Antony Northcutt ist gebürtiger Londoner, Fotograf und Postbote. Bei Letzterem hat ihm eine ganz bestimmte Tatsache zu einem gewissen Bekanntheitsgrad verholfen.
In England tragen viele Postboten eigentlich immer kurze Hosen. Das sagt zumindest Antony Northcutt. Und er muss es wissen. Schließlich ist er gebürtiger Londoner. „Ich führe hier in Deutschland diese Tradition bloß fort“, fügt der 57-Jährige hinzu. Das heißt also, egal ob Sonne, Regen oder Schnee: Antony Northcutt begibt sich in „short trousers“, wie er in schönstem British-English betont, auf seine Runde durch Leonberg. Inzwischen lebt Northcutt seit einigen Jahren in Renningen. Dort baut er sich derzeit sein zweites Standbein auf – als Porträtfotograf mit einem eigenen Studio, in dem er nun sitzt und sagt: „Hier geht niemand raus ohne ein Foto von sich.“ Dafür zückt er spontan mal eine Kinder-Sofortbildkamera, mal eine Vintage-Spiegelreflex, mal anderes Profi-Equipment.
Antony Northcutt war in England einst Fotografielehrer, er gab außerdem in Cambridge ein eigenes Studierenden-Magazin heraus. „Aber als das Internet aufkam, haben sich die Dinge leider zum Schlechten entwickelt“, sagt er, „die Druck- und Papierkosten sind explodiert.“ Zur Fotografie selbst kam er vor mehr als 20 Jahren in Amsterdam, wo er eine Zeit lang lebte und seine spätere (inzwischen Ex-)Frau – eine Leonbergerin – kennenlernte. Alles begann mit guten Bildern, später einem eigenen Blog und endete mit lukrativem Mentoring und Online-Seminaren für interessierte Fotografen.
Northcutt wird im Supermarkt erkannt
Seit zwei Wochen ist Antony Northcutts Studio nun geöffnet, eine Internetseite gibt es ebenfalls. Doch seiner Tätigkeit als Postbote wird er auch weiterhin nachgehen. Selbstverständlich in kurzer Hose. Inzwischen hat er damit auch einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. „Sogar im Supermarkt kommen Leute manchmal zu mir, weil sie mich erkennen“, berichtet er und lacht.
Seit vier Jahren trägt er Briefe aus. „Ich liebe es, neue Leute zu treffen. Und das ist eine großartige Gelegenheit dazu.“ Seine Models – und Kunden – kamen bislang jedoch eher aus der Stuttgarter Ecke. Sie fotografierte er unter anderem auch mit einer sogenannten 4x5-Kamera. „Da muss man richtig still stehen“, betont er. Natürlich werden diese Bilder im Anschluss auch richtig klassisch entwickelt – ganz kostengünstig sind sie daher nicht.
Dabei ist er sich sicher: „Wir machen tausende Fotos, aber wir schauen sie nicht an.“ Deshalb rät er den Menschen, sich die Bilder auszudrucken und anzusehen. „Das Foto muss aus dem Smartphone raus und in die Hand des Menschen.“ Dabei vergleicht er die Fotografie mit Schallplatten oder Musikkassetten. „Während sich das Vinyl auf dem Plattenteller dreht, darf man einfach nichts anderes machen“, fügt er lachend hinzu.
Gesichter haben es ihm angetan
Gesichter haben es ihm bei seiner Tätigkeit angetan. „Ich habe alles Mögliche fotografiert, aber ich komme immer wieder zu den Menschen zurück“, sagt Antony Northcutt, „und ich würde es lieben, Menschen zu fotografieren, die mich als Postboten kennen.“ Zumindest einige dürften im Bilde sein, dass er beides ist – suchte der 57-Jährige doch noch vor einigen Monaten mit dieser Ansage nach einer Studio-Räumlichkeit: „Most of you know me as the BW postman with the kurze Hose.“
Fotostudio im einstigen Farben- und Tapetenladen
„Erst die Post-Runde, dann die Fotografie“, lautet sein Credo – zumindest noch. Denn das Studio steht erst am Anfang, Marketing und Werbung laufen gerade erst an. Vor Kurzem hatte er zwei echte Mammut-Tage, als er für die Internetseite nach Fotomodels suchte – und viele Interessierte zu seinem Studio kamen, das übrigens im einstigen Farben- und Tapetenladen seines einstigen Schwiegervaters zu finden ist.
Antony Northcutt: „Ihre Gesichter erzählen Geschichten“
Jetzt geht es an die Details der Angebote für die Zukunft. So könnte sich Antony Northcutt zum Beispiel vorstellen, Kindern die Kunst des Fotografierens näher zu bringen – und alles, was dazu gehört. Außerdem würde er gerne mehr ältere Menschen vor die Linse bekommen. „Ihre Gesichter erzählen Geschichten“, sagt er.
Dabei bleibt er auch selbst am liebsten „old school“, also der alten Schule treu. „An der Fotografie liebe ich das Romantische, aber auch das Unbequeme, zum Beispiel beim Entwickeln der Filme – einfach die Tatsache, dass sie alles verlangsamt“, fasst er zusammen. So könnte man fast geneigt sein, es als Ausgleich zu seinem Dasein als Postbote zu sehen. Denn dabei kommt es ja häufig auf Schnelligkeit an.
Antony Northcutt
Internet
Wer Antony Northcutt live erleben will – und vielleicht auf der Suche nach einem Porträt von sich ist – kann sich hier informieren: www.antonynorthcutt.com