Beim TSV Affalterbach kümmern sich gleich vier Kinderschutzbeauftragte um das Thema Prävention Sexualisierter Gewalt (PSG) und sind Ansprechpartner bei möglichen Grenzüberschreitungen. Angestoßen wurde das Projekt von Vorstandsmitglied Dirk Dietz.
Wenn man in das Büro der Geschäftsstelle des TSV Affalterbach kommt, springen einem gleich die beiden Maskottchen der Württembergischen Sportjugend (WSJ) Hoppel (ein Hase) und Bürste (ein Igel) ins Auge, die in Plüschform auf dem Fenstersims sitzen. Kinder erfahren in diesem Verein eine besondere Wertschätzung und vor allem einen besonderen Schutz. Seit Herbst 2021 ist der Club Pilotverein der WSJ für das Mini-Sportabzeichen.
Jetzt hat sich der TSV in einem sensiblen Bereich auf den Weg gemacht und steht für ein ambitioniertes Kinderschutzkonzept. Das dokumentiert der Verein auch nach außen – an seinen fünf Sportstätten hängt das Banner „Kinderschutzgebiet Sportverein“ der WSJ, in der Geschäftsstelle klebt das Siegel„Qualitätsmerkmal Kinderschutz“ des Landkreises Ludwigsburg.
Zwei Frauen und zwei Männer nehmen die Aufgabe wahr
Denn wer sein Kind in einen Sportverein gibt, möchte, dass es dort Spaß hat, außerdem sich mehr bewegt, über Erfolge freut und lernt, sich in ein Team einzufügen. Eltern wollen aber vor allem eines, dass der Sportverein ein geschützter Ort ist – so wie in Affalterbach, wo man den Kinderschutz institutionalisiert hat.
Angestoßen hat das Projekt das Vorstandsmitglied Dirk Dietz, selbst stellvertretender Vorsitzender bei der WSJ und gelernter Erzieher. „Das Ganze ist für mich und meine Mitstreiter eine Herzensangelegenheit“, sagt Dietz, selbst einer von gleich vier Kinderschutzbeauftragten im Verein. Unterstützt wird er dabei von Eva Enge, Kirsten Weber sowie Simon Zimmermann, die aus ihren Berufen ebenfalls eine entsprechende Expertise mitbringen. Man habe sich bewusst für zwei Männer und zwei Frauen entschieden, damit Jungs und Mädchen jeweils zwei Vertrauenspersonen haben, an die sie sich wenden können.
Damit ist gewährleistet, wenn Betroffene sich trauen, einen Vorfall anzusprechen oder anzuzeigen, dass sie Hilfe erfahren und nicht Abwehr, wie es auch in Sportvereinen laut diverser Studien über Jahrzehnte der Fall war. Das Positivimage des Sports hat über Jahre dazu geführt, dass Täter und Täterinnen geschützt wurden, und das machte es den Betroffenen besonders schwer, zu sprechen. „Wir senden damit deutliche und sichtbare Signale, dass beim TSV überall genau hingeschaut, abwogen und verantwortungsbewusst gehandelt wird“, sagt Dirk Dietz.
Im Vorfeld wurden alle Trainer, Übungsleiter und Funktionäre durch zwei Experten der WSJ in Abendschulungen umfangreich geschult und die Facetten von Kindeswohlgefährdungen dargestellt: von verschiedenen Arten von Mobbing über häusliche sowie psychische Gewalt, sexuelle Belästigung bis hin zum Straftatbestand des sexuellen Missbrauchs.
Polizeiliches Führungszeugnis wird eingeholt
Die Teilnehmenden wurden auch über mögliche Signale zum frühzeitigen Erkennen von Gefährdungssituationen sowie konkrete Handlungsalternativen sensibilisiert und was man im Verein schon im Vorfeld in Sachen Prävention Sexualisierter Gewalt (PSG) leisten kann. Dazu zählt das Einholen polizeilicher Führungszeugnisse von Trainern, aber auch Funktionären oder die Erstellung eines eigenen Präventionskonzeptes Kinderschutz. Zudem wurden Vereinbarungen mit dem Jugendamt abgestimmt und getroffen. „Zukünftig werden diese Maßnahmen bei jedem neuen Übungsleiter vor Antritt seiner Tätigkeit durchgeführt beziehungsweise dieser zeitnah sensibilisiert“, sagt das Vorstandsmitglied.
Die unmissverständliche Botschaft in Affalterbach lautet: „Wir sehen hin, wir hören hin und wir handeln!“ Dietz und seinen Mitstreitern ist es aber auch gelungen, die 1220 Mitglieder aus sieben Abteilungen auf dem Weg zu einer funktionierenden Schutzzone mitzunehmen.
Was tun beim ständigen Kontakt per Whatsapp?
Kinder und deren Eltern wurden ebenfalls aufgeklärt, was auf dem Platz oder in der Trainingshalle nicht passieren darf. Dass man beispielsweise hellhörig sein sollte, wenn der Übungsleiter ständig mit einem Kind Whatsapps schreibt; dass ein Trainer nichts in der Umkleidekabine zu suchen hat; dass hinter dem Angebot eines „Einzeltrainings“ für ein Nachwuchstalent Gefahr lauern kann. Der Übergang von dem, was geht und was nicht geht, ist oft fließend.
„Wir alle im TSV treten für die körperliche und seelische Unversehrtheit sowie Selbstbestimmung der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen ein“, sagt Dirk Dietz. Er macht aber auch klar, dass die Kinderschutzbeauftragten keine Ermittlungsbehörden und keine Fachberatungsstellen für sexualisierte Gewalt sind – aber ein erster Anlaufort, an den man sich bei Sorgen, Beobachtungen oder irgendwelchen Bedenken wenden kann. Bei Bedarf stimmen sich die Kindschutzbeauftragten dann untereinander ab und vermitteln an professionelle Stellen, falls ein Fall nicht innerhalb des Vereins zu klären ist.
Der TSV Affalterbach ist erst der siebte Verein im Landkreis Ludwigsburg, der ein besonderes Kinderschutzkonzept hat. „Wir wollen andere Clubs motivieren, dass sie denselben Weg gehen“, sagt Dirk Dietz