Thomas Hitzlsperger (im Hintergrund) ist der dritte Sportvorstand, mit dem Präsident Wolfgang Dietrich beim VfB Stuttgart zusammenarbeitet. Foto: dpa

Das Team in Abstiegsgefahr, der Sportchef ausgetauscht, der Trainer angeschlagen – Wolfgang Dietrich, der Präsident des VfB Stuttgart, steht mächtig in der Kritik. Ein Szenario schließt er aber aus.

Stuttgart - Man kann die Sache ja auch mal positiv sehen – zum Beispiel als Fußballprofi des VfB Stuttgart. Da spielst du seit Monaten Mist, stehst auf Platz 16 – und was machen die meisten Fans? Schimpfen auf den Präsidenten.

Nein, Wolfgang Dietrich steht nicht auf dem Platz. Doch wenn er dort stünde – es gäbe nicht wenige, die den Trainer zu dessen Auswechslung nötigen würden. Die lautesten der Fan-Gemeinde wünschen sich auch so, dass der 70-Jährige aus dem Spiel genommen wird. An diesem Samstag (15.30 Uhr) empfängt der VfB RB Leipzig. Und sollten die Stuttgarter irgendwann zurückliegen, werden sie wohl wieder rufen: „Dietrich raus.“ Aber warum eigentlich?

Die Antwort lässt sich mit dem Blick auf die Tabelle geben – gepaart mit einem Rückblick. Im Juni 2017 votierte die Mehrheit der anwesenden Mitglieder für die Ausgliederung der Profisparte des VfB. Das entsprechende Kreuzchen versprach laut Kampagne ein „Ja zum Erfolg“. Dietrich, damals wenige Monate im Amt, hatte zur Abstimmung gebeten. Und nun? Droht dem VfB der zweite Abstieg innerhalb von drei Jahren. Trotz der finanziellen Mittel des Investors Daimler (41,5 Millionen Euro). Das kann man ein Scheitern nennen.

Reschke war Dietrichs Mann

Das muss man ein Scheitern nennen, sagen nun viele rund um den Brustring-Club – weil für sie uninteressant ist, was der Präsident abseits der mauen sportlichen Bilanz gerne als Verdienste vorträgt.

Das Trainingsgelände ist modernisiert, das Nachwuchsleistungszentrum auf Kurs, die Ausgliederungsdiskussion beendet, die finanzielle Lage von Club und AG mehr als solide. Selbst bei einem Abstieg wäre der Lizenzerhalt ohne Auflagen wohl kein Problem – unabhängig von einem weiteren Investor oder vom Pavard-Transfer nach München. Insgesamt also: Durchaus Erfolge – doch für welchen Preis?

Dietrichs Kritiker zeichnen das Bild vom zerrissenen Verein ohne sportliche Identität, vom Basta-Präsidenten, der die Identifikation mit dem Club leiden lässt. Und die Außendarstellung des nun abberufenen Sportvorstandes Michael Reschke tat dem VfB so gut wie ein Verbot des Brustrings. Reschke war Dietrichs Mann.

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„Ich habe ihn dem Aufsichtsrat vorgeschlagen“, räumt der Clubchef ein, „dafür übernehme ich auch die Verantwortung.“ Er hat ihn vom FC Bayern geholt, als die Liaison mit Jan Schindelmeiser im August 2017 endete. Die Trennung vom Baumeister des Wiederaufstiegs wird noch heute heiß diskutiert und gilt vielen als Beispiel, dass Dietrich vor allem eines möchte: seinen eigenen Willen durchsetzen. Dass er Clubchef, Aufsichtsratsvorsitzender, Mitglied des Präsidialrats und Vertreter der Stimmmehrheit des Vereins in der Hauptversammlung der AG ist, passt in dieses Bild.

Einmischung ins opeative Geschäft?

Der frühere Unternehmer weist dagegen stets darauf hin, dass eben dieses Konstrukt sicherstelle, dass der Verein in der AG immer die entscheidende Größe ist – unabhängig vom jeweiligen Präsidenten. Den Einwand, er agiere aus diesen Positionen heraus viel zu nah am operativen Geschäft, lässt Dietrich nicht gelten.

„Ich mische mich nicht ins operative Geschäft ein – es sei denn, eine Entscheidung benötigt laut Satzung die Zustimmung des Aufsichtsrat oder des Präsidiums“, versichert Dietrich. Auch von Schindelmeiser habe er sich ja nicht im Alleingang getrennt: „Es waren diejenigen, die ihn verpflichtet haben, die irgendwann gesagt haben: Es geht nicht mehr.“ Also die Vorstände Jochen Röttgermann und Stefan Heim sowie die damaligen Aufsichtsräte Wilfried Porth, Hartmut Jenner und Martin Schäfer. Deren Meinung habe er geteilt.

Diese Diskussion kocht auch deshalb immer wieder hoch, weil Dietrich den Fall nie so klar erklärt hat, dass Fans und Mitglieder sich ausreichend informiert fühlen. Er will keine schmutzige Wäsche waschen, umso irritierender sind Aussagen wie kürzlich bei einem Fanclubbesuch, als er eher despektierlich auf eine Frage nach Schindelmeiser antwortete.

Der Plan mit Reschke ist gescheitert

Nun ist auch die Ära Reschke zu Ende, ein qweiterer Plan gescheitert. Dietrich sagt, es brauche auch den Mut, Entscheidungen zu korrigieren. Viel Geld und viel wertvolle Zeit hat es den Verein bis dahin dennoch gekostet. Die engen Bande zwischen Reschke und Dietrich hätten zudem die eine oder andere nötige kritische Diskussion mit dem Manager verhindert, sagen Menschen, die dem Club nahestehen.

Reschkes Aus soll nun Team und Trainer ein Stück weit befreien, Thomas Hitzlsperger wurde von Dietrich am Dienstag als Nachfolger präsentiert. Ein kluger Schachzug – und einer, um sich selbst zu retten?

Damit kann der 70-Jährige nichts anfangen. Um den VfB gehe es, sagt er stattdessen wieder und wieder. Nicht um einzelne Personen. Doch ist auch klar: Wolfgang Dietrich ist angetreten um den Beweis zu führen, dass man es als Präsident des VfB Stuttgart auch besser machen kann, als seine Vorgänger. Er will reüssieren, unbedingt. Den Anschein, in seinen Entscheidungen auch deren Wirkung auf die eigene Situation zu bedenken, kann er daher nie so ganz beiseite wischen. Bei der Forderung nach einem Rücktritt ist das anders.

Ein Rücktritt ist kein Thema

„Die Frage nach einem Rücktritt stellt sich für mich nicht“, sagt er, vielmehr wolle er „den mir übertragenen Aufgaben und der damit verbundenen Verantwortung weiter gerecht werden“. Den VfB nach außen zu vertreten, „vor allem in schwierigen Zeiten“, gehöre dazu. Für vier Jahre ist er im Oktober 2016 gewählt worden, er verweist auf zwei Entlastungen mit großer Mehrheit und tritt der durchaus vertretenen Meinung, er regiere auf der Geschäftsstelle mit eiserner Hand, entgegen. „Ich bin der Meinung, dass ich meine Führungserfahrung so einbringe, dass auf der einen Seite ein harmonisches Zusammenarbeiten möglich ist, gleichzeitig aber auch jeder seiner Verantwortung gerecht wird“, sagt er und betont: „Mit einer autokratischen Führung hätten wir als Team sicherlich nicht so gut funktioniert. Die gemeinsam erreichten Ziele sind der beste Beleg.“

„Erreichte Ziele“, geschaffene „Rahmenbedingungen“, „harmonisches Zusammenarbeiten“ – liegt es nur an den Trainern und Sportchefs, dass der VfB sportlich doch wieder ums Überleben kämpft? Mit dem jeweils dritten seiner Amtszeit arbeitet Dietrich nun zusammen, die passende Konstellation hat er noch nicht gefunden.

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