Schett ist nicht nur Musiker, sondern auch Herausgeber einer Kulturzeitschrift und Chef einer Kommunikationsagentur. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Andreas Schett ist künstlerischer Leiter der Musicbanda Franui, einer Blaskapelle, deren leicht schräger Heilsarmeesound derzeit in Stuttgart in dem Stück „Hotel Savoy“ zu hören ist.

Was Franui eigentlich heißt, weiß keiner mehr genau. Die Menschen im Osttiroler Dorf Innervillgraten jedenfalls bezeichnen so eine Almwiese, und als es im Jahr 1993 darum ging, einen Namen für die Blaskapelle zu finden, die bei der „Villgrater Kulturwiese“ auftreten sollte, bediente man sich des rätoromanischen Worts.

 

Gründer der Kulturwiese wie der Musicbanda Franui, wie sich das mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Ensemble nennt, ist Andreas Schett. Der Trompeter ist in Innervillgraten aufgewachsen und studierte dann in Innsbruck. Heute ist der 53-Jährige nicht nur künstlerischer Leiter von Franui, sondern auch Herausgeber der Tiroler Kulturzeitschrift „Quart“ und betreibt eine Kommunikationsagentur in Innsbruck und Wien.

Zu unserem Treffen kommt er ein paar Minuten zu spät. Am Abend vorher noch hat er mit Franui bei einer Aufführung von „Hotel Savoy“ im Stuttgarter Schauspielhaus mitgespielt. In der Operette nach Joseph Roths Romanvorlage geht es um gestrandete Menschen und gescheiterte Existenzen auf der Suche nach Glück. Die Welt ist ziemlich durcheinander.

Dazu passt der leicht schräge, über die Jahre zur Signatur gewordene Heilsarmeesound von Franui, der Volksmusik, Kammermusik und Jazz auf ziemlich einzigartige Weise amalgamiert und dabei die Unperfektion quasi perfektioniert hat.

„Das Internat war ein wahnsinnig repressives System.“

Andreas Schett selbst hat nicht Musik, sondern Geschichte und Politik studiert. Aber es war die Trompete, die ihn, wie er sagt „gerettet“ hat, als er nach der Volksschule auf ein katholisches Internat nach Schwaz bei Innsbruck wechseln musste, um dort Abitur zu machen. Das Gymnasium war zur Ausbildung künftiger Priester gedacht, entsprechend streng waren dort die Regeln. Acht Jahre lang, so erzählt Schett, sei er nur an Feiertagen nach Hause gekommen: Allerheiligen, Weihnachten, Ostern. „Ansonsten waren wir immer eingesperrt. Ein wahnsinnig repressives System.“

Immerhin – es gab einen fähigen Trompetenlehrer, und so übte Andreas Schett in jeder freien Minute. Dass es aber zu einem Musikstudium nicht reichen würde, wurde ihm klar, als er als 16-Jähriger vor einem vollen Saal ein Solo spielen sollte und wegen der Aufregung keinen Ton herausbekam. Die Musik begleitete ihn dennoch weiter, zum Glück konnte er sein Leiden im Internat wie seine Liebe zur Musik mit Markus Kraler teilen, der heute Kontrabass bei Franui spielt und mit ihm die Arrangements schreibt.

Szene aus „Hotel Savoy“ Foto: Schauspiel/Toni Suter

Kraler ist sein Weggefährte seit der Volksschule in Innervillgraten, wo Andreas Schett seinen ersten Mentor hatte: Johannes Trojer war ein Literat und Volkskundler, der im Eigenverlag eine Literaturzeitschrift herausgab. Als Schetts Volksschullehrer eröffnete er ihm neue Perspektiven auf seine Heimat und auf die Welt, denn das Dorfleben in den 1970er Jahren war ansonsten von archaischen Strukturen geprägt. „Als Ministranten“, erzählt Schett, „haben wir einmal im Monat mit dem Pfarrer die Kranken besucht, um ihnen die heilige Kommunion zu bringen. Wenn wir dann zu den Höfen gingen, sind die Bauern auf den Feldern gekniet, als sie den Pfarrer gesehen haben.“ Eine „Geschichte, an der man sich abarbeiten muss“, das bedeute ihm seine Herkunft.

Das macht Andreas Schett in erster Linie musikalisch. Nachdem die „Villgrater Kulturwiese“ 1996 ihr jähes Ende fand – ein Unbekannter hatte das Bauernhaus angezündet, in dem der Trägerverein der Kulturstiftung untergebracht war –, gab es dort für Franui keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. „Dann sind wir eben losgezogen. Und spielen seitdem überall.“ Der Erfolg, so Schett, habe viel mit Begegnungen zu tun.

„Unseren Begräbniskapellenklang und Schubert fanden wir faszinierend.“

Auch die erste Auseinandersetzung mit klassischen Komponisten kam so zustande. Ein Musiker, mit dem Franui ein Projekt machte, regte sie an, es mal mit Schubert zu probieren. „Unser Begräbniskapellenklang“, sagt Schett, „dass der mit Schubert zusammengeht, das fanden wir faszinierend.“ Dadurch seien viele Leute auf Franui aufmerksam geworden, darunter auch Thomas Wördehoff, der erst Leiter der Ruhrtriennale und dann Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele war. Er gab 2005 mit „Steine und Herzen“ das erste Werk für Musiktheater in Auftrag, ein Genre, das seitdem fest zu Franuis Repertoire zählt.

Es gibt Programme mit Sängern, Schauspielern und Puppenspielern, ihr neuestes ist Thomas Bernhards „Holzfällen“, das sie mit dem Wiener Burgschauspieler Nicolas Ofczarek erarbeitet haben. Im Februar ist es auch am Stuttgarter Schauspielhaus zu sehen. Die Grundstimmung in Bernhards Stück sei Trauer, so Schett. Die Marschroute sei damit klar gewesen. „Du schimpfst übers Burgtheater“, habe er zu Ofczarek gesagt, „und wir spielen Trauermärsche.“

Termine „Hotel Savoy oder Ich hol’ Dir vom Himmel das Blau“ ist noch sieben Mal im Staatstheater Schauspiel Stuttgart zu sehen: am 7., 8. und 9. Januar sowie am 15., 16., 17. und 28. Februar