Kurz vor dem Aus: Julia Görges serviert gegen die Tschechin Marketa Vondrousova. Foto: Getty Images Europe

Die Spitze ist so umkämpft wie wohl nie zuvor. Das sorgt zwar für Spannung – ist aber kein Qualitätsmerkmal.

Stuttgart - Julia Görges hatte es sehr eilig, den Ort, den sie gerne „mein Wohnzimmer“ nennt, zu verlassen. Sie brauche jetzt erstmal Ruhe und müsse sich erholen, sagte sie vor der nächtlichen Abreise aus der Porsche-Arena, die Tage in Stuttgart hätten körperlich und mental viel Kraft gekostet. Erst der Fedcup gegen Tschechien (1:4) mit einer krachenden Niederlage und einem glanzvollen Sieg in ihren Einzeln; dann ihr Auftritt beim Porsche Tennis Grand Prix, bei dem auf den Erfolg beim Tiebreak-Turnier am Montagabend nur 24 Stunden später das deprimierende Erstrundenaus gegen die tschechische Qualifikantin Marketa Vondrousova folgte.

Ein kleiner Trost mag es sein, dass Julia Görges nicht die einzige Weltklassespielerin ist, die regelmäßig zu spüren bekommt, wie eng Jubel und Enttäuschung beieinander liegen. Dass auf Turniersiege Erstrundenpleiten folgen und umgekehrt – das ist im Frauentennis zur Gewohnheit geworden. Wohl nie zuvor war es derart unkalkulierbar, wer am Ende einer Turnierwoche oder am Ende einer Saison ganz oben steht. Zur Lotterie ist der Wettbewerb auch beim Porsche Tennis Grand Prix geworden. „Es geht drunter und drüber“, sagt Heinz Günthardt, der frühere Coach von Steffi Graf und heutige Teamchef der Schweizer Fedcup-Mannschaft.

Wechsel ist die einzige Konstante

Spielerinnen wie Martina Navratilova, Steffi Graf oder Martina Hingis haben in der Vergangenheit ihren Sport über Jahre hinweg geprägt – seit der Dopingsperre von Maria Scharapowa und der Babypause von Serena Williams ist die einzige Konstante der ständige Wechsel auf dem Tennisthron. 2017 wechselten sich an der Spitze der Weltrangliste nicht weniger als fünf Spielerinnen ab. Ganz oben rangiert derzeit die Rumänin Simona Halep, die in Stuttgart am Mittwochabend erstmals ins Geschehen eingriff. Schon vorher ahnte sie: „Jede kann hier jede schlagen.“

Mit einem Turniersieg in Shenzhen (China) ist Halep ins neue Jahr gestartet – und wartet seither vergeblich auf den nächsten Titel. Bei den 17 WTA-Turnieren in dieser Saison gab es 13 verschiedene Siegerinnen; vier Profis teilten sich die Titel bei den vergangenen vier Grand Slams auf: Die Lettin Jelena Ostapenko gewann die French Open, die Spanierin Garbine Muguruza in Wimbledon, die Amerikanerin Sloane Stephens die US Open. Bei den Australian Open schließlich triumphierte im Januar die Dänin Caroline Wozniacki, die einzige der vier Grand-Slam-Siegerinnen, die in Stuttgart nicht am Start ist.

Das Beispiel Sloane Stephens illustriert besonders eindrucksvoll das ständige Auf und Ab im Frauentennis: Auf ihren US-Open-Sieg folgten acht Erstrundenniederlagen, ehe die 25-Jährige Ende März in Miami, einem WTA-Turnier der höchsten Kategorie, plötzlich den nächsten großen Titel und mehr als eine Million Euro Preisgeld gewann. Und in Stuttgart? Verabschiedete sie sich wieder sang- und klanglos in Runde eins. 1:6, 0:6, so lautete am Mittwoch das niederschmetternde Ergebnis gegen ihre Landsfrau Coco Vandeweghe.

Trotz Leistungsdichte keine Verbesserung der Spitze

Wer in Stuttgart dieses Jahr den Porsche gewinnt, vermag niemand vorherzusagen. Eine echte Favoritin gibt es nicht. „Ich traue fast jeder Spielerin den Titel zu“, sagt Turnierdirektorin Anke Huber. Attraktiv ist dieses Rennen mit völlig offenem Ausgang allerdings nur auf den ersten Blick. „Die Leistungsdichte hat zugenommen“, sagt Heinz Günthardt, „die absolute Spitze aber ist nicht besser geworden.“ Es sei heutzutage „leichter, nach oben zu kommen – schwieriger aber ist es, auch oben zu bleiben.“ Der Schweizer nennt das Beispiel Eugenie Bouchard (24), einst gefeierte Tennis-Schönheit aus Kanada. Die 24-Jährige war schon einmal Fünfte der Weltrangliste und ist inzwischen auf Platz 117 abgerutscht. Zuletzt unterlag sie in Charleston der Italienerin Sara Errani in Runde eins. „Für den Unterhaltungswert ist es nicht optimal, wenn ständig Spielerinnen wieder in der Versenkung verschwinden und andere oben auftauchen“, sagt Günthardt.

Neue Gesichter seien im Sport immer gut – zu viele aber dürften es nicht sein, sonst leide die Identifikation des Publikums. „Es ist für die Zuschauer schwierig mitzufiebern, wenn sie manche Spielerinnen gar nicht kennen“, sagt Günthardt. Maria Scharapowa zählte jahrelang zu den Gesichtern des Sports, die einen verehrten die kapriziöse Russin, die anderen wollten sie verlieren sehen. In Stuttgart hat sich die Sache schnell erledigt. Wie Julia Görges musste auch der Superstar schon nach der ersten Runde die Taschen packen.

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