Geht Inklusion nur an allgemeinbildenden Schulen? Viele Experten sehen es so, Kritiker halten es für falsch. Sie werben für die Förderschulen im Land – gestützt auf Erfahrungen ihrer Schüler.
Dass Schüler voller Überzeugung für ihre eigene Schule Werbung machen, ist der Stoff, von dem viele Rektoren nur träumen können. Bei den Sonderpädagogischen Betreuungs- und Beratungszentren (SBBZ) ist es vielleicht erst recht keine Selbstverständlichkeit. Denn in den vergangenen Jahren hat das Konzept der Inklusion, bei dem Kinder mit Behinderung in den Unterricht der Regelschulen integriert werden, den früheren Förderschulen – die heute offiziell SBBZ heißen – ziemlich den Rang abgelaufen. Deshalb sitzen Ayse Mutlu, Amelie Grün und Robert Schütze jetzt zusammen mit Vertretern der Arbeitsgemeinschaft der freien Schulen Baden-Württemberg (AGFS) in der Landespressekonferenz. Sie wollen nicht so stehen lassen, dass der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Schülern als Königsweg von Inklusion in der Schule verstanden wird.
„Nie wieder Regelschule“
Der Tatsache, dass heutzutage viele Behinderten- und die Mehrzahl der Bildungsverbände sowie Behindertenbeauftragte auf Landes- und Bundesebene das Konzept von Inklusion an der Regelschule als einzig richtigen Weg propagieren, halten sie ihre Erfahrungen entgegen: Nie wieder würden sie auf eine Regelschule gehen, erklären alle drei Schüler mit Behinderung bei der Pressekonferenz in Stuttgart selbstbewusst.
Für die 22-jährige Ayse Mutlu, die wegen einer Körperbehinderung im Rollstuhl sitzt, hat mit dem Wechsel auf die Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd ein neues Leben begonnen. Vorher an der Regelschule hatte sie als körperbehindertes Mädchen jahrelang Unterricht für geistig behinderte Kinder. Nach dem Schulwechsel sei sie „der glücklichste Mensch“ gewesen, erzählt sie jetzt. Sie machte erst den Förderschulabschluss, dann den Hauptschulabschluss und dann den Realschulabschluss. „2026 werde ich im Beruflichen Gymnasium – soziales Profil – mein Abitur machen und danach an der Pädagogischen Schule in Heidelberg Lehramt studieren.“ Sie ist so überzeugt von ihren Erfahrungen, dass sie sie an einem SBBZ an künftige Schülergenerationen weitergeben will.
„Inklusions ist mehr als gemeinsamer Unterricht“
Gerd Bürkle, geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen in Baden-Württemberg, und Christiane Stöppler, die in der AG für die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren zuständig ist, liefern den politischen Unterbau zum Erfahrungsbericht ihrer Schüler. Sie kritisieren, dass Inklusion in der politischen Debatte auch im Land heute vielfach verengt wird auf den gemeinsamen Unterricht zwischen Behinderten und Nichtbehinderten an einer Regelschule. Und sie befürchten, dass die Förderschulen unter dem Druck knapper finanzieller und personeller Ressourcen langfristig abgeschafft werden könnten. „Wir unterstützen voll und ganz die Forderung, dass die Inklusion an allgemeinbildenden Schulen verbessert werden muss“, betont er. „Dies darf aber nicht auf Kosten der SBBZ passieren.“
Zusammen mit eineinhalb Dutzend sonderpädagogischen Fachverbänden und Privatschulorganisation hat die Arbeitsgemeinschaft ein Positionspapier für einen Inklusionsbegriff geschrieben, der mehr umfassen soll als den gemeinsamen Unterricht. Für Bürkle und seine Mitstreiter gehört dazu ganz zentral, dass die betroffenen Schüler und ihre Eltern weiterhin die Wahl zwischen verschiedenen Inklusionsangeboten haben. „Unsere konkrete Forderung an die Landesregierung ist: Bleiben Sie dabei, auch die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren zu fördern. Leider hören wird mittlerweile viel zu oft: Wir können uns nicht beides leisten“, betont Bürkle. „Wir haben die Befürchtung, dass es einen Umbau des Bildungssystems geben kann, dem die SBBZ zum Opfer fallen. Nicht von heute auf morgen, nicht mit der aktuellen Bildungsreform, aber auf die lange Frist gesehen.“
„In einer Klasse mit 30 Schülern würde ich total untergehen“
Amelie Grün, 18, ist Schülerin am Beruflichen Gymnasium der Schule beim Jakobsweg in Winnenden. Ohne ihr Cochlea-Implantat wäre sie taub. Bei der Pressekonferenz wünscht sie sich explizit, dass es ihre Schulart weiterhin gibt. „In einer Regelschule mit 30 Schülern in der Klasse würde ich total untergehen“, sagt sie. „Ich – und andere Jugendliche mit meiner Behinderung – würden den Lehrer nicht verstehen. Die Kombination aus kleinen Klassen, Gebärdensprache, besonders schalloptimierten Räumen sorgen aber dafür, dass ich dem Unterricht sehr gut folgen kann.“ Ähnliches erzählt der 19-jährige Robert Schütze, der eine Sehbehinderung hat und bald an einem Berufskolleg der Nikolauspflege Fachrichtung Wirtschaftsinformatik seinen Abschluss macht. „Ich bekomme dort alles beigebracht, was ich benötige, um später in einem nicht inklusiven Umfeld ohne die Hilfe von anderen klar zu kommen, sodass ich nächstes Jahr ein ganz normales Duales Studium beginnen kann“, setzt er hinzu.
Zum Hintergrund
Statistik I
Fast 55 00 Schülerinnen und Schüler im Land besuchen laut Statistischem Landesamt ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ). Insgesamt gibt es in Baden-Württemberg 555 solcher Förderschulen. An allgemeinbildenden Schulen nehmen 9000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf am inklusiven Unterricht teil.
Statistik II
Die Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen (AGFS) spricht zwar nur für die privaten SBBZ. Sie repräsentieren damit aber keine kleine, sondern eine substanzielle Minderheit im Land: Jede dritte Förderschule ist eine Privatschule. Bei manchen Förderprofilen liegt der Anteil der freien Schulen laut der AG sogar über neunzig Prozent. luß