Gekocht wird gemeinsam. Ein Mal die Woche gibt es bei Jan Schopmeyer, Ferdinand und Ella Maultaschen und Kartoffelsalat. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Damit sein Sohn bestmöglich versorgt ist, wurde Jan Schopmeyer einfach selbst Tagesvater – obwohl er dabei nur ein Drittel seines früheren Gehalts bekommt. Ein Besuch in seinem kleinen Stuttgarter „Sozialunternehmen“.

Stuttgart - Ella (Namen der Kinder geändert) ist an diesem Vormittag noch ein bisschen schläfrig. Die Zweieinhalbjährige liegt auf dem braunen Ledersofa und will einfach nichts tun. Lieber guckt sie dem dreijährigen Ferdinand dabei zu, wie er durch die Wohnung fetzt, im Wohnzimmer einen Duploturm baut, eine Höhle im Schlafzimmer einrichtet oder ein paar Kastanien und Plastikperlenketten auf dem „Grill“ röstet, einem Drahtgestell für Shampooflaschen – natürlich ohne glühende Kohlen. Jan Schopmeyer pendelt zwischen den Polen hin und her, liest der müden Kleinen vor, wechselt ihre Windel, befestigt ein Spannbetttuch als Himmel über Ferdinands Versteck, pfeift den Jungen zurück, wenn der im Übermut allzu grobmotorisch über das Mädchen klettert. Ganz normaler Familienalltag also, könnte man sagen.

Tatsächlich sind Schopmeyer, Ella mit den großen braunen Augen und der blonde Ferdinand eine kleine Familie – zumindest tagsüber. Der Junge ist Schopmeyers Sohn, Ella ist bei ihm seit einem dreiviertel Jahr in der Tagespflege, das heißt, der 36-Jährige betreut die Kleine von acht Uhr morgens bis zwei oder vier Uhr nachmittags. Dann holt Ellas Mutter sie nach der Arbeit ab. Eine „Ergänzungsfamilie“ seien er und Ferdinand für das Mädchen, so sieht Schopmeyer dieses Modell. Der Stuttgarter ist eine von rund 400 selbstständig arbeitenden Tagespflegekräften in der Stadt, die etwa 800 Kinder – die meisten unter drei Jahre alt – betreuen. Tagesväter machen gerade mal drei Prozent unter ihnen aus.

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Der Hauptunterschied zu einer Kindertagesstätte ist vielleicht diese familiäre, intime Atmosphäre. Die Eltern bringen ihre Kinder zu Schopmeyer nach Hause in die helle Dreizimmerwohnung im Stuttgarter Westen, wo er mit seiner Partnerin und Ferdinand lebt. Gespielt und gegessen wird im Wohnzimmer (warme Farben, Holztisch, Zimmerpflanzen vor dem Fenster). Gekocht wird in der Küche (Apfelzerteiler, Espressomaschine, Bioprodukte), gewickelt im Arbeitszimmer. Im Schlafzimmer neben dem Elternbett machen die Kleinen ihren Mittagsschlaf. Im Grunde bietet der Tagesvater sein normales Familienleben an. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Mutter hat die Rolle der Hauptverdienerin

Anders hätte es sich Schopmeyer für seinen Sohn in den ersten drei Lebensjahren aber auch nicht vorstellen können. Nach dessen Geburt nimmt erst seine Partnerin, dann er jeweils sieben Monate Elternzeit, danach soll Ferdinand zu einer Tagesmutter gehen. Aber die Chemie mit ihr stimmt nicht und irgendwie merken die Eltern: „So früh wollen wir unser Kind eigentlich gar nicht in fremde Hände geben“. So entsteht die Idee, dass Schopmeyer, der damals als Sozialpädagoge auf einer Jugendfarm arbeitet, selbst Tagesvater werden könnte. Das Thema Kleinkinder ist ihm vertraut. Seine Mutter ist Kindergärtnerin, im Studium gehörte die Elementarpädagogik zum Stoff, in den Semesterferien jobbte er in Kitas.

Schopmeyer bewirbt sich für einen der verpflichtenden Qualifizierungskurse beim Tagesmütterverein, der die Tagespflege gemeinsam mit der Caritas organisiert. Als Sozialpädagoge umfasst die Ausbildung für ihn nur 30 der üblichen 160 Unterrichtseinheiten zu Themen wie Gesundheit, Ernährung, Erziehung und Hygiene. Die geforderten Dokumente zu beschaffen – polizeiliches Führungszeugnis, Gesundheitszeugnis und eine Gewaltverzichtserklärung – ist für Schopmeyer kein Problem. Seine Deutschkenntnisse halten ebenso der Überprüfung stand wie die Wohnung. Auch sein Vermieter stimmt zu. Ungefähr ein dreiviertel Jahr nach dem Entschluss, Tagesvater zu werden, bekommt Schopmeyer die Pflegeerlaubnis vom Jugendamt.

Letztendlich kann der gebürtige Weilimdorfer allerdings nur Tagesvater werden, weil Ferdinands Mutter, ebenfalls Sozialpädagogin, die Rolle der Hauptverdienerin übernimmt. „Ohne die Unterstützung des Partners kann man das kaum machen“, sagt Schopmeyer, und schon ist man mit ihm in der Diskussion um gerechte Bezahlung und die Frage, was Kinderbetreuung eigentlich wert ist. Und letztendlich ist man damit wohl auch bei einem der Gründe angelangt, warum sich so wenige Männer für diese Tätigkeit entscheiden.

Schopmeyer verdient mit einem Tageskind ein Drittel von dem, was er als Sozialpädagoge verdient hat, das waren rund 1600 Euro netto. Jetzt bekommt er 5,50 Euro vom Jugendamt pro Stunde für die Betreuung von Ella – brutto. Für Frühstück und Mittagessen kann er zusätzlich maximal 3,25 Euro pro Tag von den Eltern verlangen. Natürlich könnte er sein Gehalt steigern, indem er mehr Kinder aufnimmt. Maximal fünf wären möglich, aber Schopmeyer möchte sich auf zwei – zusätzlich zu Ferdinand – beschränken. „Sonst leidet meiner Meinung nach die Qualität der Betreuung.“ Außerdem sei die Wohnung zu klein.

Wachsende Bürokratie

Schopmeyer ist einer, der das, was er macht, erst durchdenkt und dann mit Verstand und Herz betreibt. Dass Tagespflege der Stadt Stuttgart nicht mehr wert ist, obwohl sie sie als festen Bestandteil der Betreuung unter drei Jahren ansieht, ärgert ihn. Immer wieder kommt er im Gespräch auf das Thema zurück. Die Kommunen können den Stundensatz selbst festlegen. Mindestens sieben Euro müsste der betragen, sagt Schopmeyer. Er denkt an alleinstehende Kolleginnen, die davon leben müssen: „Die können sich kaum erlauben, Urlaub zu machen oder krank zu sein.“ Der Bundesverband für Kindertagespflege hat diesen Herbst eine Petition beim Bundestag eingereicht. Er will das Gehalt an das von Erziehern anzugleichen. Die Debatte ums Geld ist Teil der Professionalisierung, die die Tagespflege seit einigen Jahren durchläuft – weg von der Qualifikation hin zum Beruf. Es gibt auch Überlegungen, die 160 Unterrichtseinheiten auf 300 zu erhöhen.

Eine Entwicklung, die aber auch Nebenwirkungen hat. Viele entscheiden sich bislang für die Tagespflege, gerade weil sie keine langjährige Ausbildung hinter sich bringen müssen, sagt Elisabeth Herzog vom Tagesmütterverein Stuttgart. Schon jetzt schrecke die wachsende Bürokratie, die die Tagesmütter in ihrer Freizeit erledigen müssen, manche ab. Insgesamt sei es in einer Region wie Stuttgart, die viele andere Jobmöglichkeiten biete, schwierig, Interessierte für die Kurse zu finden.

Auch Schopmeyer erledigt viel Organisatorisches in seiner Freizeit, zum Beispiel regelmäßig die Elterngespräche. Dass einer wie er aber ohnehin nicht wegen des Geldes Tagesvater geworden ist, merkt man spätestens, wenn man ihn mit den Kindern beobachtet. Zum Beispiel beim Kochen. Heute gibt es Maultaschen in der Brühe („weil Ella die mit Ei nicht so mag“) und Kartoffelsalat. Gemeinsam, die Kinder in Strumpfhosen auf einer Plastikkiste stehend, lehnen die drei an der Arbeitsfläche. Mit sonorer, akzentuierter Stimme erklärt der Tagesvater jeden Schritt, schiebt mit den Kindern die gekochten Kartoffeln sanft über die Reibe. Während der Junge den Brühwürfel in Wasser auflöst, darf Ella Salz über den Salat streuen. Und als Ferdinand partout nicht vom heißen Topf weggehen will, schickt ihn der Vater auch mal bestimmt ins andere Zimmer.

Mittlerweile ist er ein bisschen stolz

Schopmeyer hat etwas, was gute Pädagogen auszeichnet, aber nur wenige schaffen: Er ist für die Kinder gleichzeitig Kumpel und Respektsperson. Mit Jeans, Lederarmband, Kinnbärtchen, die langen Haare zum Zopf gebunden, könnte er ebenso der nette Moderator im Kinderkanal sein wie in einer Rockband spielen.

Aber Schopmeyer ist keiner, der in Klischees denkt. Die Frage etwa, ob er als Mann in dem Bereich schief angeguckt würde, scheint ihn zu überraschen. So als dürfte es im Jahr 2016 wirklich kein Thema mehr sein, ob er oder sie zuhause bleibt. Für sein Umfeld war es keines – und Anfragen an ihn kämen nur von Eltern, die kein Problem hätten, wenn ein Mann ihre Kinder betreue. „Von meiner Familie kamen eher Fragen nach der beruflichen Perspektive.“

Tagespflege ist etwas, was viele nicht ihr Leben lang machen, sondern vielleicht in jener Phase, in der die eigenen Kinder Betreuung brauchen. In den Qualifizierungskursen sitzen Quereinsteiger ebenso wie Pädagogen, aber auch Zugewanderte (ein Drittel der Stuttgarter Tagesmütter hat Migrationshintergrund) oder Berufstätige, die noch einmal etwas Neues machen wollen. Schopmeyer kann nicht sagen, wie lange er als Tagesvater arbeiten will. Auf jeden Fall auch dann noch, wenn sein Sohn im Sommer in den Kindergarten kommt.

Apropos: Ferdinand hat jetzt genug davon, dass sein Vater mit dem Besuch quatscht, anstatt mit ihm Zeit zu verbringen. Er will an ihm hochklettern, Maultaschen essen und nach dem Mittagsschlaf raus auf den „Spieli“ oder zum nahe gelegenen Feuersee. Auch die müde Ella muss jetzt wirklich bald ein Nickerchen machen. Mein „kleines Sozialunternehmen“ nennt Schopmeyer seinen Alltag. Liebevoll klingt das – und auch ein bisschen stolz.

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