Der Hemminger Schützenverein legt großen Wert auf Disziplin und Zuverlässigkeit, „weil unsere Sportgeräte gefährlich sind“. Kritikern gehen die nach den Amokläufen in Erfurt und Winnenden verschärften Waffengesetze beileibe nicht weit genug.
Hemmingen - Es ist ruhig an diesem Abend auf den Feldern am Hemminger Ortseingang. Die Sonne steht tief, der Mais ist mannshoch und die Bäume auf den sattgrünen Streuobstwiesen tragen rote Äpfel. Eine Idylle. Wären da nicht die Schüsse. Kurz und scharf durchschneiden sie die Stille. Die Schützen trainieren.
Stefanie Link, 14-jährige Schülerin der Waldorfschule in Vaihingen, ist eine von fünf Jugendlichen, die mit dem Luftgewehr bei den Hemminger Schützen im Glemstal trainieren. Sie hat das Schießen auf dem Hemminger Fleckenfest ausprobiert und Gefallen daran gefunden. „Ich lerne dabei, mich auf mich zu konzentrieren. Und ich sehe das Ergebnis, wenn es gelingt“, berichtet Link. Ihre Freunde fänden es cool, dass sie schieße, und auch die Eltern hätten nichts dagegen. Ihr Einverständnis mussten beide geben, damit ihre Tochter – unter Aufsicht des Jugendschießleiters – trainieren kann.
Gefährlicher Sport – schlechter Ruf
Jörg Huber, der Hemminger Jugendwart, ist Schütze, seit er zwölf Jahre alt ist. Schießen und Schützenvereine haben einen schlechten Ruf. Was bedeutet es – nach Erfurt, nach Winnenden – Kinder und Jugendliche an den Schießsport heranzuführen? „Diese Vorfälle waren furchtbar“, sagt er, „unsere Sportgeräte sind viel gefährlicher als die beim Handball oder Fußball.“ Der verantwortungsvolle Umgang mit Waffen sei das A und O. „Mir geht es auch darum, den Jugendlichen Werte zu vermitteln: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Disziplin. Und füreinander einzustehen“, sagt Huber, der als Qualitätsingenieur bei einem Automobilhersteller arbeitet.
Strengere Waffengesetze
Der Vorstand des Hemminger Schützenvereins, Andreas Muckle, glaubt, dass die Waffengesetze „streng und die Auflagen anspruchsvoll“ seien. Er selbst ist erst spät zum Schießen gekommen und war lange bei der Feuerwehr aktiv, bevor er von Korntal nach Hemmingen zog und ein Bekannter ihn zu den Schützen mitnahm. „Mir hat vor allem die Kameradschaft gefallen und der Wettbewerb“, sagt der 54-jährige Maschinenbautechniker. Seine Waffen bewahrt er den gesetzlichen Vorschriften gemäß zu Hause in einem Tresor auf. Den Schlüssel dafür hat er immer bei sich; andere bewahren ihn in einem Extra-Schrank mit Zahlenschloss auf.
Nach den Amokläufen in Erfurt 2002 und in Winnenden 2009 hat der Gesetzgeber das Waffenrecht noch einmal verschärft. Wer eine Waffe besitzen möchte, muss das 18. Lebensjahr vollendet haben. Unter-25-Jährige benötigen ein Attest zur „geistigen Eignung“. Von jedem Waffenbesitzer verlangt das Gesetz einen Nachweis über „die persönliche Eignung“. Außerdem sind die „erforderliche Sachkunde“ sowie ein „Bedürfnis“ nachzuweisen – etwa als Jäger oder Sportschütze. Den Gegnern freilich gehen die Regelungen nicht weit genug: „Keine Mordwaffen zu Sportwaffen“, fordert etwa eine Initiative.
Teilnahme an deutschen Meisterschaften
Bei laufendem Betrieb sorgt im Schützenhaus Hemmingen Schießleiter Rainer Wurz, 47 Jahre alt, dafür, dass die Vorschriften eingehalten werden. Als einer der Besten des Vereins nimmt der Industriemechaniker regelmäßig an deutschen Meisterschaften in München teil. Jedes Jahr treffen sich dort auf der Olympiaschießanlage rund 6000 Schützen, um sich in rund 35 Disziplinen zu messen.
Organisiert sind die Schützen im Baden-Württembergischen und im Deutschen Schützenverband. Der Dachverband für Sport- und Traditionsschützen, gegründet im Jahre 1861 und nochmals 1951, ist mächtig: 14 200 Vereine mit 1,35 Millionen Mitgliedern gehören ihm an– so viele, wie die Tennisclubs in Deutschland haben. Nur Fitnessclubs, Fußball- und Turnvereine sind beliebter. Seit 2015 gehört das deutsche Schützenwesen sogar zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Gleichwohl hat die Mitgliederzahl bei den Schützen in den vergangenen 20 Jahren um über 200 000 abgenommen.
Die Zahl der Mitglieder stagniert
Der Hemminger Verein hat rund 230 Mitglieder – in etwa genauso viele wie vor zehn Jahren. 1960 war er von 23 Männern und einer Frau gegründet worden: „Es war der erste Schützenverein am Ort“, erklärt Ehrenmitglied Helmut Dobler. Der 76-jährige hat den Verein in den sechziger Jahren mit aufgebaut, genau wie der 80-jährige Dieter Wurz, der Vater des jetzigen Schießleiters. Über Jahrzehnte war er als Vorstand im Verein tätig.
In den Anfangsjahren trainierten die Schützen auf dem 1935 errichteten Schießstand. Die SA habe das „Holzhäusle“ ursprünglich für ihre Übungen genutzt, berichtet Wurz. Die Schützenvereine waren in der NS-Zeit verboten. In den Nachkriegsjahren verboten die Alliierten Waffenbesitz. Erst allmählich lockerten sich die Vorschriften.
Teure Auflagen
Im Hemmingen der sechziger Jahre wuchs der Schützenverein schnell, und die Mitglieder wünschten sich einen zeitgemäßen Trainingsort. Die Anlage entstand zwischen 1963 und 1966 – „in viel Eigenleistung, denn damals gab es noch zahlreiche Handwerker im Verein, Glaser, Gipser, Maurer“, sagt Wurz.
Heute sind viele der Hemminger Schützen in den großen Unternehmen der Region tätig. Sie trainieren an vier Schießanlagen auf Distanzen von zehn, 25 und 50 Metern – mit Waffen vom Großkaliber über die Schnellfeuerpistole bis zum Luftgewehr. Aufgrund neuer Auflagen muss immer wieder nachgebessert werden: „Jetzt ist einer der Kugelfänge dran: Das kostet etwa 8000 Euro“, berichtet Muckle. Der Verein finanziert Investitionen über die Mitgliederbeiträge und die Vermietung der Anlagen an die Vereine aus Münchingen, Schwieberdingen und Zuffenhausen. Was bei den Festen übrig bleibt, fließt ebenfalls in die Vereinskasse.
Teil des gesellschaftlichen Lebens
Vorstand Muckle ist es wichtig, dass der Hemminger Schützenverein Teil des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt ist: „Wir organisieren zusammen mit der Gesang- und Sportvereinigung Hemmingen, dem Spielmanns- und Fanfarenzug und den Strohgäu-Narren alle zwei Jahre das Fleckenfest“, berichtet er. Die Planungen für das Jahr 2020 laufen schon.
Zurück auf dem Schießstand fordert einer der Schützen die Besucherin auf, es doch einmal selbst zu versuchen – ohne Munition. Die Waffe, eine Pistole Kaliber 45 von Les Baer, liegt überraschend schwer in der Hand. Der Daumen drückt einen Hebel herunter, das kostet etwas Kraft: Die Waffe ist entsichert. Der Zeigefinger liegt auf dem Abzug. „Drücken Sie doch“, sagt der Mann. Das Auslösen geht ganz leicht, fast ohne Widerstand.