Das Gemälde hat der Hofmaler Georg Friedrich Erhard t 1861 angefertigt. Foto: Ines Rudel

Eine Galerie in Dettingen zeigt das Gemälde einer schönen Frau, deren Oberkörper durchlöchert ist.

Kirchheim - Wer ist die geheimnisvolle Dame der Gesellschaft, die ein Hofmaler im Jahr 1861 vermutlich in Kirchheim gemalt hat? Und wieso ist der Oberkörper der jungen Schönen von mehreren Einschüssen durchlöchert? Lauter Fragen, die in diesen Tagen das Galeristen-Paar Wolfgang und Gabriele Diez aus Dettingen umtreiben.

 

In der Kirchheimer Straße 85 hat die Schöne vorübergehend Asyl erhalten. „Diese Schüsse wären in echt tödlich gewesen“ vermutet der Galerist Wolfgang Diez, während er das Gemälde betrachtet. Tatsächlich weist das Bild Einschusslöcher an Hals, Brust, Bauch und weiteren Stellen auf. „Ich habe das nicht mit anschauen können, das waren so tiefe Löcher, da konnte man hindurch sehen.“ Deshalb habe er die Löcher von der Rückseite mit Kleber gefüllt, berichtet Diez, der selbst Maler ist.

Schießübungen amerikanischer Soldaten

Diez geht davon aus, dass die Löcher von einer großkalibrigen Waffe stammen. Wahrscheinlich hätten amerikanische Soldaten, die nach Ende des zweiten Weltkriegs in Kirchheim Häuser konfisziert hatten, hier Schießübungen gemacht und damit ihre Treffsicherheit unter Beweis stellen wollen, vermutet er. Das Bild ist Teil der aktuellen Ausstellung „Antike Bilder aus Kirchheimer Stuben und Salons“, die die Atelier-Galerie Diez zusammen mit dem Dettinger Antiquitätenhändler Claus Breier präsentiert. Zu sehen sind dort neben Poesiealben und Hausrat weitere Porträts, darunter zwei Kinder und eine Jugendliche, die zu einem späteren Zeitpunkt von einer Malerin gefertigt wurden, aber aus dem gleichen Haushalt stammen. Außerdem eine ganze Menge historischer Fotoaufnahmen, ebenfalls fast ausnahmslos Porträts. Die meisten stammen von dem bekannten Kirchheimer Fotografen Otto Hofmann, dessen historisches Atelier heute im Freilichtmuseum Beuren von der Fotografenkunst vergangener Zeiten zeugt.

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Wolfgang Diez stellt die Porträtierte als Emilie Gärtner vor, bei der es sich um eine Dame der Gesellschaft gehandelt haben muss. Davon ist der Galerist überzeugt. „Schauen Sie sich nur mal diese Inszenierung an“, sagt Diez und zeigt auf das festliche Kleid und den prächtigen Perlenschmuck. Auch das Format des Gemäldes, das fast Lebensgröße hat, weist auf die Bedeutung der Arbeit hin. Prächtig ist auch der geschnitzte und vergoldete Rahmen. Allein diesen heute nachzubauen, würde rund 10 000 Euro kosten, hat eine Vergolderin erklärt, berichtet Gabriele Diez.

Das Gemälde könnte auch in der Staatsgalerie hängen

Begeistert sind die Galeristen von der hochwertigen Malweise, dem feinen Hautton der Dame und den meisterhaft ausgeführten malerischen Details. „Ich habe gleich gesehen, dass es sich um ein besonderes Gemälde handelt.“ Als er das Tuch abnahm, mit dem das Bild geschützt war, sei sein Blick zuerst auf die Hand gefallen, die mit den Falten des Kleides spielt: „Das ist sehr gut gemalt. So etwas könnte auch in der Stuttgarter Staatsgalerie hängen“, meint Wolfgang Diez und schwärmt – abgesehen von den Einschüssen – über den sehr guten Erhaltungsgrad des Gemäldes. „Es gibt keine Risse. Es sieht immer noch tadellos aus.“ Das weise auf die hohe Kunstfertigkeit des Malers hin, erklärt er. Signiert wurde das Bild von Georg Friedrich Erhardt, der 1825 in Winterbach (Rems-Murr-Kreis) geboren wurde und 1881 in Stuttgart starb. Studiert hatte Erhardt beim Hofmaler Joseph Anton von Gegenbaur in Stuttgart. Weitere Studien führten ihn nach Berlin und an die Königliche Akademie der Künste München. Erhardt gilt als bekannter Porträt- und Genremaler.

Für Familien, die es sich leisten konnten, war es im 19. Jahrhundert üblich, Porträts von Familienmitgliedern in Öl anfertigen zu lassen, erklärt der Galerist. Zu den prominentesten Damen, die der Hofmaler Erhardt porträtierte, gehört übrigens auch Königin Pauline von Württemberg, die mit Wilhelm I verheiratet war. Ihr Bild hängt in der Ahnengalerie von Schloss Ludwigsburg.

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Die Schau „Aus Kirchheimer Stuben und Salons“ ist bis zum 31. Januar in der Atelier-Galerie Diez, Kirchheimer Straße 85, in Dettingen zu sehen. Öffnungszeiten: ab Freitag, 21. Januar täglich 15 bis 17 Uhr.