Auf die traditionelle Rolle der naiven Unschuld hat Katharina Paul keine Lust. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Katharina Paul spielt am Alten Schauspielhaus in Stuttgart das Gretchen im „Faust“. Auf die traditionelle Rolle der naiven Unschuld hat die Schauspielerin aber keine Lust.

Stuttgart - „Ich will ein modernes Gretchen spielen. Wenn das überhaupt geht.“ Katharina Paul lehnt sich in ihrem Stuhl zurück und trommelt mit den Fingern gegen ihren Unterarm. Ein Monat „Faust“ liegt inzwischen hinter ihr. Sechs Tage die Woche rast die 27-Jährige auf der Bühne des Alten Schauspielhauses durch Goethes Zungenbrecherverse. Morgens Probe, abends Vorstellung. Sechs Tage verliebt sein. Sechs Tage Zusammenbruch.

Fausts Gretchen ist normalerweise eine jener Rollen, die aufstrebende Schauspielerinnen auf ihrer Play-Liste dick unterstreichen. Die fromme Schönheit, die dem vielleicht bekanntesten Zweifler und Womanizer der deutschsprachigen Literatur verfällt und so in ihr Unglück rennt – wenn nicht ihre, wessen Tragödie will man als Schauspielerin sonst durchlitten haben?

Katharina Paul hingegen musste sich mit einigen Charakterzügen ihrer Figur erstmal anfreunden: „Ich kam mit der Naivität nicht klar“, sagt sie und nippt an ihrem Orangensaft. Die stupide Blauäugigkeit, mit der Gretchen, blind vor Liebe, in ihr Verderben stürzt, war der gebürtigen Bayerin ein Dorn im Auge. Zum Glück sei sie sich mit dem Regisseur Ryan McBryde schnell einig geworden. Das naive Dummchen, zu dem klassische Texte ihre Frauenfiguren oft stilisieren, würde Gretchen in dessen Inszenierung nicht werden. „Es ist doch schade, dass die anhimmelnde Jungfer für Frauen oft der einzige Charakterzug ist, gerade in der etwas älteren Literatur.“

Gegen Weiblichkeitsklischees

Fragt man Paul nach ihren Traumrollen, antwortet sie „Richard III.“ und „Macbeth“ – politische Figuren mit gesellschaftlichem Gewicht: „Frauenfiguren sind oft tolle Rollen. Aber statt dieser weiblichen Klischee-Naivität in klassischen Stücken möchte ich lieber Menschen darstellen, deren vordergründiges Ziel nicht unbedingt etwas mit der Liebe zu tun haben muss.“

Auch ihr Gretchen ist, bei aller Lieblichkeit, eine starke Persönlichkeit. Eine zeitgenössische Antiheldin, gebeutelt von Betrug und Fehlentscheidungen. „Gretchen durchläuft viele interessante soziale Mechanismen. Sie wird plötzlich selbst zur Suchenden und zweifelt, ob sie sich mit ihrem Leben und Glauben abfinden muss oder ob alles vielleicht ganz anders sein könnte. Ich glaube, gerade das hat Stärke.“

Dieses analytische Auseinandernehmen von Erzählelementen ist beispielhaft für Katharina Pauls Herangehensweise an ihre Rollen. Denn statt sich Charaktere einfach überstülpen zu lassen, denkt sie in Narrationen: mit welchen Mitteln Geschichten erzählt werden können, mit welchen Bildern auf der Bühne die Welt übersetzt werden kann. „Ich bin eine sehr konzeptionelle Schauspielerin“, erklärt Paul. „Ich finde nicht über die Lust an der Bewegung oder der Bühnensituation in eine Rolle. Ohne das dramaturgische Mitdenken und die konzeptuelle Klarheit verliere ich den Spaß.“ Kurz, sie spielt gern, aber noch lieber erzählt sie.

Das Regie-Fach blieb ihr verwehrt

Eigentlich wollte Katharina Paul Regisseurin werden, schrieb und inszenierte in Wien zum Beispiel 2015 das gesellschaftskritische Stück „Fairy Dust“. Doch als sie sich in Graz für den Regie-Studiengang bewarb, wurde sie prompt abgewiesen – wegen ihres Alters. 21 sei das Mindestalter, hieß es damals. Ihre Mit­bewerber seien gut zehn Jahre älter gewesen und hätten bereits andere Studiengänge hinter sich gehabt. Dennoch fiel das Nesthäkchen auf. Die Auswahlkommission legte ihr nahe, es stattdessen an einer Schauspielschule zu versuchen. „Erst war ich ein bisschen beleidigt“, erinnert sich Paul lachend. „Aber ich habe die Entscheidung nie bereut, ich bin gern Schauspielerin.“

Dennoch bleibt sie auch auf der Bühne stets ein bisschen Dramaturgin. Am wohlsten fühlt sie sich in einer Figur, wenn sie weiß, was sie erzählen will. Und warum. Nur wenn am Ende geklatscht wird, hadert sie immer ein wenig mit dem seltsamen Zwiespalt zwischen Privatperson und Rolle, in den sie plötzlich gerät, wenn die Lichter wieder angehen. „Ich habe dafür eine Applaus-Figur entwickelt: Bei jedem Applaus bin ich Thomas Gottschalk.“