten, bedarf es anderer Techniken, als sie der Lehrplan vorgibt. „Das eine tun und das andere nicht lassen“, lautet der Ansatz des neuen Schulleiters Jan Stark, der zum Thema Fairplay aus seiner eigenen Karriere als Ringer viel zu berichten weiß. Nach den Sommerferien wird das Projekt „Respekt“ in Waldenbuch deshalb dauerhaft im Sozialcurriculum der Oskar-Schwenk-Schule verankert.

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