Postkarten von der Weinsteige Straßenbahn mit herrlicher Aussicht

Von Uwe Bogen 

Stuttgart von seiner glanzvollen Seite: Kaum eine andere Aussicht fasziniert Fotografen seit über 100 Jahren so sehr wie der Blick von der Neuen Weinsteige auf den Kessel. Udo Becker sammelt Postkarten der einstmals schönsten Straßenbahn-Strecke Europas. Vergleichsaufnahmen zum Genießen.

Stuttgart - An den Autos sollt ihr das Alter der Fotos erkennen. In den 1960ern muss es gewesen sein, als jene Ansichtskarte entstanden ist, auf der das Rössle als Stadtwappen abgebildet ist. Die Stadtdetektive auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums ermitteln mit Blick auf die Fahrzeuge die Zeitepoche meist schnell. So hat ein User notiert: „Ein 190 Mercedes, ein Ford Taunus 12m und ein Mercedes SSB-Bus, der nicht aus dem Museum kam – das waren die 60er.“

Auf den Fotos, die vor den 1970ern entstanden sind, sieht man noch den Pflasterbelag, an den sich die Facebook-Kommentatorin Heidi Lenz erinnert: „Ich habe die Plastersteine der Weinsteige gehasst, speziell bei Regen waren sie unberechenbar. Da hat’s manches Motorrädle rausgehauen.“

Kaum ein anderes Motiv von Stuttgart ist seit 1911 so oft auf Postkarten verewigt worden wie jener Anblick, der die Vorzüge der Kesselstadt mit famoser Aussicht und idyllischen Weinbergen so überzeugend vorführt. Seit Jahren sammelt StN-Leser Udo Becker die Weinsteigen-Karten im Internet und auf Flohmärkten. Für unser Geschichtsprojekt hat er sein großartiges Album geöffnet – hier zeigen wir eine Auswahl seiner Schätze.

Was auffällt: Auf den meisten Karten sieht man nur wenig Verkehr – kein Vergleich zu dem, was sich heute auf dieser Strecke tut.

1987 ging’s in die Tunnelröhre

Stuttgart besitzt gleich zwei befahrbare Weinsteigen. Der extrem steile Weg der Alten Weinsteige wurde 1350 erstmals erwähnt. Bis zu 16 Pferde brauchte man, um den Berg zu bewältigen. Weil manche Pferdefuhrwerke den Aufstieg nicht schafften, beauftragte König Wilhelm I. im Jahr 1822 seinen Oberbaurat Eberhard von Etzel, die Residenzstadt an die südlich gelegenen und damals noch selbstständigen Gemeinden über eine breite Panoramastraße anzubinden. Nach jahrelangen Bauarbeiten wurde sie am 23. Oktober 1831 eröffnet. Damals hieß sie noch nach dem königlichen Auftraggeber Wilhelmstraße und kam erst 1946 zum heutigen Namen Neue Weinsteige.

Als Pionierleistung der Ingenieurkunst rühmte man die Steige, deren Bau mit 76 000 Gulden als sehr teuer galt. Bis 1922 verlangte die Stadt Zoll- und Pflastergeld.

„I muss die Stroßaboh no kriega“, sang Wolle Kriwanek, „bloß dr Fünfer bringt mi hoim.“ Der Fünfer führte von Stammheim in die Stadt, dann hinauf nach Degerloch und endete in Möhringen. Die Ära der traumhaften Aussicht endete im September 1987. Der Fünfer und der Sechser mussten in der Tunnelröhre verschwinden. Die Neue Weinsteige gehört seitdem nur noch den Autos – oder Radfahrern, die das Risiko lieben.

Im Forum des Stuttgart-Albums fragt man sich: „Warum kamen nicht die Autos in den Tunnel?“ Autofahrer müssen auf den Verkehr achten, ihnen entgeht oft, was die Ansichtskarten von Udo Becker eindrucksvoll vorführen: Die Hauptverkehrsroute auf die Filder mag sich gewandelt haben – sie ist aber immer einzigartig geblieben. Darauf kann Stuttgart wirklich stolz sein.

Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zu der Serie Stuttgart-Album erschienen.

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