Claus Vogt steht mit dem VfB Stuttgart vor schwierigen Aufgaben. Seinen Optimismus will sich der Präsident aber nicht nehmen lassen. Foto: Baumann

Die ersten 100 Tage als Präsident des VfB Stuttgart sind für Claus Vogt vorüber, und die Herausforderungen nehmen nicht ab. Wie er sie angeht, erklärt der 50-Jährige erstmals ausführlich.

Stuttgart - Seit seiner Amtsübernahme am 15. Dezember des vergangenen Jahres erlebt der VfB Stuttgart außergewöhnliche Tage. Nun spricht der Vereinspräsident Claus Vogt über die Corona-Krise, wie sich der Fußball-Zweitligist darauf einstellt und wie es um seine eigenen Projekte steht.

Herr Vogt, Ihre ersten 100 Tage im Amt des VfB-Präsidenten sind um. Bei der Klopapier-Challenge haben Sie einen guten Auftritt hingelegt – doch wo liegen die Schwerpunkte in Ihrer bisherigen Arbeit?

Die Teilnahme an der Klopapier-Challenge war natürlich ein Spaß mit einem ernsten Hintergrund. Das Ziel ist es ja zu zeigen, dass man zu Hause bleiben soll und man sich selbst auch an diese Vorgabe hält. (Dabei wird eine Klopapierrolle mit dem Fuß hochgehalten, Anm. d. Red.) Bezüglich meiner Arbeit als VfB-Präsident hatte ich mir ja auch auf die Fahne geschrieben, die ersten 100 Tage zunächst intern zu arbeiten. Wenn man etwas zu sagen hat, dann sollte man das als Präsident des VfB auch tun – ansonsten aber auch mal den Ball flach halten können. Wir haben vieles angeschoben, aber beim VfB ist es zuweilen wie bei einer großen Dampflok. Da muss man den Kessel anheizen, um weiter Fahrt aufzunehmen. Inzwischen stecken wir mitten in der Corona-Krise – da stellen sich plötzlich ganz neue Herausforderungen.

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Wie sehen Sie denn grundsätzlich Ihr Zusammenspiel mit dem Vorstandschef Thomas Hitzlsperger? Sind Sie wie einst beim FC Bayern als Präsident des Vereins künftig quasi der Uli Hoeneß, und Hitzlsperger ist als Chef der AG der Karl-Heinz Rummenigge? Oder wie wollen Sie an Profil gewinnen?

Wir könnten die Rollen auch mit denen von Bundespräsident und Bundeskanzler vergleichen. Ich vertrete als Präsident den Verein mit seinen Mitgliedern und den Abteilungen, führe als Vorsitzender des AG-Aufsichtsrates aber auch die Aufsicht – und gebe Ratschläge. Wir arbeiten gut zusammen, ­dabei passt es zwischen Thomas und mir fachlich und menschlich sehr gut. Wir haben auch mal unterschiedliche Auffassungen. Aber das dient der Sache. Der VfB soll ­erfolgreich sein.

Wie läuft das konkret ab? Nehmen wir den Trainerwechsel von Tim Walter zu Pellegrino Matarazzo. Den hat das Duo Hitzlsperger und Sportdirektor Sven Mislintat doch komplett ohne Sie durchgezogen, oder?

Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade mal acht Tage im Amt. Hermann Ohlicher, Wilfried Porth und ich waren als Präsidialausschuss des Aufsichtsrats vorab darüber informiert, dass die Analyse der Vorrunde läuft. Da war klar, dass es im Ergebnis auch die Option gibt, dass man ohne Tim Walter weitermacht. Die Entscheidung, den Trainer zu wechseln, war dann eine des Vorstands, denn es ging dabei ums operative Geschäft.

Als dann die Wahl mit Pellegrino Matarazzo auf einen weithin unbekannten Trainer fiel, da waren Sie aber schon überrascht.

Auch hier waren wir früh informiert. Wobei ich zugeben muss: Ich dachte, ich kenne mich im Fußball gut aus – aber der Name Pellegrino Matarazzo war mir bis dato nicht geläufig. Der Präsidialausschuss hat seiner Verpflichtung dann zugestimmt.

Sie selbst haben derweil die sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat durch die Berufung von Rainer Adrion, dem langjährigen Trainer der zweiten Mannschaft, gestärkt. Was ist von Ihnen künftig thematisch zu erwarten? Kommt der zweite Investor?

Aufgrund der Corona-Krise und der immer schwierigeren Wirtschaftslage ist es natürlich ein herausfordernder Zeitpunkt, um ­Gespräche mit potenziellen Investoren zu führen. Für die Krise können wir nichts – und haben bei diesem Thema zum Glück keinen Druck. Aber es ist nichts auf Eis gelegt.

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Sie sind ja bereits vor der Pandemie tätig gewesen. Wie man hört, sind Sie mit Ihrem Team, zu dem auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten zählt, auf Tour gewesen, um regionale Firmen für einen VfB-Investorenpool zu gewinnen.

Wir wünschen uns, schwäbische Mittelstandsunternehmen, aber auch Firmen aus ganz Deutschland für den VfB zu gewinnen. Es stimmt, dass wir sofort an die Arbeit gegangen sind und bereits Gespräche geführt haben. Diese sind jetzt auch nicht abrupt beendet, wir führen sie derzeit nur ein bisschen gedrosselt. Das liegt auch daran, dass wir uns mit einigen Entscheidern derzeit ja nicht persönlich treffen können. Wir werden die Termine weiterführen.

Ist es auch der Wunsch des Vorstandschefs Thomas Hitzlsperger, diese regionale Investoren-Strategie weiterzuverfolgen?

Unser gemeinsames Ziel ist es, dass wir zusätzliche starke Partner für den VfB gewinnen. Die Richtung, wer bei uns als weiterer Investor einsteigt, die halten wir uns aber komplett offen. Ich könnte mir die regionale Pool-Lösung gut vorstellen. Aber es gibt ­sicherlich auch interessante nationale oder internationale Unternehmen, die für uns ­infrage kommen könnten.

Auch auf dem sportlichen Terrain ist aktuell Flexibilität gefragt. Die Lage rund um das Profiteam ist sehr unsicher. Wann wird wieder gespielt – was wird aus dem neuen TV-Vertrag? Wie bewerten Sie diese schwierige Situation?

Wir haben in unserem Corona-Krisenstab und auch mit dem Aufsichtsrat sämtliche wirtschaftliche Szenarien für die AG durchgerechnet. Dürfen wir wieder spielen? Wenn ja, wann? Spielen wir dann mit oder ohne Zuschauer? Gibt es eine einheitliche Lösung für alle Clubs in der ersten und zweiten Liga? Und nicht zuletzt: Steigen wir auf? Gibt es vielleicht in der nächsten Saison eine erste Liga mit 22 Teams? Wir versuchen, auf alles vorbereitet zu sein. Jetzt müssen wir die ­weiteren Entwicklungen abwarten. Dann können wir sagen, welche Auswirkungen sie konkret auf den VfB haben.

Wird der VfB diese Krise überstehen?

Ich bin grundsätzlich ein positiv denkender Mensch. Ich hoffe, dass die Infektionszahlen zeitnah zurückgehen, wir diese Krise wirtschaftlich und auch als Gesellschaft gut bewältigen – und wir bald auch wieder Fußball spielen können. Ob Spiele in vollen Stadion bis zum Ende des Jahres zu realisieren sind, ist allerdings heute schwer zu sagen.

Auch das Thema Frauenfußball liegt Ihnen am Herzen. Hier hat der VfB großen Nachholbedarf. Was wollen Sie tun?

Der VfB ist ein großer Verein mit 70 000 Mitgliedern. Schon allein aus Gründen der Gleichberechtigung steht es uns gut zu Gesicht, künftig auch Mädchen- und Frauenfußball anzubieten. Wir haben daher bereits eine Arbeitsgruppe dazu eingerichtet. In der aktuellen Situation wäre es aber nicht vernünftig zu sagen, wir steigen jetzt mit einem professionellen Frauenteam ganz oben ein. Wir wollen Frauenfußball vielmehr als Abteilung des Vereins anbieten. Aktuell klären wir die Frage, ob wir dies alleine tun – oder ob wir uns Kooperationspartner dazuholen.

Am 11. Oktober steht beim VfB die diesjährige Mitgliederversammlung an, auf der Sie erneut zur Wahl stehen. Diesmal für eine volle, vierjährige Amtszeit. Müssen Sie bis dahin Ihr Profil schärfen?

Ich bin bisher kein Wahltaktiker gewesen – und sehe jetzt auch keinen Grund dafür, groß auf die Pauke zu hauen. Es geht mir und uns um den VfB, ihn stark zu machen, die Menschen mitzunehmen und unserem Club Kontinuität zu geben. Ich wünsche mir, dass wir schnellstmöglich wieder in den Regelspielbetrieb kommen, dass wir erfolgreich sind – und aufsteigen. Und ich wünsche mir, dass sich die Lage bis zum 11. Oktober so weit normalisiert hat, dass wir eine normale Mitgliederversammlung abhalten können.

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