Emma Raducanu gewann die US Open – und ist seither ein Superstar. In Stuttgart muss sie aber zu alter Form finden.
Der frühe Vogel fängt den Wurm. Das dachte sich Emma Raducanu, die in der Porsche-Arena am Ostermontag um 10 Uhr die ersten Bälle schlug – mit einem männlichen Trainingspartner und unter den strengen Augen ihres Trainers Torben Beltz. Auch das Outfit der 19 Jahre alten Britin, die im vergangenen Jahr als Qualifikantin ohne Satzverlust sensationell die US Open gewann, konnte sich sehen lassen. Sie trug den Dress ihres Lieblings-Fußballclubs Tottenham Hotspur, und dabei natürlich nicht irgendeine Nummer auf dem Rücken, sondern die Nummer zehn des Starstürmers Harry Kane. Nur die Zehn ist gut genug für die Himmelstürmerin der Tennisszene.
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Emma Raducanu, man muss es so sagen, ist die neue Anna Kournikowa des Weißen Sports. Beim Porsche Tennis Grand Prix wird die eloquente und lebensfrohe Spielerin zweifelsfrei als Attraktion bezeichnet – aber vor allem in England ist der Hype um sie ungebrochen. Kurz nach ihrem US-Open-Erfolg spielte sie mit Kate, der Frau des britischen Thronfolgers William, ein gepflegtes Doppel, war in den Medien omnipräsent und wurde Anfang 2022 als bisher jüngste Frau zum Mitglied des Order of the British Empire ernannt. Mit dem sicheren Gefühl für derlei Ehren hat der Zuffenhausener Sportwagenhersteller die Tennisspielerin als Markenbotschafterin verpflichtet.
Mal steht Emma Raducanu neben einem Porsche, mal lehnt sie lässig an ihm dran. Motive mit Frauen, die zu Werbezwecken Autos schmücken, erinnern zwar ein bisschen an die chauvinistischen Anfänge der Werbegepflogenheiten in den siebziger Jahren. Sie sind heute aber keineswegs diskriminierend und damit en vouge, auch Angelique Kerber ist Markenbotschafterin des Stuttgarter Herstellers.
Eine neue Rolle
Emma Raducanu hat ihre neue Rolle bereits verinnerlicht, und so steht ihr Programm dieser Tage auch fest. „Auf meiner Prioritätenliste steht das Porsche-Museum ganz klar vor einem Stadtbummel, ich würde mir aber auch gerne das Porsche-Werk anschauen“, sagt die Tennisspielerin, die sich als motorsportbegeistert bezeichnet. „Botschafterin für Porsche zu sein bedeutet mir sehr viel“, meint sie noch, die Marke habe sie schon als Kind fasziniert. Das sind Sätze, die sehr zur Zufriedenheit ihres Partners sein dürften. Raducanu erfüllt ihre neue Aufgabe mit Bravour.
Nach den US Open, auch das ist die Wahrheit, lief es sportlich für Emma Raducanu nicht mehr wie gewünscht. Kein Turniersieg, viele Niederlagen, vereinzelt Siege wie jüngst im Billie-Jean-King-Cup. In Stuttgart spielt sie auf Sand, ein Belag, auf dem ihr die Erfahrung fehlt – vielleicht war sie auch deshalb am Ostermontag die erste Spielerin auf dem Trainingsplatz. Dass es Raducanu in der ersten Rundes des Grand Prix mit der australischen Qualifikantin Storm Sanders zu tun bekommt, bewerten die Experten als Segen für die Engländerin. In der zweiten Runde könnte für sie in dem topbesetzten Feld bereits Feierabend sein. Sie am kommenden Sonntag im Finale zu sehen wäre nach den US Open ein zweites Wunder.
Hochveranlagt
Emma Raducanu ist hochveranlagt. Allerdings muss sie sich erst noch sortieren. Seit dem US-Open-Erfolg wird es nicht ruhig um sie, dabei hat sie ihr wahres Leistungsvermögen seither nicht wieder bestätigt. Im Internet erscheinen in Fanforen fast täglich neue Bilder von ihr, an diesem Wirbel um ihre Person trägt sie auch ein bisschen selbst schuld. Dass weniger manchmal eben doch mehr ist, bekam sie jüngst zu spüren, denn vor einigen Wochen machte ihr ein Stalker das Leben schwer. Per Gerichtsbeschluss muss sich der Mann von ihr fernhalten. Aus Angst vor ihm wollte die in Toronto geborene Tochter eines Rumänen und einer Chinesin schon in ein anderes Haus ziehen. Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man über Nacht so berühmt wird – und stets präsent ist in den sozialen Medien.
In Stuttgart macht sie es sich hoch droben unter dem Dach der Porsche-Arena auf einem Sessel gemütlich, es ist die offizielle Pressekonferenz mit dem neuen Medienstar, der zumindest sportlich noch wachsen muss. „Ich bin seit Sonntag in Stuttgart und liebe es, hier zu sein“, sagt Emma Raducanu höflich und sehr professionell. Sie habe gut trainiert und schaue deshalb auch „positiv nach vorne“ – vermutlich in der Hoffnung auf ein kleines Wunder. Das letzte ist ja inzwischen schon eine Weile her.