Anti-Brexit-Demonstrationen sind seit Monaten ein gewohnter Anblick in England. Foto: AFP/Isabel Infantes, Meuer

Was hat ein Frosch im Wasser mit Unternehmen zu tun, die mit dem Vereinigten Königreich Geschäfte machen? Albrecht Kruse, Chef von Sata und Präsident der Ludwigsburger IHK, erklärt es. Und zwar so, dass klar wird: Der Brexit geht alle an.

Kreis Ludwigsburg -

Die Trennung Großbritanniens von der EU spielt sich nicht nur in Brüssel, London und Berlin ab. Im Alltag der Deutschen und der Briten wirft der Brexit ganz konkrete Fragen auf: Albrecht Kruse zum Beispiel muss befürchten, dass die Lackierpistolen, die seine Firma Sata ins Königreich liefert, viel teurer werden. Und dabei ist der Chef der Kornwestheimer Firma gewappnet für einen harten Brexit. Als Präsident der hiesigen IHK weiß Kruse aber auch, dass viele Unternehmen noch immer abwarten – und was das für Folgen haben kann.

Herr Kruse, wann waren Sie zuletzt in England?

Das ist etwa ein Jahr her. England ist keines unserer ganz großen Exportländer. Aber es ist für Sata dennoch ein wichtiger Partner und eines der wenigen Länder, in denen wir nicht mit einem Vertriebspartner zusammenarbeiten, sondern ein Tochterunternehmen haben – Sata UK.

Um auf den Brexit vorbereitet zu sein, hat Sata im englischen Newmarket ein 600 Quadratmeter großes Lager geschaffen.

Wir wollen so die Lieferfähigkeit mit unserem Kunden sicherstellen. Ich möchte nicht sagen, dass wir für alles gewappnet sind. Man weiß nie, was noch passieren kann. Aber wir sind startklar, wir haben uns auf das vorbereitet, was absehbar ist. Damit gehören wir zu den 50 Prozent der Unternehmen der Industrie- und Handelskammer, die dies getan haben – das hat eine Umfrage im ersten Halbjahr ergeben. Der Rest wartet ab.

Rund 50 Prozent der Unternehmen sind auf einen harten Brexit gar nicht vorbereitet?

Die Hälfte der Firmen, die mit dem Vereinigten Königreich zu tun haben – ja. Wobei vielen gar nicht klar ist, dass sie zumindest indirekt betroffen sein werden, weil ihre Zulieferketten, Vorprodukte, Leistungen, die sie bezahlen, in irgendeiner Weise mit England zusammenhängen. Einige werden sich wundern, wenn ein harter Brexit kommt. Andererseits ist es nicht leicht, sich auf alles vorzubereiten. Und das führt dann zu Attentismus.

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Firmen schieben Entscheidungen also auf.

Genau. Viele sagen: Wir schauen halt mal, was passiert. Und bisher hat ihnen die Situation ja durchaus Recht gegeben. Eigentlich hat sich bislang nicht viel verändert. Außer, dass das englische Pfund seit dem Referendum etwa 13 Prozent an Wert verloren hat und dass die deutschen Ausfuhren nach England um acht Prozent zurückgegangen sind, statt um 15 Prozent zu wachsen, wie die Ausfuhren in die anderen EU-26. Wir reden hier – auf Basis des IW-Reports von Juli 2019 – von einem Delta von etwa null Prozent.

Bei den Firmen schlägt das also noch nicht voll durch?

Es ist wie beim Frosch im Wasser, das sich langsam erwärmt. Er merkt noch nicht so recht, dass etwas passiert – aber es passiert. Darf ich kurz an dieser Stelle für die Industrie- und Handelskammer werben?

Nur zu!

Die IHK kann mit ihren Spezialisten Firmen helfen. Das geht einerseits über Veranstaltungen, andererseits über Beratungsangebote wie Sprechstunden.

Wie schlimm wird ein harter Brexit für die Unternehmen in der Region?

Der Anteil deutscher Exporte ins Vereinigte Königreich liegt bei 6,6 Prozent, in unserer Region bei etwa 3,6 Prozent. Es wird nicht zu einem Weltuntergang kommen. Manche Unternehmen sind natürlich stärker betroffen, etwa die Automobilindustrie. Wir haben aktuell ein Minus bei Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeugteilen von 22 Prozent, wenn man 2015 mit 2018 vergleicht. Was spannend ist: Beim Maschinenbau gibt es sogar ein Plus im gleichen Zeitraum von sieben Prozent.

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Wie erklären Sie das?

Ich vermute Vorholeffekte. Die englischen Unternehmen decken sich noch einmal ein, bevor sie Zoll bezahlen müssen, weil sie deutsche Maschinen benötigen. Man darf das nicht überbewerten: Im gleichen Zeitraum ist der Handel in Sachen Maschinen mit anderen Ländern noch stärker gestiegen. Ich bin mir indes sicher, dass die englischen Importeure ihre Lager voll haben. Wir selbst als Sata haben ja auch Brexit-Deals gemacht, wir haben mit Zahlungszielen und Aktionsware gearbeitet, um es dem Handel zu ermöglichen, die Lager mit unseren Produkten zu füllen.

Wenn doch kein harter Brexit kommt, dann haben Sie viel Geld vergebens investiert.

Das ist richtig. Das ist die Zwickmühle, in der viele Unternehmen steckten. Vorbereiten, Personal aufbauen – und dann kommt es doch nicht so und man hat Geld verloren? Oder das Risiko eingehen, nicht in die Vorbereitung investieren?

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Das Problem hat auch der Staat, oder?

Ich habe im Mai mit der diplomatischen Vertreterin eines europäischen Nachbarlandes gesprochen. Sie sagte, wir seien aktuell nicht annähernd auf das vorbereitet, was im Falle eines harten Brexits auf uns zukommt. Es gibt nur wenige Häfen, die für die Zollabfertigung in Frage kommen. Man hätte Strukturen schaffen müssen. Doch was macht man mit diesen, wenn man sie dann doch nicht braucht – das war auch für die Staaten das Problem. Viele Firmen fürchten daher nach wie vor, dass Behörden nicht ausreichend auf den harten Brexit vorbereitet sind.

Was würde ein Brexit speziell für Ihre Produkte bedeuten?

Es gibt Herausforderungen im Bereich der gewerblichen Schutzrechte. Dabei wird es, ob geregelter Brexit oder ungeregelter, Veränderungen geben. Wir haben uns vorbereitet, ein Team daran gesetzt. Mit unseren Premiumprodukten sind wir außerdem am oberen Ende der Preisskala. Kommen Zölle auf die Preise unserer Lackierpistolen drauf, trifft uns das hart.

Das gesellschaftliche Klima ist bereits vergiftet, oder?

Eine Tochter von uns studiert in London, wir haben erst wieder gesprochen. Alle sind wund, alle wollen, dass dieses Affentheater vorbeigeht, egal wie. Die Bevölkerung in England ist nach wie vor sehr gespalten, denke ich. Aber das ist kein originär englisches Phänomen: Generell hat die Diskursfähigkeit in der politischen Landschaft sehr stark abgenommen. Es wird nicht mehr um Lösungen gerungen, die Gegenseite wird stattdessen mit Etiketten belegt – ob Gutmensch oder Klimaskeptiker. Sobald ein solcher Stempel verliehen ist, ist eine Debatte schon beendet, bevor sie begonnen hat. Und das ist zu bedauern.

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