Auf der Mitgliederversammlung wird darüber abgestimmt, ob der VfB-Präsident Claus Vogt im Amt bleibt – und bisher ist nur eines klar: Wie sich die organisierte Fanszene positioniert.
Die Stunde der Klarheit naht – und mit jeder Minute, die die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart heranrückt, steigt die Spannung. Denn die zentrale Frage am Sonntag (ab 11 Uhr) in der Porsche-Arena lautet: Bleibt Claus Vogt Präsident des Fußball-Bundesligisten? Zwei Abwahlanträge stehen auf der Tagesordnung. Formuliert und eingereicht durch Einzelpersonen, doch dahinter stehen die organisierten Fangruppen Commando Cannstatt und Schwabensturm. Jene Ultras, die ursprünglich dazu beigetragen haben, dass Vogt in das Präsidentenamt kam und es auch behielt.
Offiziell ist Vogt bis 2025 als Vereinschef gewählt, doch die Stimmung ist gekippt, und nun kämpft der 54-jährige Unternehmer um sein Amt. „Es ist mein demokratisches Grundverständnis, Abwahlanträge zuzulassen, damit immer unsere Mitglieder über die Zukunft des Vereins entscheiden können“, sagt Vogt. Vizepräsident Rainer Adrion, gegen den es ebenfalls Abwahlanträge gibt, ergänzt: „Es ist für mich selbstverständlich, dass ausreichend begründete Anträge von Mitgliedern auf die Tagesordnung kommen sollen, auch wenn man als Präsidiumsmitglied anderer Meinung ist. Nur so kann man in unserem höchsten Organ zu einem Dialog mit den anwesenden Mitgliedern kommen.“
Claus Vogt und das 75-Prozent-Quorum
Adrion verbindet seinen Verbleib mit der selbst auferlegten Vertrauensfrage (mindestens 50 Prozent an Zustimmung). Vogt weicht dagegen aus, wenn es um ein Minimum an Unterstützung für ihn geht. Er verweist auf das Quorum von 75 Prozent, das nötig sei, um ein Präsidiumsmitglied abzuwählen: „Ich werde mich nicht im Voraus öffentlich zu potenziellen Entscheidungen äußern. Die Mitgliederversammlung ist das höchste Organ unseres Vereins und auf dieser möchte ich zu den Argumenten der Mitglieder, die für eine Abwahl meiner Person sind, vollumfänglich Stellung beziehen und Klarheit schaffen. Ich möchte die Mitglieder auf der Mitgliederversammlung überzeugen, dass wir unseren seit Jahren erfolgreichen Weg weiter zusammen gehen sollten – dafür braucht es Offenheit, Selbstkritik und Transparenz – all das werde ich einbringen.“
Wie Hohn dürfte es der Vogt-Opposition in den Ohren klingen, wenn sie versucht, die Entwicklungen rund um den VfB e.V. und die VfB AG, deren Aufsichtsratsvorsitzender Vogt war, nachzuvollziehen. Von Transparenz sprechen da die wenigsten Beteiligten, eher steckt die Ära voller Widersprüche. Zuletzt überraschte das Präsidium mit der Reihenfolge in der Tagesordnung.
Die Agenda scheint davon geleitet zu sein, dass Vogt diesmal nicht das erste, sonder das letzte Wort haben möchte. Er spricht diesmal nach dem Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle. Zudem findet die Entlastung des Präsidiums bereits vor der Aussprache statt – auch das ist in der bisherigen Versammlungshistorie unüblich.
Die Reihenfolge könnte sich aber noch ändern: Es gibt Bestrebungen, auf der Versammlung einen Antrag zu stellen, um die Abwahl nicht nach Stunden am Ende abzuhandeln, sondern früher, um gleich Fakten zu schaffen. Juristisch ist das möglich, es bräuchte dann nur einen neuen Versammlungsleiter, falls Vogt abgewählt würde.
„Mein Ziel ist es, dass die Mitglieder des e.V. Antworten und Informationen auf unserer Mitgliederversammlung bekommen, die sie brauchen, um sich ein eigenes Bild des Präsidiums und der Entwicklung des VfB zu machen, und nicht auf Grundlage von Erzählungen Dritter ihre Entscheidungen treffen müssen“, sagt der Präsident zu seinen Erwartungen. Adrion formuliert das Ziel, „das Vertrauen der Mitglieder zu bekommen, um das Erreichte zu stabilisieren, Fehler zu korrigieren und die Erfolge des Vereins und der AG bis zu den ordentlichen Wahlen im ersten Halbjahr 2025 als Präsidiums- und Aufsichtsratsmitglied fortzuführen.“
Wieder ein taktisches Manöver
Auf die Unterstützung aus der Cannstatter Kurve braucht das Führungsduo dabei nicht mehr zu hoffen. Die organisierte Fan-szene hat ihr Urteil gefällt – und der Daumen zeigt nach unten. Vogt versucht deshalb, Stimmen rechts und links davon einzusammeln. Vor allem, in dem er sich als der Retter der Mitgliederrechte inszeniert. Kürzlich äußerte er sich im Rahmen der EM zu den umstrittenen Videoschiedsrichterentscheidungen in einem Beitrag des Fachmagazins „Kicker“. Seine Forderung: Es brauche eine basisdemokratische Abstimmung über den weiteren Einsatz des Videoschiedsrichters (kurz VAR).
Von der Realität ist das weit entfernt – und die Aussagen werden im Clubhaus mit dem roten Dach nicht nur als durchschaubares Manöver gesehen, sondern als Bestätigung einer These: Vogt sagt und macht nur, was ihm nutzt. Ähnlich, wie als er sich spät gegen einen Investoreneinstieg in der Deutschen Fußball-Liga (DFL) stellte. Nicht abgestimmt mit dem Vorstand verlief das Ganze über seinen persönlichen Social-Media-Account – und dennoch trat er dabei als VfB-Präsident in Erscheinung. „Schon lange vor meiner Zeit als VfB-Präsident habe ich mich zum Thema VAR in meiner Funktion als FC PlayFair!-Vorstand öffentlich geäußert. Das hat sich seit meiner Wahl zum VfB-Präsidenten 2019 nicht geändert“, erklärt Vogt. „Für mich ist es wichtig, dass Entwicklungen im Fußball kritisch beäugt werden und auch öffentlich angesprochen werden dürfen – so wie ich es auch bei verschiedenen DFL-Entscheidungen gemacht habe. Als VfB haben wir uns davor nicht öffentlich geäußert und auch kein Meinungsbild unserer Mitglieder eingeholt. Daraus müssen und werden wir weiter lernen.“
Im Falle von Christian Riethmüller hatte der Präsident dagegen ein angeblich nicht autorisiertes Interview kritisiert sowie eine Entschuldigung des früheren Präsidiums- und Aufsichtsratsmitglied gefordert. Erneut ohne jede Abstimmung holte Vogt, nachdem er als Aufsichtsratschef durch die frühere Landesministerin Tanja Gönner abgelöst worden war, anschließend in einem „Kicker“-Interview zum Rundumschlag gegen den Vorstand, Porsche und weitere Partner aus. Wehrle sah sich genötigt, das Bild zurechtzurücken. Porsche reagierte ebenfalls.
Schaden hat der VfB dadurch genommen, weshalb mehrere Abwahlanträge gegen Vogt gestellt wurden. Einen Neuanfang wünschen sich viele Anhänger, da Vertrauen verspielt wurde. Wie im vergangenen Februar, als der Machtkampf eskalierte. Vogt, der sich als Mann der Kurve stilisiert, sieht sich darin als Opfer einer Intrige des Kapitals, durch die er den Posten des Vorsitzenden im Aufsichtsrat verloren hat. Nach Informationen unserer Redaktion soll er damals den Vorschlag, in Riethmüller ein Präsidiumsmitglied auf die Position zu hieven, abgelehnt haben.
Dadurch wäre das „Ausgliederungsversprechen“, das die Ultras als gebrochen betrachten und den Kern ihres Protestes darstellt, weil Präsidentschaft und Aufsichtsratsvorsitz nicht mehr in einer Hand liegen, womöglich anders bewertet worden. Doch Riethmüller galt bis zu seinem Rücktritt Anfang April als Vogt-Intimfeind. Der Präsident verstrickte sich stattdessen fast schon in Verschwörungstheorien. Dabei hatte er im Juni 2023 die Erklärung unterschrieben, den Vorsitz im Kontrollgremium zur Verfügung zu stellen (und auf der nächsten Mitgliederversammlung über den geplanten Wechsel zu informieren). Dies geschah auf Initiative des angehenden Anteilseigners Porsche hin, alle Aufsichtsräte stimmten dann zu.
Vogt hielt sich jedoch nicht an die Abmachung. Er spielte auf Zeit und sonnte sich lieber noch einmal im Glanz des 100-Millionen-Deals. Wie kurz zuvor, als Porsche als künftiger Investor präsentiert wurde und der Präsident zum Abschluss das Mikrofon ergriff. Er suggerierte zu Lutz Meschke und dessen Frau eine Nähe, die es nicht gab und ließ den Finanzvorstand des Sportwagenherstellers die Faust in der Tasche ballen. Denn Vogt hatte den Porsche-Topmanager erst wenige Tage zuvor kennengelernt. Die anvisierte Neubesetzung an der Spitze des Aufsichtsrats war dabei besprochen worden, und Vogt hatte zugestimmt. Danach wollte der Präsident davon aber nichts mehr wissen – und nun könnten ihn die vielen Widersprüche das geliebte Amt kosten.