Jan Pinkava Foto: Simon Granville/Simon Granville

Jan Pinkava, seit einem Jahr Leiter des Ludwigsburger Animationsinstitutes der Filmakademie und neuer „Conference Chair“ bei der kommenden FMX, blickt auf eine aufregende Karriere zurück. Von diesen Erfahrungen profitiert nun der kreative Nachwuchs.

Liebevoll nimmt Jan Pinkava die kleine Statue in die Hand und stellt sie vor sich auf den Konferenztisch. Auf flachem Sockel reckt sich eine Ratte mit Kulleraugen, zarten Öhrchen und filigranem Schwanz. Das Tier ist eine Berühmtheit, machte als Protagonist Rémy im Pixar-Klassiker „Ratatouille“ Karriere als Nager, der gern ein Chefkoch wäre. Jan Pinkava, 1993 in den Frühtagen des innovativen Konzerns zu dessen kreativem Team hinzugestoßen, „bevor Pixar das Pixar von heute“ war, wie er erzählt, ist der Schöpfer von Rémy. Das niedliche Vieh hat inzwischen mehrere Kindergenerationen begeistert und turnt bis heute durch deren Erinnerungen.

 

Pinkava, 1963 in Prag geboren und seit einem Jahr neuer Leiter des Ludwigsburger Animationsinstituts, spricht beim Vor-Ort-Termin in seinem Büro gerne über eigene, ihn prägende Filmerlebnisse. 1968 flüchten Pinkavas Eltern mit ihren vier Kindern vor dem Einmarsch des Warschauer Pakts ins britische Colchester. „Es war damals eine schwere Zeit – die Invasion, die Immigration und die Erkrankung meiner Mutter, wegen der sie ins Krankenhaus musste. Plötzlich war mein Vater alleine mit vier kleinen Kindern“. Um ihnen eine Freude zu bereiten, nimmt der Vater sie mit ins lokale Kino, wo Disneys „101 Dalmatiner“ (1961) läuft, wieder und wieder. Für Pinkava eine schöne, unauslöschliche Erinnerung.

Erste Experimente mit der Super-8-Kamera

Auf diese frühe Leidenschaft für den Animationsfilm gründet Pinkava eine Karriere, arbeitet in England und den USA, ehe er im vergangenen Frühsommer mit seiner Frau Kay von Oregon in die schwäbische Barockstadt zieht. Mehrere Male ist Pinkava in den vergangenen Jahren schon bei der FMX Fachkonferenz für Animation und digitale Medien als Redner aufgetreten, in diesem Jahr hat er zum ersten Mal als „Conference Chair“ an der inhaltlichen Ausrichtung des Programms mitgewirkt. „Wir beschäftigen uns mit für die Film- und Medienindustrie neuen, wegweisenden Techniken und Produktionsmethoden“, erklärt Pinkava, „unsere Studenten und Profis aus aller Welt kommen hier her, um sich auf dem Laufenden zu halten, was aktuell in der Branche los ist.“

Als Jugendlicher und Student standen Pinkava selbst noch nicht die beeindruckenden digitalen Möglichkeiten zur Verfügung, auf die junge Kreative heute zurückgreifen können. Als Schüler experimentiert er mit einer einfachen Super-8-Kamera an ersten Kurzfilmen, „sie funktioniert bis heute“, sagt er lächelnd. Damals gewinnt er den zweiten Preis bei einem TV-Wissensquiz für Kinder namens „Screen Test“. Die Leute beim Sender seien damals überrascht gewesen, dass sein Film wirklich von einem Teenager stammte, so professionell sei er gewesen. Pinkava bekommt die Chance, einen Film zur Ausstrahlung im britischen Fernsehen herzustellen, – „doch ich habe ihn nie vollendet. Was für ein Narr war ich da!“ Er sei allerdings schon von etwas anderem fasziniert gewesen: „Haben Sie schon einmal etwas von der Microchiprevolution gehört?“, fragt er und lacht. Die habe seine Filmkarrierepläne zunächst durchkreuzt, der Teenager stürzt sich in die Welt der Computerprogrammierung, studiert Informatik, promoviert in Robotik. Später bringt er sein Wissen um digitale Techniken und die Animationskunst zusammen. Als Pionier digitaler Animation sieht sich Jan Pinkava jedoch nicht, er sei aber nie ängstlich gewesen, Neues auszuprobieren.

Mit einem Oscar prämiert

Nach ersten animierten Werbespots für eine junge Londoner Firma wechselt er in die USA zu Pixar. Während alle dort fieberhaft an „Toy Story“ (1995), dem ersten, legendären Langfilm der Animationsschmiede tüfteln, entwickelt Pinkava einen Kurzfilm namens „Geri’s Game“ über einen alten Mann, der gegen sich selbst Schach spielt. Dabei lernt er, Haut und Stoffe realistisch zu animieren. „Zuvor hatten die Leute leblose Objekte animiert, Menschen in ihren Bewegungen und ihrer Mimik darzustellen, war damals Neuland“. Für „Geri’s Game“ bekommt er 1998 einen Oscar. Im Jahr 2000 dann der Geistesblitz: eine Ratte, die Chefkoch werden will. Bis 2005 entwickelt Pinkava Figuren und Erzähllinien für Pixar, ehe Brad Bird, der Macher hinter „The Incredibles“ (2004), die Regie von „Ratatouille“ (2007) übernimmt. „Pixar stand damals unter Druck, und ich war ein junger Filmemacher bei seinem ersten Projekt. Was da hinter den Kulissen geschieht, ist komplex“, sagt Pinkava. Von Pinkavas Erfahrungsschatz und Begeisterung für Kunst und neue Technologien profitiert nun der Animationsnachwuchs in Ludwigsburg. Dass diese neue Station auch für Rémys Schöpfer ein Abenteuer ist, merkt man ihm an. Zum Abschied schenkt Pinkava ein Buch über die bisherige Erfolgsgeschichte des Animationsinstituts. An dieser Geschichte will er weiter schreiben.

Info

Fachgebiet
Nach seiner Zeit bei Pixar und dem Animationsstudio Laika beschäftigte sich Jan Pinkava beim inzwischen eingestellten Google-Projekt „Spotlight Stories“ mit „immersivem Storytelling“ und virtuellen Realitäten. Diese besonderen neuen Erzählformen sind auch Thema der nicht-öffentlichen Fachkonferenz FMX.

FMX
Vom 23. bis 26. April versammeln sich im Stuttgarter Haus der Wirtschaft internationale Kreative, um sich über die neuesten Entwicklungen in den Bereichen Computerspiel, Animation, digitale Medien und Filmtechnologie auszutauschen. Auf dem Programm stehen unter anderem Workshops und Vorträge über die Entstehung visueller Effekte für aktuelle Kinofilme wie „Poor Things“ oder „The Marvels“ und über das Sounddesign von „Dune“. Studierende präsentieren ihre Arbeiten und vernetzen sich mit der Branche. https://fmx.de/en/home