Uwe Hück (rechts) mit Porsche-Chef Oliver Blume bei der Ankündigung seines Rücktritts vor der versammelten Belegschaft im Hof des Porsche-Werks Zuffenhausen. Foto: dpa

Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück verlässt überraschend den Sportwagenbauer. Er wechselt in die Politik – und kandidiert für den Gemeinderat in Pforzheim. Er gehe dahin, wo es brennt, sagt der 56-Jährige.

Stuttgart - Uwe Hück war bereits in der Vergangenheit immer für eine Überraschung gut. Dies ist ihm jetzt auch bei seinem Abgang gelungen. Knall auf Fall legt der Betriebsratschef ab sofort seine Ämter bei Porsche nieder und will sich nun um soziale Projekte kümmern und zunächst einmal die Kommunalpolitik in Pforzheim aufmischen. Im Interview erläutert der Mann, den manchen als heimlichen Chef von Porsche bezeichnet haben, seine Zukunftspläne.

Herr Hück, niemand hatte damit gerechnet, dass Sie plötzlich alle Ämter bei Porsche aufgeben. Was ist denn passiert?

Ich bin jetzt 35 Jahre im Unternehmen, 30 Jahre Betriebsrat und knapp 22 Jahre ­Betriebsratsvorsitzender. Ich glaube, jetzt ist der richtige Zeitpunkt zu gehen. Wenn man zu lange bleibt, blockiert man ja auch die Vielfalt. Und Demokratie lebt vom Wechsel. Ich wollte für meinen Abschied keinen Tag haben, an dem die Menschen fragen: Warum ist er noch da? Ich wollte einen Tag haben, an dem sie fragen: Warum geht er?

Porsche steht vor schwierigeren Zeiten. Die Einführung des ersten Elektroautos steht bevor. Dies wird auch einen Druck auf die Gewinnmarge geben. Der Vorstand hat ein Sparprogramm erlassen. Müssen sich die Mitarbeiter Sorgen machen, dass Sie gerade jetzt gehen?

Nein, keineswegs. Wir haben jetzt den Anlauf der neuen Generation des 911ers. Zudem steht der Anlauf des Taycan bevor. Ich habe dafür gesorgt, dass der Taycan nach Zuffenhausen kommt. Wenn ich den Anlauf noch begleiten würde, müsste ich noch einmal zwei Jahre bleiben, denn während des Anlaufs kann man nicht gehen. Dann wäre ich jedoch 58 Jahre alt, damit könnte ich Altersteilzeit machen. Ich bin aber kein Typ für Altersteilzeit, sondern will etwas Neues anfangen. Darum habe ich gesagt: Genau jetzt muss ich gehen.

Spielen möglicherweise auch die umfangreichen Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit Abgasmanipulationen eine Rolle?

Nein, da können Sie hundertprozentig sicher sein. Es ist wirklich die Entscheidung, nicht an meiner Macht festzuhalten, sondern mich davon zu lösen. Damit will ich auch eine Botschaft verbinden: Ich will mich mehr um meine sozialen Projekte kümmern und in die Politik gehen. Ich habe eine Stiftung, auf die ich sehr stolz bin. Die Lernstiftung hat mehr als 300 Jugendliche und viele davon in das Handwerk vermittelt und nicht zu Porsche. Wir müssen das Handwerk stärken, sonst bekommen wir Probleme.

Wie lange haben Sie sich schon mit dem ­Gedanken beschäftigt, alle Ämter niederzulegen?

Da ist einiges zusammengekommen. Meine Kinder haben mir sehr oft gesagt: Du hast keine Zeit für deine Enkel. Zudem habe ich gemerkt, dass ich immer weniger Zeit für meine Lernstiftung hatte, wo ich noch so viel vorhabe. Über Weihnachten, als ich erstmals seit Langem im Urlaub war und in Ruhe nachdenken konnte, habe ich mir dann gesagt: Du musst einen Neuanfang machen.

Was war Ihr größter Fehler in Ihrer Amtszeit?

Mein größter Fehler war, dass ich beim Versuch der Übernahme von VW durch Porsche zu wenig mit den Menschen geredet habe. Man kann ein Unternehmen nicht von oben herab übernehmen. Das geht nicht. Ich habe damals leider nicht das Gespräch mit VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh gesucht. Stattdessen haben wir uns vor Gericht getroffen. Das darf man nicht machen. Man darf die Arbeitnehmerrechte nicht über ein Gerichtsverfahren klären lassen, sondern das müssen die Arbeitnehmervertreter selbst schaffen. Heute sind Bernd und ich sehr gute Freunde, ebenso Gunnar Kilian, der frühere Generalsekretär des VW-Betriebsrats und heutige Personalvorstand.

Und was war Ihre größte Errungenschaft in all den Jahren bei Porsche?

Da möchte ich zwei Punkte hervorheben. Als Ferry Porsche gestorben ist, habe ich im Nachruf versprochen, dass ich mich immer darum kümmern werde, dass es Porsche und der Belegschaft gut geht. Das ist uns gelungen. Nach der Übernahme von Porsche durch VW ist festgeschrieben worden, dass Porsche seine Eigenständigkeit behält. Das ist in der Grundlagenvereinbarung festgeschrieben und notariell beurkundet worden. Das war mir sehr wichtig. Bei der Übernahme hätte uns niemand zugetraut, dass Porsche einmal so groß wird. In den letzten neun Jahren hat es zwar immer wieder auch Versuche gegeben, mehr Synergien aus Porsche herauszuholen. Doch das haben wir abwehren können, wenngleich ich mich dabei auch sehr aufgerieben habe. Der wichtigste Kampf war jedoch, dass wir die Elektromobilität und die Digitalisierung nach Zuffenhausen gebracht haben. Damit ist Zuffenhausen gut für die Zukunft gerüstet. Wir haben die Produktion bewusst so gestaltet, dass Elektroautos und Verbrenner am gleichen Standort hergestellt werden. Damit sind wir je nach Entwicklung der Nachfrage für diese Antriebe sehr flexibel aufgestellt.

Warum wollen Sie sich in der Politik engagieren?

Ich mache mir Sorgen um Deutschland. Wir haben keine authentischen Politiker mehr wie einst Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder. Politiker, die in der Lage sind, emotional zu agieren. Deshalb will ich in die Politik gehen. Ich bin finanziell unabhängig und muss mich nicht beugen. Ich gehe nicht in die Politik, weil ich Geld verdienen muss, sondern weil ich gestalten will.

Wie soll das konkret aussehen?

Ich werde bei der nächsten Kommunalwahl in Pforzheim mit einer eigenen Liste für den Gemeinderat kandidieren. Pforzheim liegt ebenso im Argen wie Porsche, als ich dort Betriebsrat wurde. Ich bin 1985 zu Porsche gekommen, als das Unternehmen fast pleite war. Heute sind wir eines der erfolgreichsten Unternehmen. Die Lage von Pforzheim ist mit der damaligen Lage von Porsche zu vergleichen. Schwimmbäder sind geschlossen. Der Zustand der Schulgebäude ist katastrophal. Die Bürger haben etwas Besseres verdient. Ich will in Pforzheim neue Wege beschreiten. Ich bin der Feuerwehrmann, der dorthin geht, wo es brennt.

Wollen Sie eine eigene Partei gründen?

Nein, dafür bin ich zu tief in der SPD verwurzelt. Die SPD muss aber wieder lernen, die Sprache der Arbeiter zu sprechen. Die Arbeiter haben Angst. Wir müssen den Menschen Sicherheit geben.

Warum streben Sie nicht ein höheres Amt in der SPD an?

Pforzheim ist erst der Anfang. Ich werde so viel Staub aufwirbeln, dass jeder sieht: Ich bin unterwegs. Ich will ganz unten an der Treppe anfangen. Man wird erst in der Politik anerkannt, wenn man ganz an der Basis etwas geleistet hat.

Welche Ambitionen haben Sie denn in der Politik? Wollen Sie SPD-Chef werden oder Ministerpräsident in Baden-Württemberg?

Ich werde nicht sagen, was ich machen will, sondern ich werde es machen. Denn in dem Moment, in dem man es sagt, wird man es nicht.

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