Der Wiederwahl des Präsidenten Claus Vogt steht beim VfB Stuttgart nichts mehr im Wege. Foto: Baumann

Erst die personellen Konsequenzen in der Datenaffäre, dann die Nominierung zur Wiederwahl: Claus Vogt geht (zumindest vorläufig) als großer Sieger der Führungskrise beim VfB Stuttgart hervor.

Stuttgart - Am Ende eines denkwürdigen Wochenendes bleibt es dem Vereinsbeirat des VfB Stuttgart vorbehalten, den spektakulären Schlussakkord zu setzen. 20.21 Uhr ist es am Sonntagabend, als das ehrenamtliche Gremium eine Entscheidung bekannt gibt, über die der Club in die schwerste vereinspolitische Krise seiner Geschichte gestürzt war: Präsident Claus Vogt wird zur Wiederwahl nominiert. Und nicht nur das: Der 51 Jahre alte Unternehmer aus Böblingen wird bei der Mitgliederversammlung am 28. März der einzige Kandidat sein, da es, wie der Beirat mitteilte, „aus dem Kreis der infrage kommenden mehrheitsfähigen Persönlichkeiten“ keine Bereitschaft gegeben habe, gegen den Amtsinhaber anzutreten.

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Es ist das (vorläufige) Ende eines dramatischen, quälend langen Machtkampfes, aus dem Claus Vogt als großer Sieger hervorgeht. Bereits am Samstag, kurz nach dem 1:1 im Bundesligaspiel gegen Hertha BSC, hatte der Aufsichtsrat des VfB mitgeteilt, dass die beiden langjährigen Vorstände Stefan Heim und Jochen Röttgermann mit sofortiger Wirkung abberufen werden. Die große Führungskrise und die Datenaffäre haben also zu den ersten personellen Konsequenzen geführt, die Aufräumarbeiten haben begonnen. Mit der Nominierung Vogts scheint das Feld nun endgültig bereitet für die Befriedung eines Clubs, der kurz davor war, im kompletten Chaos zu versinken.

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Mit dem offenen Brief von Thomas Hitzlsperger, in dem der bis dahin so beliebte Vorstandschef schwere Vorwürfe gegenüber Vogt erhob und gleichzeitig seine eigene Kandidatur fürs Präsidentenamt ankündigte, hatte am 30. Dezember eine beispiellose Schlammschlacht begonnen, in deren Verlauf sich die Ereignisse immer wieder überschlugen. Am Ende heißt es nicht Hitzlsperger oder Vogt – sondern Hitzlsperger und Vogt, die sich nun daran machen müssen, einen gemeinsamen Weg zu finden.

Bereits am Samstag hatte der Aufsichtsrat des VfB Hitzlsperger das „uneingeschränkte Vertrauen“ ausgesprochen. Ohne Folgen blieb damit nicht nur der offene Brief, mit dem der AG-Chef die Lawine losgetreten hatte (und zu dem sich das Kontrollgremium bis heute nicht öffentlich geäußert hat), sondern auch seine Rolle bei der Aufklärung der Datenaffäre. Aus den Esecon-Berichten war hervorgegangen, dass auch er Einfluss auf die Ermittlungen genommen und damit eine unabhängige Aufarbeitung erschwert haben soll – ein Vorwurf, den der Meisterspieler von 2007 mehrfach dementiert hat. Auch der Aufsichtsrat bescheinigte ihm nun „rechtskonformes Vorgehen bei der Aufklärung der Datenschutzaffäre“.

Die Ära von Heim und Röttgermann ist jäh zu Ende gegangen

Keine Gnade kannte das Kontrollgremium dafür mit den langjährigen Vorständen Stefan Heim und Jochen Röttgermann, deren gemeinsame Ära jäh zu Ende gegangen ist. Über die genauen Gründe für die einstimmige Abberufung hat sich das Kontrollgremium vorerst nicht geäußert. Doch besteht kein Zweifel daran, dass es die Datenaffäre ist, die beiden den Job gekostet hat. Erheblich müssen ihre Verfehlungen gewesen sein, wie offenbar auch die Kanzlei Gleiss Lutz festgestellt hat, die im Auftrag des Aufsichtsrats die rechtliche Bewertung des Esecon-Abschlussberichts vorgenommen hat.

Thomas Hitzlsperger wurde vom Aufsichtsrat damit beauftragt, „weitere Personalentscheidungen schnellstmöglich unter Berücksichtigung der besonderen arbeitsrechtlichen Bedingungen“ herbeizuführen. Was im Klartext heißt: Es wird nicht mehr lange dauern, bis weitere Führungskräfte ihre Schreibtische räumen müssen. Eine große Überraschung wäre es, würde nicht in Kürze die Freistellung von Kommunikationschef Oliver Schraft, Marketingleiter Uwe Fischer und dem früheren Projektleiter Ausgliederung, Rainer Mutschler, verkündet werden.

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Am Sonntagnachmittag traf sich aber zunächst der Vereinsbeirat zu den entscheidenden Gesprächen über die Präsidentschaftsnominierung. Lange hatte es im Vorfeld so ausgesehen, als sei die Mehrheit des achtköpfigen Gremiums strikt dagegen, Vogt die Möglichkeit zur Wiederwahl zu geben. Erbittert wurde darüber in den vergangenen Wochen gestritten. Immer größer wurde daraufhin der Druck von außen, immer lauter die Forderungen vieler Fans und Mitglieder, Vogt erneut zu nominieren.

Wie blank am Ende bei allen Beteiligten die Nerven lagen, belegen die Ereignisse am Sonntag. Gleich zu Beginn der richtungsweisenden Sitzung und noch vor der eigentlichen Diskussion legten Claudia Maintok und James Bührer ihr Ämter mit sofortiger Wirkung nieder. „Persönliche und gesundheitliche Gründe“ hätten bei der stellvertretenden Vorsitzenden Maintok zu dieser Entscheidung geführt; Bührer, im Vereinsbeirat für den Bereich Mitglieder und Fans zuständig, gab neben persönlichen Gründen berufliche an.

Der Vereinsbeirat-Vorsitzende Wolf-Dietrich Erhard legt sein Amt nieder

Am Ende der Sitzung teilte dann auch noch der Vorsitzende Wolf-Dietrich Erhard den verbliebenen Vereinsbeiräten mit, dass er, ebenfalls mit sofortiger Wirkung, sein Mandat zunächst so lange ruhen lassen werde, „bis die Geschäftsfähigkeit gesichert ist“. Anschließend will auch er sich aus dem Gremium zurückziehen. „Ich habe mich immer für das Wohl des VfB eingesetzt, und es ist unerträglich, in welcher Situation sich unser VfB befindet und wie wir uns derzeit öffentlich präsentieren“, sagte Erhard: „Auch wenn ich persönlich nichts mit der Datenschutzaffäre zu tun habe, möchte ich mit meiner Entscheidung dazu beitragen, dass ein personeller Neuanfang möglich ist. Ich wünsche meinen Kollegen die erforderliche Kraft für die nächsten Wochen und Monate und die notwendige Akzeptanz ihrer Arbeit.”

Thomas Hitzlsperger ruft eine Steuerungsgruppe ins Leben

Das Stühlerücken läuft also bereits auf Hochtouren, die Reihen sind gelichtet. Im AG-Vorstand ist vorerst nur noch einer übrig geblieben – Thomas Hitzlsperger: „All das kann keiner alleine stemmen“, das teilte der Vorstandsvorsitzende der VfB-Belegschaft bereits am Samstagabend in einer Mail mit – und gab gleichzeitig bekannt, „eine Steuerungsgruppe“ ins Leben gerufen zu haben, „die mich so lange unterstützen wird, bis der Aufsichtsrat über eine Nachfolge im Vorstand entschieden hat“. Ihr gehören die Direktoren Jens Bräuning (Business to Customer), Bernd Burger (Operations/Sicherheit), Markus Erdmann (Business to Business), Tobias Keller (Finanzen), Markus Rüdt (Sportorganisation), Christian Ruf (Strategie) sowie Janna Kohlmann (Personal) und Florian Mattner (Kommunikation) an.

An diesem Montag, schrieb Thomas Hitzlsperger, werde man sich „erstmalig mit mir und weiteren Führungskräften austauschen“. Es dürfte viel zu besprechen geben.

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