Vanessa Bachofer ist oft bei Unternehmer-Veranstaltungen die einzige Frau oder eine von wenigen. Foto: DIHK/Zacarias Garcia

Mit 42 Jahren hat Vanessa Bachofer beruflich schon vieles erreicht. Die Unternehmerin und IHK-Präsidentin im Kreis Esslingen kennt dennoch Situationen, in denen sie als Frau unterschätzt wird. Welche Tipps hat sie für Frauen im Berufsleben?

Vanessa Bachofer ist eine Powerfrau im wahrsten Sinne des Wortes. Sie führt mit zwei Cousins das Industrieunternehmen Mack und Schneider mit 140 Mitarbeitenden in Filderstadt. Seit Kurzem ist die 42-Jährige außerdem Präsidentin der Industrie- und Handelskammer im Bezirk Esslingen-Nürtingen, einer der wichtigsten Interessenvertretungen für Unternehmen. Trotzdem gibt es Situationen, in denen sie unterschätzt wird. Darüber spricht sie in einem Interview anlässlich des Weltfrauentags.

 

Frau Bachofer, in der Geschäftsführung von Mack und Schneider sind Sie die Jüngste und das Mädchen. Bekommen Sie das zu spüren?

Vanessa Bachofer: Von meinen Cousins nicht. Seit 2009 bin ich in Vollzeit bei Mack und Schneider beschäftigt und davor habe ich immer in den Ferien mitgearbeitet. Da habe ich nie irgendwas gehört. Aber klar, für unsere älteren Meister damals, da war ich halt immer „das Mädle“. Das hat jetzt nicht unbedingt was mit Respekt zu tun, aber da musste man schon auch manches dreimal sagen, damit es geglaubt wurde. Dann bin ich auch noch Geisteswissenschaftlerin – und das in der Industrie. Ich habe einmal mathematisch hergeleitet, dass ein Kreis ein unendliches Vieleck ist und dann hatte ich mein Standing im Werkzeugbau.

Vanessa Bachofer (Mitte) mit der Führung der IHK-Bezirkskammer (von links): Christoph Nold (Geschäftsführer), Beatrice Kiesel-Luik (Präsidiumsmitglied), Heike Gehrung-Kauderer (Vizepräsidentin) und Stefan Eberhard (Präsidiumsmitglied). Foto: IHK/Fotografie Ebinger

Sie sind in eine Top-100-Liste der Frauen im Mittelstand aufgenommen worden. Das Ganze haben Sie auf Social Media kommentiert und geschrieben, dass Sie im beruflichen Alltag kaum merken, dass sie eine Frau sind und reine Frauenformate nicht mögen. Ist aus Ihrer Sicht die Geschlechtergerechtigkeit im Arbeitsleben abgeschlossen?

Nein. Ich glaube nicht, dass die abgeschlossen ist, auch wenn ich unsere Belegschaft anschaue. Wir haben ein Verhältnis von 50 zu 50 auf die gesamte Belegschaft betrachtet. Aber nicht 50 zu 50 bei Teamleitungen, sondern da beträgt der Frauenteil eher 30 Prozent. Da merkt man, es ist noch deutlich Luft nach oben. Meine Kritik ist eher, dass ich nicht glaube, dass wir uns unbedingt einen Gefallen tun mit reinen Frauenformaten. Wenn ich über Work-Life-Balance und Kinderbetreuungssthemen und so weiter diskutieren will, das kann ich doch nicht ohne Männer. Die müssen doch mitmachen.

Auch die IHK-Präsidentin fühlt sich manchmal benachteiligt

Wie würden Sie sich denn als Chefin beschreiben? Vor allen Dingen, wenn es um mögliche Unterschiede geht zu Ihren männlichen Co-Geschäftsführern.

Ich glaube, ich achte sehr viel mehr darauf, die Leute einzusammeln. Ich habe bei Männern immer das Gefühl, die haben echt coole Ideen und Visionen und rennen dann völlig angezündet durch die Weltgeschichte. Das braucht es auch unbedingt! Aber sie kümmern sich recht wenig darum, die Leute mitzunehmen und zu erklären, warum sie das jetzt eigentlich machen. Das war von Tag eins an ein bisschen mein Job im Unternehmen. Mein Vater hat mir das auch schon mal gesagt: „Kind, es ist gut, dass du in der Firma bist. Kommunikation ist eine riesige Baustelle bei uns.“

Hatten Sie mal das Gefühl, dass Sie sich in der männlich dominierten Geschäftswelt verstellen müssen?

Es gibt schon immer mal wieder so Situationen. Mit Leuten, die mich nicht gut kennen. Da muss ich mir manchmal im übertragenen Sinne meinen Neoprenanzug anziehen. Da perlt dann so manches ab. Und man muss manchmal das Ego ein bisschen hochpumpen, in der Art: „ Ja, und ich bin Geschäftsführerin, ich habe dies, das und jenes gemacht.“ Einfach sich ein bisschen mehr aus dem Fenster lehnen, als man das vielleicht sonst machen würde. Und auch manchmal deutlichere Ansagen machen, als ich das normalerweise tue, um sich auf diese Art und Weise Respekt zu verschaffen.

Gab es schon Situationen, in denen Sie dachten: Also da fühle ich mich jetzt, weil ich eine Frau bin, benachteiligt?

Strukturell benachteiligt oder systematisch benachteiligt nicht, würde ich sagen. Aber situationsbedingt, ist das schon vorgekommen. Bei Unternehmer-Veranstaltungen bin ich immer noch häufig die einzige Frau oder eine von zwei. Und dann hält man mich gerne mal für die nette Dame, die die Namensschilder verteilt und wieder einsammelt. So etwas passiert punktuell, aber es liegt auch viel am Auftreten.

Diesen Tipp hat Vanessa Bachofer für Frauen im Berufsleben

Haben Sie einen Ratschlag für Frauen im Berufsleben, den Sie weitergeben möchten?

Das ist nicht nur ein Ratschlag für Frauen: Wartet nicht drauf, dass ihr zu irgendwas explizit eingeladen werdet. Ob da „Liebe Unternehmerinnen und Unternehmer“ in der Einladung stand oder nicht – ich habe mich einfach immer gemeint gefühlt und bin hingegangen. Einfach machen und nicht irgendwie denken: Weil ich jetzt nicht explizit erwähnt bin, bin ich ausgeschlossen. Wir dürfen alles per se und die Türe steht offen. Wir müssen nur noch aktiv durchgehen.

Und sich zur Not auch mal selbst einladen?

Ja, auch das. Auch manchmal ein bisschen frech sein, sich selber einladen. Mit der Reaktion lernt man umzugehen.

Vanessa Bachofer und Gender Pay Gap

Zur Person
Vanessa Bachofer ist Diplom-Kulturwirtin und hat einen Master-Abschluss in Philosophie, Politik und Wirtschaft. 2009 ist sie in das Familienunternehmen Mack und Schneider eingetreten, das sie gemeinsam mit zwei Cousins führt. In der Geschäftsführung ist sie für die Bereiche Einkauf und Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umwelt zuständig.

Weltfrauentag
Der internationale Tag der Frauen wird seit 1911 am 8. März begangen. Im Zentrum stehen jedes Jahr unterschiedliche Themen wie bessere Bildung für Mädchen weltweit oder Gewalt gegen Frauen. Jahr für Jahr Aufmerksamkeit bekommt auch der Gender Pay Gap. Der Unterschied der Bruttostundenverdienste betrug 2024 in Deutschland durchschnittlich 16 Prozent.

IHK
Die Industrie- und Handelskammer ist Interessenvertretung für Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung. Zu den Aufgaben gehören unter anderem die Interessensvertretung der Wirtschaft gegenüber der regionalen Politik sowie die Durchführung von Weiterbildungen und Prüfungen. Der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen gehören 33 000 Mitgliedsunternehmen an. Vanessa Bachofer ist seit kurzem Präsidentin der Bezirksversammlung. Sie ist die zweite Frau in diesem Ehrenamt nach ihrer Vorgängerin, der Hotelchefin Heike Gehrung-Kauderer, die den Wechsel angestoßen hat und nun Vizepräsidentin ist.