Porträt Emilia de Fries Wie finde ich zur Anarchie zurück?

Von Anne Guhlich 

 Foto: Sebastian Kowski
Foto: Sebastian Kowski

Emilia de Fries wollte als Kind Panzerknackerin werden. Nun hat sie sich doch lieber dazu entschlossen, es als Schauspielerin zu versuchen.

Stuttgart - Zwei Frauen in blauen Schürzen putzen hinter Emilia de Fries’ Rücken den Boden des ausgestorbenen Foyers im Schauspielhaus. Wenn sie sprechen, hallen ihre Worte an den hohen Wänden wider. Am Abend des 16. Januar wird das Foyer voll sein. Dann ist Premiere von Anton Tschechows „Der Kirschgarten“. De Fries spielt in der Inszenierung von Michael Thalheimer das Zimmermädchen Dunjascha. Jetzt sitzt sie auf einem der hohen Barhocker und zerzaust ihre kurzen, dunkelbraunen Haare, während sie nachdenklich aus dem Fenster blickt.

Sie ist Studentin im vierten Jahrgang an der Schauspielschule Stuttgart. Den Gedanken an die Premiere mag sie. "Ich kriege immer einen Schub kurz vor der ersten Aufführung", sagt sie. Emilia de Fries ist ein Mensch mit vielen Gegensätzen. Sie spricht sehr langsam. Oft macht sie Pausen zwischen den einzelnen Sätzen. Es ist, als betrachte sie die Wörter genau von allen Seiten, bevor sie sich schließlich für eines entscheidet. Diese Bedachtsamkeit schlägt jedoch schnell um. Als das Handy klingelt und eine Theaterfrau am anderen Ende der Leitung sagt, dass die Termine für das Vorsprechen bei ihnen vorbei seien, wird die nachdenkliche Schauspielerin bestimmt. Mit festem Schritt läuft sie auf und ab und sagt: "Wenn Sie doch noch etwas haben, denken Sie an mich."

Was die Schauspielerei betrifft, sei sie ehrgeizig, sagt sie. Wenn sie wo hinein wolle, dann mache sie viel dafür. Das war als Kind schon so. Damals war ihr Traumberuf Panzerknacker. Heute will sie zwar Schauspielerin sein. Aber die Fähigkeiten einer Panzerknackerin haben sich trotzdem ausgezahlt. An acht Schulen hat sie vorgesprochen, bevor sie sich für Stuttgart entschieden hat. Während dieser Zeit hat sie vor allem eines gelernt: "Ich muss unbedingt zum Theater." Es gebe etwas auf der Bühne, das sie anziehe. "Schauspielen ist wie verliebt sein - da denkst du nicht, dass du gerade irgendwo irgendwas verpassen könntest."

Emilia de Fries ist klein und schmal. Dennoch: In ihrer Rolle als Anna in Kerstin Spechts "Der Zoo" trägt sie ihren viel größeren und schwereren Kollegen über die Bühne des Theaters im Depot. "Ich bin staaark", sagt sie in der Manier eines pubertierenden Halbstarken. "Ich habe Muskeln." Anna ist eine sehr reife Figur. Inmitten einer Gesellschaft, die sich auf einmal ihren triebhaften Befindlichkeiten hingibt, sucht sie ernsthaft und verzweifelt nach der Beachtung, die sie ihr Leben lang vermisst hat.

Das umzusetzen gelingt Emilia de Fries gut. Sie hat große dunkle Augen, markante Gesichtszüge, etwas Tiefes und Melancholisches haftet ihrer Art zu spielen an. Ihre Stärke ist das Körperliche. Das sagt Emilia de Fries selbst: "Dagegen darf ich nicht aufhören, an meiner Stimme zu arbeiten, ich darf mich nicht ausruhen." Dass sie eigentlich auch junge Rollen wie Dunjascha spielen kann, merkt sie erst allmählich. "An der Schule war mir noch nicht bewusst, wie jung ich bin", sagt sie. An einer Stelle proklamiert Anna in Kerstin Spechts Stück: "Es geht darum, Zweifel auszuräumen." Das Zitat verwendet Emila de Fries, als sie von ihrem Verhältnis zu ihrer Art zu spielen spricht. Während ihres Studiums sind nicht nur ihre Fähigkeiten gewachsen, sondern auch die Zweifel. Am Anfang habe die 23-Jährige noch mit mehr Naivität gespielt. Mit 14 begann sie in einem Jugendclub in Düsseldorf mit Improvisationstheater. Jenseits der Improvisation brachten die Jugendlichen einmal im Jahr ein Stück auf die Bühne. Heute - fast zehn Jahre später - geht es Emila de Fries darum, "wieder zurück zur eigenen Anarchie zu finden".

Die Frauen im Foyer wringen ihre Lumpen aus. Es gibt ein platschendes Geräusch. "Wenn ich wüsste, dass ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich mir kaltes Wasser suchen und reinspringen", sagt Emilia de Fries. Doch jetzt ist erst mal Premiere.

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