Im Getümmel hatte eine Mutter ihren Sohn im Freibad aus den Augen verloren. Jetzt hagelt es Kritik: weil eine Mitarbeiterin Geld für eine Lautsprecherdurchsage forderte.  Foto: dpa

Das Bönnigheimer Freibad steht im Zentrum eines Shitstorms. Der Grund: eine Mutter hatte ihr Kind aus den Augen verloren und das Personal um eine Lautsprecherdurchsage gebeten. Dafür verlangte eine Mitarbeiterin Geld. Der Bürgermeister hat jetzt reagiert.

Bönnigheim - Ein Shitstorm, auf deutsch: ein Scheißesturm, ist so etwas wie ein digitaler Pranger. Und er kann jeden treffen. Ein falsches Wort zur falschen Zeit, öffentlich geäußert, kann umgehend eine Lawine Kritik nach sich ziehen. Kurz der ganzen Welt mitteilen, wie toll die Pizza schmeckt, die der Lieblings-Italiener gerade auf den Teller gelegt hat. Schnell noch ein Foto vom Sonnenuntergang dazu stellen, Romantik, schön. Nach dem Essen einen Kübel digitale Scheiße ausschütten. Alles kein Problem mit Facebook, Twitter und den anderen. „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht.“ So definiert der Duden den Shitstorm, und dass es dieses unschöne Wort überhaupt in den Duden geschafft hat, mag bedenklich stimmen.

Jetzt jedenfalls hat es das Bönnigheimer Freibad erwischt, weil dort vor einigen Tagen eine Mitarbeiterin mit Anlauf in einen Fettnapf gesprungen ist. Das war passiert: Eine Mutter war mit ihren beiden Kindern im Bad, und während die Frau sich um ihre kleine Tochter kümmerte, ging ihr siebenjähriger Sohn noch eine Runde planschen. Plötzlich war er weg, und die Frau verständlicherweise in Panik. Sie ging zum Eingang und bat das Personal, den kleinen Mann ausrufen zu lassen.

Und dann kam es, das falsche Wort zur falschen Zeit. Ausrufen per Lautsprecher – das koste einen Euro, erklärte eine Mitarbeiterin. Blöd nur, dass die Mutter keinen Euro zur Hand hatte. Immerhin: die Durchsage wurde trotzdem gemacht und der Junge war schnell gefunden, allerdings musste die Mutter im Gegenzug ihren Namen und ihre Adresse hinterlassen. Damit das Bad ihr die Rechnung zuschicken kann. Über einen Euro, wohlgemerkt. Die Post wird für derart gewissenhafte Bürokraten dankbar sein.

Die vielen Durchsagen nerven die Gäste – deshalb verlangt das Bad Geld

Auch wenn man es kaum glauben mag, hat die Mitarbeiterin des Bades formal korrekt gehandelt. „Das ist eine alte Regelung“, sagt der Bönnigheimer Bürgermeister Kornelius Bamberger, die er gar nicht gekannt habe. Der Grund für die Gebühr sei leicht zu erklären: Es komme immer wieder vor, dass Leute um Durchsagen bitten, die „nicht unbedingt notwendig“ seien. So würden Lautsprecherdurchsagen oft genutzt, um sich zu verabreden und im Bad zu treffen, erzählt Bamberger, was ja in Zeiten von Smartphones schon komisch sei.

Denkbar, dass manche Menschen ihr Smartphone gar nicht mehr zum Telefonieren gebrauchen können, weil sie zu sehr mit Shitstorms beschäftigt sind, aber sei’s drum. In Bönnigheim jedenfalls wurde irgendwann beschlossen, dass jede Durchsage im Bad einen Euro kostet. „Damit die anderen Badegäste nicht so oft gestört werden“, so Bamberger.

Dass dies nun dazu geführt habe, dass die Mitarbeiter von einer verzweifelten Mutter Geld verlangten, sei natürlich nicht intendiert gewesen. Damit so etwas nicht mehr vorkommt, hat der Bürgermeister jetzt entschieden: die Regelung wird außer Kraft gesetzt, die Gebühr nicht mehr erhoben.

Auf Facebook drohen manche Nutzer, das Bönnigheimer Bad jetzt zu boykottieren

Aber da war es schon zu spät. Der Vorfall wurde öffentlich, und die Lawine rollte los. „Wir gehen zukünftig in ein anderes Freibad“, kündigte ein Facebookuser an und garnierte die Drohung mit drei Anführungszeichen, ein Stilmittel, das in keinem Shitstorm fehlen darf. Das nennt man „juristisch unterlassene Hilfeleistung“, klagte ein junge Frau immerhin noch mit zwei Anführungszeichen. „Ekelhaft!“, „Dümmlich!!“, „Gestört!!!!“ – in diesem Tonfall wird nun über das Verhalten des Bönnigheimer Freibadpersonals gezetert, und manche sehen in dem Vorfall gar einen Anlass, über Flüchtlinge herzuziehen, obwohl die nun wirklich gar nichts dafür können. Fast wünschte man sich beim Lesen der Kommentare, es würde mal jemand ein Pizzabild hochladen, so zur Auflockerung.

Bamberger hat inzwischen bei der Mutter angerufen und sich entschuldigt. Mit der Freibadmitarbeiterin, die im Zentrum des Sturms steht, habe er noch nicht sprechen können. Er gehe davon aus, dass die Frau die Lage falsch eingeschätzt und die Notsituation der Mutter nicht gleich erkannt habe. Das sei sicher ein Fehler gewesen, aber: „Ich würde mir auch wünschen, dass man sich, wenn so etwas passiert, direkt an uns wendet und nicht gleich die ganze Facebooknation in Wallung bringt.“ Schließlich habe keiner von all denen, die nun im Internet ihrem Unmut freien Lauf lassen, den Vorgang direkt mitbekommen oder mit den Beteiligten gesprochen.

Vielleicht würde es manchen Facebooknutzern gut tun, vor dem Griff zu Smartphone und Tastatur kurz inne zu halten und die maßlose Wut etwas herunterzukühlen. Ein Sprung ins Wasser kann da helfen. Vielleicht im Bönnigheimer Freibad. Soll recht schön sein dort, haben wir gehört.

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