Voller Einsatz für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: Permanente Neugier ist die Antriebsfeder des Böblingers Alexander Smoltczyk. Er lebt in Lissabon, doch alle paar Wochen besucht der 62-Jährige seine Eltern am Tannenberg. Ein Porträt.
Böblingen - Ein Besuch eines Lokaljournalisten bei ihm für ein Porträt? Die Anfrage, über die Sindelfinger Künstlerin Sabina Hunger angeleiert, muss Alexander Smoltczyk ebenso gefreut wie ein wenig verunsichert haben. „Was soll ich dem denn erzählen?“, hat er Sabina Hunger vor dem Termin im Elternhaus in Böblingen gefragt. Was für eine Geisteshaltung! Da hat einer als Korrespondent in Paris, Rom, Abu Dhabi und Lissabon gelebt, kommt in der Welt herum und schreibt seit fast 25 Jahren für den Spiegel – und dann ist er unschlüssig, was er erzählen soll? Wenn das nicht für Demut spricht, Bescheidenheit.
„Der Alex war immer ein Uneitler, nie ein Selbstdarsteller“, sagt Sabina Hunger auf Nachfrage in der Vorrecherche. Die 63-Jährige kennt Alexander Smoltczyk gut, seit 50 Jahren schon. „Er war 13, als er aus Berlin ans Goldberg-Gymnasium kam. Ich war gerade durchgefallen. Später, 1978, haben wir zusammen Abi gemacht.“ Smoltczyk, wie Sabina Hunger Schülerzeitungs-Redakteur, sei einer der Klassenbesten gewesen, „aber eher unauffällig, kein Streber. Der machte nix Wildes, las eigentlich immer. Aber wenn’s um was Politisches ging, konnte er energisch werden.“
Ja, sie seien mal ein Liebespaar gewesen, gibt Sabina Hunger schmunzelnd zu – und zusammen nach Frankreich. Er im Zivildienst für die „Aktion Sühnezeichen“, sie für ein soziales Jahr. Das verschweißt, wenngleich die Verbindung nicht ewig gehalten hat. Eng befreundet sind die beiden bis heute und sehen sich nicht nur bei den regelmäßigen Klassentreffen, von denen Sabina Hunger schwärmt: „Wir hatten fantastische Klassenlehrer wie Michael Kuckenburg und Uli von der Mülbe.“
Sohn eines stadtbekannten Paars
Böblinger Tannenberg, Einfamilienhaus. Barbara Smoltczyk öffnet die Tür mit einladender Gastfreundlichkeit. Das strahlende Lachen ihres Sohnes zwischen Tür und Angel steht dem nicht nach. Alexander Smoltczyk kommt, so oft es geht, zum elterlichen Besuch. So alle sechs Wochen für einige Tage. Mutter Barbara, bis heute stadtbekannte Psychologin, und Vater Hans-Ulrich, ehemals Ingenieur-Professor an der Uni Stuttgart, sind in den 90ern und noch bemerkenswert fit. Sohn Alexander, eines von drei Kindern, will sie regelmäßig sehen. „Das macht ihnen Freude und mir auch“, lacht der 62-Jährige: „Ich krieg dann so meine Aufgaben, was ich in einer Liste abarbeiten soll: da was anschrauben, von dort was mitbringen.“ Dem kann sich der Sohn nicht entziehen.
Mit den Erfordernissen seines Jobs kollidiert das nicht. Alexander Smoltczyk – Erstwohnsitz Lissabon, wo seine Frau am Goethe-Institut ist – kann schreiben, wo er will. „Mein Arbeitsplatz ist nicht Hamburg, sondern zu Hause“, grinst er: „Ich habe keine Präsenzpflicht und noch einen Altvertrag aus goldenen Zeiten.“ Heißt auch: Das große deutsche Nachrichtenmagazin erwartet schon, dass ihr Reporter das Heft bereichert. Aber eine Pflicht, so und so viele Geschichten pro Monat abzuliefern, hat der Böblinger nicht.
Den Wikipedia-Eintrag hat nicht er geschrieben
Was Smoltczyk in seiner beruflichen Karriere indes abgeliefert hat, listet „Wikipedia“ auf. Etwa den 2007 erhaltenen Henri-Nannen-Preis in der Kategorie „Besonders verständliche Berichterstattung“ für seinen Spiegel-Beitrag „Der Fehlbare“ über Papst Benedikt XVI. Auszeichnungen hat Sach- und Kinderbuchautor Smoltczyk viele erhalten. Den Egon-Erwin-Kisch-, einen weiteren Henri-Nannen-, einen Georg-von-Holtzbrinck- und schließlich den Robert-Geisendörfer-Preis für die Autorenschaft zur ARTE-Doku „Endstation Bataclan. Vom Busfahrer zum Attentäter“. Wer seine bemerkenswerte Vita in die Netz-Enzyklopädie gestellt hat? „Ich jedenfalls nicht“, grinst der Böblinger Journalist glaubhaft. Er könnte es recherchieren. Juckt ihn aber nicht. Steht halt da. Scheint Alexander Smoltczyk alles nicht so wichtig. Die Arbeit als solche schon.
„Urlaub? Wozu! Da ist mir langweilig.“
Seine Frau Susanne Sporrer sei ein absoluter Urlaubsfan. Er nicht. „Ich finde das langweilig“, schmunzelt der Vater einer 21-jährigen Tochter Smilla: „Was soll ich in Griechenland am Strand liegen?“ Oder wenn, dann gebt dem guten Mann wenigstens einen Notizblock mit, dass er seine Beobachtungen festhalten kann. „Dumm mit einem leeren Block losziehen und klüger wiederkommen“ – so fasst er seine vielen Journalisten-Trips fürs Spiegel-„Gesellschafts“-Ressort zusammen. Sei es auf einer Schaffarm in Australien. Oder in den französischen Cevennen, dem südöstlichsten Teil des französischen Zentralmassivs. Dorthin reiste er mit einem Fotografen-Freund, den er seit 20 Jahren kennt. In ein 750-Seelen-Dorf ist er eine Woche lang eingetaucht, denn: „Das ist das einzige und letzte Dorf in Frankreich, das seit 100 Jahren – mit Ausnahme der Besatzungszeit – durchgängig von der kommunistischen Partei regiert wird.“ Das interessiert den weniger rasenden, aber viel reisenden Reporter; 2. Klasse mit der Bahn, wo man „am meisten erlebt“.
Zu Menschen einen Zugang zu finden – damit scheint dieser groß gewachsene Mann mit dem kosmopolitischen Geist und den milden Gesichtszügen kein Problem zu haben. So ist er auch schon einmal auf den Spuren der Tour de France gewandelt - abseits des Ereignisses selbst. „Da hab ich Frankreich noch einmal ganz neu kennengelernt“, sagt Alexander Smoltczyk. Als „Droge der Reportage“ beschreibt er das: „Du musst etwas sehen. Das funktioniert nur, wenn du an jedem Ort in jeder Person etwas Wunderbares entdeckst.“
Nicht an die Hotspots, lieber in die Provinz
Und so ist der Spiegel-Reporter auch schon einmal durch Deutschland gefahren, um über die Situation von Asylbewerbern zu berichten. Nein, nicht an die Hotspots wie Berlin. Sondern nach Berchtesgaden in die bayerische Provinz. In Schönau am Königssee hat er Achmed Alo aus Syrien und Quais Anwari aus Afghanistan in der Lackiererei von Franz Graßl besucht. „Wenn man den einfachen Leuten zuhört und zuschaut, erfährt man sehr viel“, zitiert ihn der Berchtesgadener Anzeiger: „Das ist ein großes Geschenk, und deswegen liebe ich meinen Beruf so. Ich könnte natürlich auch nach Bautzen oder an andere Brennpunkte fahren. Aber was soll ich da noch erfahren, was man nicht schon weiß.“ Über Portugals erfolgreiche Pandemie-Bekämpfung hat Smoltczyk geschrieben und über die junge Genuss-Küche seiner Wahlheimat Lissabon im „Feinschmecker“ 09/2019. „Gut recherchiert und blitzsauber geschrieben“, lautete einer der Kommentare im Netz.
Losfahren, sich auf Menschen einlassen, das lehrt Smoltczyk auch den Eleven der Reporterschule in Reutlingen (zuletzt auch Isabelle Zeiher, vormals Volontärin bei der KRZ, jetzt als „Freie“ unter anderen für den Stern und die „Zeit“ aktiv): „Wenn ihr euch öffnet, neugierig seid, belohnt euch die Wirklichkeit mit einer Geschichte. Das ist dann der Reporterengel. Es funktioniert fast immer.“ Nun, die Story muss natürlich noch zu Papier gebracht werden. Smoltczyk fließt das immer noch flüssig aus den Fingern, sobald er die Überschrift hat, die sich „aus der stärksten Szene“ nährt. „Die Überschrift ist das Allerwichtigste“, meint der 62-Jährige: „Und der erste und der Schlusssatz. Okay, dazwischen ist es ein bisschen müßig.“
Ein scharfer Kritiker der eigenen Schreibe
Dass er so arbeiten darf, findet Alexander Smoltczyk immer noch als ein Privileg mit dem Überraschungseffekt, am Ersten eines Monats sein Geld zu bekommen. „Es ist mir beinahe peinlich, veröffentlich zu werden“, schmunzelt die Spiegel-Feder. Deswegen lese er jene Ausgaben nicht, in denen er selber drin steht. „Ich hätte immer das Gefühl, ich hätte es noch besser machen können. Aber genauso unangenehm wäre es mir natürlich, wenn ich schreibe – und keiner liest es.“ Die ersten Reaktionen seien entscheidend, und meistens seien die gut: „Dann bin ich happy“, lacht Smoltczyk.