Teil einer Gruppe zu sein ist für junge Menschen wichtig. Das nutzen gewaltbereite Gruppierungen aus. Foto: imago

Die Polizei im Landkreis Ludwigsburg versucht offensiv in Gesprächen junge Menschen davon abzuhalten, ins kriminelle Milieu abzudriften. Funktioniert das?

„Dazugehören“ ist insbesondere für junge Menschen ein wichtiger Teil ihrer persönlichen Entwicklung. Teil einer Gruppe zu sein ist identitätsstiftend, hilft das eigene Selbstwertgefühl zu stärken, lässt Gemeinschaft und Zugehörigkeit erfahren. Neben vielen Positivbeispielen entstehen in einer Gesellschaft jedoch regelmäßig auch fragwürdige Gruppen.

Nachdem es ab Juli 2022 zu Gewaltdelikten auch mit Schießereien im Großraum Stuttgart gekommen war, zeigten die Ermittlungen des Landeskriminalamts Baden-Württemberg besagte negativen Gruppentendenzen auf: Zum Teil noch junge Personen, die bislang noch nicht mit Delikten im Bereich der Schwerstkriminalität in Erscheinung getreten waren, wurden von den Gruppierungen instrumentalisiert und führten in der Folge schwere Straftaten in deren Namen aus, heißt es in einer Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Ludwigsburg.

Die beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg eingerichtete Besondere Aufbauorganisation (BAO Fokus) hat sich zum Ziel gesetzt, die Gewalt nachhaltig und konsequent zu stoppen. Im April wurden erste Ermittlungserfolge verkündet. 68 Tatverdächtige kamen in Haft, mehr als 180 Durchsuchungsbeschlüsse wurden umgesetzt, 29 Schusswaffen wurden sichergestellt.

Neben den gängigen strafverfolgenden Maßnahmen wurde ein anderer, innovativer Weg zur Prävention eingeschlagen. Die Kriminalpolizei des Polizeipräsidiums Ludwigsburg definierte einen Personenkreis aus rund 30 Jugendlichen und Männern im Alter zwischen 15 und 31 Jahren, die aufgrund polizeilicher Erkenntnisse im Verdacht stehen, sich gewaltbereiten Gruppierungen angeschlossen zu haben oder Gefahr laufen, dies zu tun.

Gemeinsam mit verschiedenen Partnern wie den Jobcentern und Landratsämtern der Landkreise Böblingen und Ludwigsburg sowie weiterer Beratungsstellen erarbeitete das Referat Prävention des Polizeipräsidiums Ludwigsburg individuell auf die jeweiligen Personen zugeschnittene Unterstützungsangebote, um ihnen den Weg aus der Kriminalität zu ebnen. Die Bandbreite reicht dabei vom Aufzeigen von Möglichkeiten zur Erreichung eines Schulabschlusses, über die Hilfe bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz, einer Unterstützung zur Lösung bei Problemen in der Familie bis hin zu Tipps zur Gestaltung einer gewaltfreien Freizeit.

Zwischen dem 6. und dem 17. Mai wurden alle Personen einzeln von Polizeibeamtinnen und -beamten aufgesucht, um unter anderem über Unterstützungsangebote zu informieren. Je nach Alter nahmen an den Gesprächen auch die Eltern teil. „Das Ergebnis dieser Präventiv- und Offensivansprachen ist beeindruckend. Alle angesprochenen Personen setzten sich mit der Polizei an einen Tisch und berieten, was sich ändern könnte, um eine Zukunft ohne Kriminalität zu gestalten“, berichtet Polizeipräsident Thomas Wild. „Insbesondere zeigten sich auch die Eltern außerordentlich interessiert und standen diesem neuen Weg der Polizei äußerst positiv gegenüber.“ Aufgrund des aus Sicht der Polizei so großen Erfolgs soll jetzt geprüft werden, ob solche offensiven Präventionsansätze künftig auch auf andere Bereiche ausgeweitet werden können.