Porsche-Digitalchef Thilo Koslowski Porsches Pfadfinder für die digitale Welt

Von Harry Pretzlaff 

„Ich möchte, dass unsere Autos Sie kennen und wissen, welche Informationen Sie benötigen“, sagt Thilo Koslowski. Foto: factum/Granville
„Ich möchte, dass unsere Autos Sie kennen und wissen, welche Informationen Sie benötigen“, sagt Thilo Koslowski. Foto: factum/Granville

Porsche-Digitalchef Thilo Koslowski will im Eiltempo neue Geschäftschancen erschließen. An Ideen gibt es keinen Mangel.

Stuttgart - Am 11. März des vorigen Jahres twitterte Thilo Koslowski eine rätselhafte Botschaft. „Change is in the air“ – Veränderung liege in der Luft, orakelte der Berater und kündigte etwas ganz Aufregendes an: „very, very exciting“. Der Betriebswirt war damals Automobilexperte beim Technologie-Beratungsunternehmen Gartner in Kalifornien. Wenige Wochen später enthüllte Koslowski auf Twitter das „sehr, sehr aufregende“ Ereignis: Porsche hatte ihn als Chef der neuen Porsche Digital GmbH abgeworben. Er soll nun als Pfadfinder den Sportwagenhersteller in die digitale Zukunft führen.

Koslowski war nach einem Studium an der RWTH in Aachen zunächst im Marketing von Audi, bevor er 1997 im Silicon Valley für Gartner den Automobilbereich aufbaute. Damals lag der Siegeszug des Smartphones und des mobilen Internets noch in weiter Ferne. Automanager rieten ihm ab, diesen Bereich im Silicon Valley aufzubauen und schlugen stattdessen die Autostadt Detroit oder Tokio vor. Doch Koslowski ließ sich nicht von seinem Plan abbringen. Er dachte damals schon, dass das Auto – „das ultimative mobile Gerät, ein ganz zentrales Instrument für den digitalen Lebensstil des Menschen wird“, wie er sich im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert.

In den folgenden Jahren überlegte Koslowski, wie sich die Produkte entwickeln werden, welche Technologie- und Geschäftsstrategien Erfolg versprechen. Die Vorhersagen Koslowskis traten ein, wodurch er ein gefragter Ratgeber wurde. Autobauer, Zulieferer sowie Internet- und IT-Firmen wie Apple, Google & Co. wollten wissen, wohin die Reise geht. Von diesen Erfahrungen will nun auch Porsche profitieren. Die Erwartungen sind groß, wie Porsche-Chef Oliver Blume in einem Interview mit unserer Zeitung erkennen ließ: „Thilo Koslowski hat einen sehr ­guten Zugang zu allen wich­tigen Playern und hervor­ragende Kontakte, die uns eine sehr gute Perspektive für die Zukunft eröffnen“, schwärmte Blume im vergangenen Frühjahr.

Koslowski will die Hälfte der Zeit im Silicon Valley sein

Koslowski wiederum schwärmt von Porsche. „Ich bin als Kind schon mit Porsche aufgewachsen, bin auch in den USA immer Porsche gefahren“, sagt der Chef der neuen Digitaltochter des Autobauers, der auch Hobby-Rennfahrer ist und bekennt: „Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich im Turbo sitze und Gas gebe.“

Noch sind die Büroräume der Porsche Digital GmbH nicht ganz leicht zu finden. Das junge Unternehmen ist Untermieter im Ludwigsburger Werkzentrum West beim IT-Berater MHP in Ludwigsburg – ebenfalls eine Porsche-Tochter. Zur Jahresmitte will die Digitaltochter eigene Büros im Werkzentrum beziehen. Ein Investor verwandelt hier ehemalige Fabrikhallen in einen modernen Campus mit historischem Flair. Insgesamt sollen an diesem Standort 500 Porsche-Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen das Megathema Smart Mobility bearbeiten, zu dem beispielsweise die Vernetzung von Fahrzeugen gehört. Im Laufe dieses Jahres soll die Mannschaft der Digitaltochter von Porsche in Deutschland von rund 20 auf 100 Mitarbeiter aufgestockt werden. Neben der Zentrale in Ludwigsburg ist auch eine Dependance in Berlin geplant. Ebenso viele Mitarbeiter wie in Deutschland sollen einmal im Silicon Valley arbeiten, so Koslowski. Auch in Asien soll es eine Dependance geben, wahrscheinlich in Peking oder in Shanghai. Der Chef der Digitaltochter will die Hälfte der Zeit im Silicon Valley sein.

Die neue Tochtergesellschaft will die digitale Welt erforschen und neue Geschäftschancen für den Autoher­steller aufspüren. „Wir schauen uns Trends und den Markt an, entwickeln Prototypen neuer Angebote, bieten sie an und testen sie“, sagt Kos­lowski. Umgesetzt und in Serie gebracht werden sie dann von der Muttergesellschaft Porsche.

Fertige Produkte gibt es noch nicht

„Wir haben uns ein bisschen abgekoppelt, damit wir unbeschwerter und schneller unterwegs sein können. Bei der Digitalisierung muss man schneller unterwegs sein als im klassischen Automobilbau,“ erläutert Koslowski. Dazu gehören auch Experimente, die nicht immer gelingen. „Wir werden Dinge aus­probieren und wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen, wieder fallen lassen. Davor haben wir keine Angst,“ versichert der ­Digitalchef.

Fertige Produkte gibt es zwar noch nicht. An Ideen gibt es jedoch keinen Mangel. Wie könnte die Zukunft aussehen? „Ich möchte, dass unsere Autos Sie kennen und wissen, welche Informationen Sie in einem gewissen Moment brauchen, ohne dass Sie groß etwas dafür tun müssen“, sagt Koslowski und erläutert das an einem Beispiel. „Stellen Sie sich vor, sie gehen zu Ihrem Auto. Das Auto öffnet sich automatisch. Sie werden sofort erkannt. Das Auto spürt, dass Sie gerade im Stress sind, sagt Ihnen Sie sollen sich beruhigen und wählt auch die passende Musik. Wenn es einen Stau gibt, kommuniziert das Auto mit der Familie oder den Geschäftspartnern und teilt ihnen die Verspätung mit. Vielleicht wird auch ein Meeting automatisch verlegt.“

Koslowski kann sich auch einen nach dem berühmten Rallye-Piloten benannten „Walter-Röhrl-Autopiloten“ vorstellen. „Wenn ich auf dem Nürburgring unterwegs bin, drücke ich einen Knopf und dann zeigt mir Walter Röhrl die beste Fahrweise auf dieser Rennstrecke und trainiert mich,“ erläutert Koslowski. Denkbar sei auch ein Navi, das Restaurants entlang der Strecke vorschlägt, die zum gehobenen Anspruch der Porsche-Kunden passen.

Vorteile durch die Zusammenarbeit im VW-Konzern

All diese Angebote will die Digitaltochter von Porsche nicht nur im Alleingang entwickeln. „Wir suchen die Vernetzung mit Partnern“, sagt Koslowski, denkt dabei an Technologiefirmen und Serviceanbieter. Dabei will die Porsche-Tochter indes nicht nur den Juniorpartner spielen. „Wir möchten das Ganze orchestrieren“, meint Koslowski. Zum Geschäftsmodell gehört auch die Beteiligung an vielversprechenden jungen Unternehmen. „Wenn wir Firmen finden, die klein sind, aber tolle Ideen und Supertalente haben, möchten wir die bei uns anbinden“, sagt Koslowski. Im vergangenen Sommer hat die Porsche-Tochter bereits eine Beteiligung an dem Kölner Start-up Evopark erworben. Die App von Evopark zeigt freie Plätze in Parkhäusern und navigiert Autofahrer direkt dorthin. Eine Karte ersetzt das Papierticket. Schranken öffnen sich automatisch. Abgerechnet wird am Monatsende.

Vorteile verspricht sich der Porsche-Manager durch die Zusammenarbeit im VW-Konzern. Konzernchef Matthias Müller hat im vergangenen Frühjahr als Teil der Neuausrichtung des Autoriesen nach dem Abgasskandal einen forcierten Aufbruch in digitale Gefilde angekündigt. Als Chefstrategen des Konzerns hat Müller dafür Johann Jungwirth angeheuert, der wie Koslowski zuvor viel Erfahrung im Silicon Valley gesammelt hat. Koslowski hat keine Bedenken, wenn nun die gleichen Themen auf der Konzernebene und bei der Porsche-Tochter bearbeitet werden. „Ich mache mir keine Sorgen, dass wir etwas doppelt machen. Dieses Thema ist riesig, wir müssen es überall und so breit wie möglich voranbringen“, meint Koslowski. Porsche könne auf Entwicklungen des Konzerns aufbauen. Die jeweiligen Angebote für die Marken VW und Porsche würden sich jedoch unterscheiden. Diese Nutzung von Synergien sei eine Stärke des Konzerns. „Das ist ein Vorteil, den ich bei keinem anderen Autohersteller sehe“, sagt Koslowski.

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