Heidi Kübler in ihrem Büro am Stuttgarter Kräherwald Foto: Lichgut/Ferdinando Iannone

Traumberuf Tierarzt? Von wegen. Heidi Kübler, Präsidentin der Landestierärztekammer, über Hass im Netz, Bürokratie-Irrsinn und ihre Erfahrungen mit Burn-out.

Tierärzte sind durch aggressive Patienten und herausfordernde Aufgaben wie dem Einschläfern von Tieren alltäglich einem hohen emotionalen Druck ausgesetzt. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass sich kaum die Hälfte der Veterinärmediziner wertgeschätzt fühlt und jeder Dritte sogar durch Depressionen suizidgefährdet ist. Die 64-jährige Heidi Kübler, Präsidentin der Landestierärztekammer, befasst sich auch mit dieser Problematik.

 

Frau Kübler, 1988 machten Sie sich mit einer Tierarztpraxis selbstständig. Wenn Sie heute zurückdenken: Was war der größte Unterschied zu heute?

Ein entscheidender Punkt war, dass es noch keine Social-Media-Plattformen gab. Wenn Tierhalter nicht zufrieden waren mit der Praxis, haben sie es vielleicht in ihrem Bekanntenkreis weitererzählt. Heute aber zieht das oft eine Flut an negativen Bewertungen bis hin zu Beleidigungen auf den Plattformen nach sich. Was dort und in Tierhalter-Foren passiert, grenzt an Rufmord. Und wenn dort einmal etwas falsch dargestellt wurde, bekommt man es ja so leicht nicht wieder weg. Selbst ein Rechtsanwalt kann oft wenig ausrichten. Viele Menschen hinterfragen die Dinge gar nicht mehr, sondern schimpfen einfach drauf los, anstatt erst einmal das Gespräch zu suchen. Man fühlt sich ausgeliefert und wehrlos.

Womit wird man noch konfrontiert?

Bei aufwendigen Untersuchungen kommt es zu Diskussionen über die Kosten. Vor allem, wenn Tierhalter nicht davon überzeugt sind, dass diese Untersuchungen notwendig sind. Da muss man sich ein dickes Fell zulegen. Einmal kam eine Dame mit ihrer alten Katze, die nicht fressen wollte und abgenommen hatte. Ich wollte eine Blutuntersuchung durchführen, um die Ursache festzustellen. Die Frau sah das überhaupt nicht ein und wollte, dass ich der Katze eine Spritze gebe, damit sie wieder frisst. Ich sagte: „In diesem Zustand kann ich zu Ihrer Katze so viel sagen, als wenn ich einer Kuh in den Hintern langen würde. Dort ist es warm und dunkel.“ Das hat gewirkt.

Eine Britisch-Kurzhaar-Katze in einer Tierarztpraxis Foto: dpa-tmn

Was machen Anfeindungen mit Ihnen?

Zunächst machen sie mich wütend. Was viele Tierhalter nicht bedenken: Haustierhaltung kostet Geld. Jeder möchte ein süßes Streicheltier zu Hause haben, aber wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen und die Kosten für Operationen und Behandlungen zu tragen, wird es oft schwierig. Vielen ist nicht klar, welche Lebenserwartung ein Hund oder eine Katze haben. Eine Katze kann durchaus 20 Jahre alt werden – in dieser Zeit kann eine Menge passieren.

Was gehört zu den größten Herausforderungen für eine Tierärztin?

Man sitzt schnell zwischen allen Stühlen: Einerseits gibt es den Tierschutz, der verlangt, dass jedes Tier, das eine behandelbare Krankheit hat, behandelt werden muss – unabhängig davon, ob der Tierhalter das überhaupt finanziell leisten kann. Moderne Untersuchungs- und Behandlungsmethoden haben ihren Preis. Es gibt viele Tierhalter, die weder das Geld noch eine Tierkrankenversicherung haben, um diesen Preis bezahlen zu können. Wenn sie dann von mir verlangen, ein Tier einzuschläfern, obwohl ihm noch geholfen werden kann, muss ich das ablehnen. Dann bin ich in den Augen des Tierhalters eine Abzockerin, die mit dem kranken Tier nur viel Geld verdienen will.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Einmal kam eine Frau mit ihrem Schäferhund in meine Praxis. Das Tier hatte eine Bauchspeicheldrüsen-Entzündung. Für Medikamente und spezielles Futter wären im Monat rund 200 Euro an Kosten angefallen. Daraufhin fragte mich die Frau: „Soll ich meinen Kindern nun also nichts Warmes mehr kochen, damit ich die Rechnung bezahlen kann?” Schon steht man in einem heftigen Gewissenskonflikt. In diesem Fall habe ich der Frau geraten, den Hund ins Tierheim zu bringen. Aber die Heime sind ja auch übervoll und haben kein Geld. Also- was tun, wenn man davon ausgehen kann, dass ein Tier leiden wird, weil es die notwendigen Medikamente nicht erhält?

Wie haben Sie gelernt, mit diesem Stress umzugehen?

In den ersten Jahren habe ich diese schweren Situationen und meine Entscheidungen fast immer mit in den Feierabend genommen. Daheim habe ich dann lange darüber nachgedacht, ob das, was ich gemacht hatte, auch wirklich die beste Lösung war – und wie ich es möglicherweise hätte besser machen können. Und ich gebe zu, dass ich in den ersten Jahren manchmal auch weinend nach Hause gekommen bin – vor den Tierhaltern habe ich mir das jedoch nie gestattet. Mit den Jahren wird man sicherer in seinen Entscheidungen, weiß mehr und hinterfragt nicht mehr so viel. Das hat mir zu einem gesunden emotionalen Abstand verholfen. In der Mehrzahl der Fälle kann man seinen vierbeinigen Patienten zum Glück ja auch helfen und sie heilen. Sie dürfen dabei nicht vergessen: Meine Arbeit hat mir trotz aller Belastungen immer wahnsinnig viel Spaß gemacht, und es gab auch viele schöne Momente. Mein Beruf ist meine Berufung.

Viele Tierärzte wollen lieber angestellt anstatt selbstständig sein

Vor zehn Jahren haben Sie trotzdem Ihre Praxis verkauft.

Ich hatte mir schon früh zum Ziel gesetzt, mit 50 Jahren nur noch das zu tun, was mir Spaß macht. Und dieser ganze Bürokram, der heute an einer Tierarztpraxis dranhängt, der gehörte definitiv nicht dazu. In einem Zeitraum von etwa 25 Jahren haben die Dokumentationspflichten dermaßen zugenommen, dass ich es keinem verdenken kann, wenn er nicht mehr selbstständig, sondern lieber angestellt in einer großen Praxis arbeiten will. Heutzutage verbringen niedergelassene Tierärzte rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit im Büro, um sich mit einer Menge teils unsinniger Vorschriften herumzuschlagen. Nur ein Beispiel: Wenn Sie in der Praxis eine Leiter haben, müssen Sie einen „Leiterbeauftragten“ ernennen, der sich regelmäßig um den ordnungsgemäßen Zustand dieses Geräts kümmert. Mitarbeiter müssen regelmäßig in Arbeitssicherheit und vielem mehr geschult werden. All dies muss schriftlich nachgewiesen werden und kostet viel Zeit, die man besser nutzen könnte.

Studien kommen zu dem Schluss, dass Tierärzte sehr viel häufiger Suizidgedanken plagen, als die Gesamtbevölkerung. Erstaunt Sie das?

Dieses Thema wird in unserem Berufsstand schon seit mehreren Jahren intensiv diskutiert. Deshalb haben mich diese Ergebnisse nicht wirklich erstaunt. In meinem Umfeld gab es unter Kollegen und ehemaligen Studienkollegen mehrere Fälle von Suizid.

Können Sie welche nennen?

Ich erinnere mich an den Fall einer Amtstierärztin aus Bad Mergentheim. Sie war Sachgebietsleiterin für Tierschutz. Eine ihrer Aufgaben war es, die Einhaltung von Tierschutzbestimmungen in der Landwirtschaft zu kontrollieren. Dieses Spannungsfeld zwischen dem Wohl der Tiere und den Landwirten, die mit ihren Familien von ihren Produkten leben wollen sowie den Verbrauchern, die nach billigen und sicheren Nahrungsmitteln verlangen, ist schwer auszuhalten. Sie wurde im Laufe der Jahre wegen ihres Einsatzes für den Tierschutz von vielen Seiten angefeindet, auch bedroht. Die notwendige politische Unterstützung erhielt sie nicht. Nach 20 Jahren im Beruf sah sie keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen. Der Druck auf Tierärzte hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen – in den Praxen und in den Veterinärämtern.

Kamen Sie im Laufe Ihrer langen Berufstätigkeit noch einmal an Ihre Grenzen?

Ja, aber die Gründe waren andere: Eine Frau aus meinem früheren Umfeld hatte in meiner Praxis enormen Unfrieden gestiftet. Das brachte mich psychisch an meine Grenzen. Ich habe mich damals aktiv um Hilfe bemüht. Die Krankenkasse empfahl einen Besuch beim Hausarzt, der mir eine Kur verschreiben sollte – als ob man als Selbstständige mal schnell seine Praxis für mehrere Wochen schließen könnte! Die Berufsgenossenschaft empfahl mir, erst einen Therapieplan und einen Kostenvoranschlag von einem Psychologen einzuholen. Dann würde sie prüfen, ob sie die Kosten dafür übernehmen. Wenn ich nicht auf eine private Einrichtung gestoßen wäre, die damals Leute aus dem Top-Management bei Burn-out betreute, wäre ich wohl auch vor die Hunde gegangen. Dort erhielt ich Hilfe, ohne meine Praxis schließen zu müssen.

Die neue Taskforce für mentale Gesundheit

War der Verkauf Ihrer Praxis eine Befreiung für Sie?

Nein, es war eine logische Konsequenz, um mich auf andere mir wichtige Dinge konzentrieren zu können. Seit 1996 bin ich erste Vorsitzende der Gesellschaft für ganzheitliche Tiermedizin und setze mich für naturheilkundliche Therapien in der Tiermedizin ein. Seit 2001 bilde ich Tierärzte darin aus. Dann kamen noch weitere ehrenamtliche Tätigkeiten in der Berufspolitik hinzu. Und seit 2023 bin ich Präsidentin der Landestierärztekammer.

Können Sie in dieser neuen Funktion politischen Einfluss auf die Situation der Tierärzte nehmen?

Es ist schon sehr viel wert, dass ich auf die heutigen Probleme aufmerksam machen kann, damit sie in Politik und Bevölkerung wahrgenommen werden. In der Tierärzteschaft werden derzeit Hilfsangebote geschaffen. Ich möchte, dass Kolleginnen und Kollegen, die psychisch belastet sind, nicht mehr so lange nach Angeboten suchen müssen wie ich damals. Sie sollen künftig gleich professionelle Hilfe finden. Seit Anfang Juni gibt es eine Telefonhotline für Tierärzte und Praxisangestellte. Von mehreren Anbietern gibt es inzwischen auch Supervisionen in Tierarztpraxen. Inzwischen finden Tierärzte Fortbildungen zur psychischen Gesundheit. Die Fachgruppe „Junges Netzwerk“ im Bundesverband der Praktizierenden Tierärztinnen hat eine Task Force „Mentale Gesundheit“ ins Leben gerufen, die das Bewusstsein für dieses Thema stärkt.

Ein trauriges Kapitel ist auch die Gewalt gegen Tierärzte.

In der Tat. Die Gewalt nimmt kontinuierlich zu – sowohl verbal als auch in Form von tätlichen Angriffen. Hier möchte ich erreichen, dass auch Tierärzte in der neuen Gesetzesvorlage, die die Bestrafung von Gewalt gegen Hilfskräfte zum Ziel hat, explizit genannt werden. Sie sind inzwischen schließlich genauso gefährdet wie Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und andere Angehörige der Gesundheitsberufe.

Die Interessensvertreterin von mehr als 1000 Tierärzten im Land

Zur Person
  Heidi Kübler ist seit 1985 Tierärztin und eröffnete 1988 ihre Praxis in Obersulm. Zunächst führte sie eine Gemischtpraxis mit ambulanter Schlachttier- und Fleischuntersuchung, seit 2001 war es eine reine Kleintierpraxis. Über eine Weiterbildung erwarb sich Kübler die Zusatzbezeichnung Biologische Tiermedizin. Seit 1996 ist sie in zahlreichen Ehrenämtern tätig. Sie ist unter anderem Vorsitzende der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin, seit 2023 Präsidentin der Landestierärztekammer in Stuttgart und seit 2024 Schatzmeisterin des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte. Aktuell arbeitet sie in einer Kleintierpraxis in Teilzeit mit, hält Vorträge über Naturheilkunde und Regulationsmedizin bei Kleintieren, ist häufig zu Gast auf Kongressen und berät außerdem Tierärzte, Tierhalter und Apotheken zu naturheilkundlichen Fragestellungen.

Zur Branche
 In Baden-Württemberg gibt es derzeit insgesamt 1098 Tierärzte und Tierärztinnen in 804 Einzelpraxen, 287 Gemeinschaftspraxen, neun Gruppenpraxen und zwölf tierärztlichen Kliniken. Hinzu kommen 1250 Praxisassistenten und Praxisassistentinnen. Zwei Drittel der Beschäftigten sind weiblich, die Geschlechterverteilung hat sich in den letzten Jahrzehntenverändert. Der Trend gehtauch zu größeren Praxen mit mehreren angestellten Tierärzten. Im Jahr 2024 waren es bereits mehr angestellte als niedergelassene Tierärzte.