Etwa fünf Prozent der Deutschen sind süchtig nach Pornografie. Foto: Lichtgut / Leif Piechowski

Pornofilme können das Sexleben bereichern. Doch sie können auch süchtig machen. Insbesondere für Kinder und Jugendliche sind die Filme gefährlich, sagen Experten: Sie wirken wie Kokain auf das Gehirn. Zwei Betroffene erzählen ihre Geschichte.

Stuttgart - Als eine „Vergewaltigung der eigenen Person“ beschreibt Tom seine Sucht. 30 bis 50 Stunden pro Woche hat der Mittvierziger bis vor Kurzem noch vor dem PC verbracht, Sexclip um Sexclip angesehen, sich dabei befriedigt. So lange, bis nichts mehr ging. „Man macht weiter, obwohl man eigentlich weder Lust hat, noch körperlich weiter in der Lage ist. Man zwingt sich halt dazu“, sagt Tom.

Seit Beginn des Jahres besucht er eine Therapeutin; seinen Pornokonsum konnte er seither auf vier bis sechs Stunden pro Woche reduzieren. Doch an die Blütezeit seiner Sucht erinnert er sich nur zu gut: „Wenn man in diesem Strudel drin ist, geht man abends um neun Uhr an den PC und sagt sich: ‚Um elf Uhr machst du das Licht aus, du brauchst den Schlaf.’ Und dann ist elf Uhr durch. Und man guckt bis zwei Uhr nachts – wenn man Pech hat, auch mal bis fünf Uhr morgens. Man verliert völlig die Kontrolle darüber.“

Als Teenager kam Tom zum ersten Mal mit Pornografie in Berührung. Wie viele andere Jungen in seinem Alter kaufte er sich hin und wieder Pornomagazine. Verschämt, verstohlen. Als er 17 oder 18 Jahre alt war, schaute er seinen ersten Porno. Den Film hatte er in der Videothek ausgeliehen – Internet zuhause gab es damals nicht. Als das Internet dann da war, nahm auch die Zeit zu, die Tom vor dem Bildschirm verbrachte. „Das ist wie bei jedem anderen Suchtmittel auch: Dass man nicht mehr Herr der Lage ist, merkt man erst, wenn es zu spät ist.“

„Viele sehen täglich zwei Stunden Pornos“

Vor drei Jahren realisierte er schließlich: „Ich bin pornosüchtig.“ Er fing an, im Internet zu seiner Erkrankung zu recherchieren. Schon bald stieß er auf die amerikanische NoFap-Bewegung. Eine Bewegung, deren Anhänger auf das Onanieren, das „Fappen“, verzichten möchten. Um stattdessen, nach einigen Wochen der Enthaltsamkeit, zu einer natürlicheren Form der Sexualität zurückzufinden. Nicht zuletzt deshalb, weil nicht wenige der betroffenen Männer – denn es sind hauptsächlich junge Männer, die der Bewegung angehören – wegen ihres Pornokonsums bereits gesundheitliche Probleme haben – eine erektile Dysfunktion etwa oder eine Orgasmushemmung.

„Bis vor ein paar Jahren war das noch gar kein Thema“, sagt die Münchner Sexualtherapeutin Heike Melzer. „Da hat man immer gesagt: Der vorzeitige Samenerguss ist die wesentliche Funktionsstörung bei Männern. Heute erreichen viele keinen Höhepunkt mehr beim partnerschaftlichen Sex.“ In ihrer Praxis behandelt Melzer vor allem sex- und pornosüchtige Männer sowie liebessüchtige Frauen. Ihre jüngsten Patienten sind gerade einmal Anfang 20. „Viele sehen täglich zwei Stunden Pornos“, sagt sie. Nach Studien aus Frankreich und Japan haben bis zu 30 Prozent der Männer unter 30 Jahren überhaupt kein Interesse mehr an Sex mit einem realen Partner, fügt sie hinzu. „Die erleben ihre Befriedigung lieber am Laptop.“

Dass dem so ist, lastet die Therapeutin in erster Linie technischen Entwicklungen an: dem Ausbau des Breitbandinternets sowie der Entwicklung von Smartphones und Plattformen wie YouPorn. Das YouTube-Äquivalent für Pornografie ging im August 2006 online. Seither sind Pornos quasi rund um die Uhr und bequem von Zuhause aus verfügbar. Die Pornoindustrie setzt im Internet jedes Jahr Milliarden um.

Pornos als Einstiegsdroge

Für Christian waren Pornofilme so etwas wie eine Einstiegsdroge. „Internetpornografie begleitet mich jetzt wahrscheinlich schon seit 20 Jahren“, sagt der 54-jährige Manager aus Stuttgart. „Wenn Sie es mit einem Alkoholiker vergleichen, war das mein Feierabendbier. An sich nicht schädlich und ohne große Auswirkungen – aber der Ausgangspunkt für eine regelrechte Abwärtsspirale.“

Denn bald schon zog es Christian raus aus der virtuellen Welt, rein ins reale Erleben. Vier Jahre lang überschritt er Grenzen, stieß in Sphären vor, in denen er niemals sein wollte. Er ging in Porno-Kinos, er besuchte Swinger-Clubs, er hielt am Straßenstrich, er hatte ungeschützten Sex. Mit Frauen, mit Männern. „Ich habe Dinge getan, die ich eigentlich nicht tun möchte“, sagt Christian. Seine Frau ahnt nichts von den heimlichen Exkursionen, von seiner Sucht. „Das hätte das Ende der Beziehung bedeutet.“

Die Angst vor HIV und vor Geschlechtskrankheiten bewog ihn im Sommer 2016 schließlich dazu, eine Therapie anzufangen. Da hatte er schon selbst einige Versuche unternommen, sein Verhalten zu ändern. „Ich kann es gar nicht so genau sagen, wann der Punkt kam, an dem ich gesagt habe: Mensch, aus eigener Kraft schaffst du es nicht.“ Bereits nach sechs Monaten brachte eine Hypnosesitzung den Durchbruch. „Es war unglaublich: Das, was ich mir vorher, in der Gesprächstherapie, als Ziel gesetzt hatte, war nach der Hyponose plötzlich in meinem Unterbewusstsein verankert“, sagt Christian. Sexuelle Eskapaden außerhalb seiner Ehe hat er seither nicht mehr erlebt, Pornofilme hat er nicht mehr gesehen. „Es wäre wahrscheinlich nicht schädlich, wenn ich Pornos anschauen würde. Aber ich habe die Sorge, dass es halt nicht dabei bleibt“, sagt er. Die Angst vor dem Rückfall ist groß.

Wie der Junkie braucht der Pornosüchtige immer härteren Stoff

Der einfache Zugang zu Pornografie sei insbesondere für Kinder und Jugendliche nicht ungefährlich, sagt Heike Melzer. „Je früher und öfter das Gehirn mit Pornofilmen in Kontakt kommt, desto nachhaltiger wird es verändert.“ Die Filme, erklärt sie, wirken wie Kokain auf das Belohnungszentrum des Gehirns: Beim Anschauen wird ein Cocktail aus Dopamin, Serotonin und Endorphinen ausgeschüttet. Für den Konsumenten fühlt sich das am Anfang super an: Er kommt schneller zum Orgasmus. Doch der Effekt verpufft bereits nach kurzer Zeit.

„Die Pornoindustrie bietet Superstimuli und besondere Schlüsselreize an – da findet man alles, bis hin zu extremen Vorlieben an der Grenze der Legalität“, sagt Melzer. „Das Angebot ist übertrieben.“ Und es führt dazu, dass alltägliche Reize – etwa der Körper der Ehefrau oder der Freundin – irgendwann nicht mehr zu der gewünschten körperlichen Reaktion führen. „Wie der Junkie braucht auch der Pornosüchtige mit der Zeit immer härteren Stoff, um noch zum Orgasmus zu gelangen“, sagt Melzer. Frauen, die viel Pornografie konsumieren, ergehe es ähnlich: „Auch sie beklagen mangelnde Erregung beim Sex mit dem vertrauten Partner.“

Wie schnell die extreme Stimulation des Belohnungszentrums süchtig machen kann, zeigt ein Experiment der Psychologen James Olds und Peter Milner aus dem Jahr 1954. Sie setzten Ratten Implantate ins Gehirn ein. Drückten die Tiere eine bestimmte Taste in ihrem Käfig, wurde ihr Belohnungszentrum stimuliert. Es dauerte nicht lange und die Ratten hörten auf zu fressen, zu trinken, mit anderen zu kopulieren – sie drückten den Knopf so lange, bis sie erschöpft verendeten. „Solche Fälle gibt es auch bei Menschen“, sagt Heike Melzer.

Jugendliche konsumieren Pornofilme immer früher

Den Notschalter legen nicht wenige erst dann um, wenn sich die Sucht in einem Maße auf ihr Leben auswirkt, das sie nicht mehr ignorieren können: Wenn ihre Beziehung zu Bruch geht, wenn sie ihren Job verlieren, wenn sich die sozialen Kontakte einstellen, wenn Schulden oder gar Haftstrafen drohen wegen des Konsums kostenpflichtiger oder illegaler Inhalte. Denn aufgrund des gesellschaftlichen Tabus ist die Pornosucht noch weitaus schambehafteter als eine Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Rund fünf Prozent der Deutschen sind nach Expertenschätzungen von ihr betroffen. Eine offizielle Erhebung dazu gibt es nicht: Als eigenständige Erkrankung ist die Sucht nach Pornografie bisher nicht anerkannt. Erst 2018 soll sie in das weltumspannende Klassifikationssystem für Krankheiten, die ICD-11, aufgenommen werden.

Dabei ist das Phänomen kein neues, sagt Kornelius Roth. Seit 1981 ist er als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie als Suchttherapeut tätig. „Was neu ist, ist, dass die sexuelle Sozialisierung der Digital Natives nun allein im Internet stattfindet. Mit dem frühen In-Kontakt-Kommen zur Pornografie scheitern diese Biografien viel eher als in meiner Generation noch.“

„Jeder Reiz erfordert eine gewisse Reifung“

Tatsächlich erleben Jugendliche ihren ersten Kontakt zu pornografischen Inhalten immer früher. Mit durchschnittlich zwölf Jahren sehen schwedische Jugendliche einer Studie der Universität Uppsala zufolge ihr erstes Sexvideo an. Zehn Prozent der Jungen schauen nach eigenen Angaben täglich Sex-Filme, zwei Drittel schauen sie mehrmals im Monat.„Pornografie kann das sexuelle Repertoire erwachsener Paare erweitern. Aber vielen Eltern ist nicht klar, dass sie ihre Kinder nicht einfach vor den Rechner setzen dürfen“, sagt Kornelius Roth. „Jeder Reiz erfordert eine gewisse Reifung, ehe man sich ihm aussetzen kann. Diese Abfolge ist gefährdet durch das Internet.“ Dazu komme, dass die Vorbilder aus dem Netz wenig mit der realen Sexualität zu tun haben. „In Pornofilmen bekommen Jugendliche, die nicht über eigene sexuelle Erfahrungen verfügen, ein unrealistisches Bild vermittelt“, sagt der Therapeut. „Sie selbst können das nicht unterscheiden.“ Dass Sexualpraktiken aus den Filmen später aufs reale Leben übernommen werden, sei Standard – „gerade, wenn man mit ihnen sozialisiert wurde.“

Das beobachtet auch Heike Melzer. „Analsex zum Beispiel war früher exotisch. Heute gehört es für die 18-Jährigen fast zum guten Ton dazu“, sagt sie. „Pornos wecken den Eindruck: Das muss man mal ausprobieren. Das machen ja alle.“ Den Unterschied zwischen Film und Realität zu ziehen, traut die Sexualtherapeutin Jugendlichen durchaus zu. Grund zur Sorge sieht sie dennoch: „Womit wir uns beschäftigen, prägt unser Gehirn und unsere Denkweise.“

Die Folgen: Schlafstörungen, Angstzustände, Herzrhythmusstörungen

Kornelius Roth plädiert aus diesem Grund dafür, Kinder künftig besser vor Pornografie abzuschirmen. Die Medienpädagogik in Deutschland sieht der Suchttherapeut als „rückständig“ an. In der ersten Klasse, meint er, müssten die Lehrer eigentlich die Eltern zusammentrommeln, um sie zum Beispiel darauf hinzuweisen, welches Filter-Software-System sich bewährt habe, um Kinder vor pornografischen und anderen unangemessenen Inhalten zu schützen.

Denn sind die Schäden erst da, dauert es lange, sich von ihnen zu erholen. Etwa drei Monate braucht es, bis sich das Belohnungszentrum eines Süchtigen normalisiert hat; einige Lernprozesse sind nicht mehr umkehrbar. „Man ist allein mit den Folgen – und wenn man das vorher gewusst hätte, hätte man sich vielleicht anders mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt Tom. Er leidet unter Schlafstörungen, Angstzuständen, Herzrhythmusstörungen und einer erektilen Dysfunktion. Seine Sozialkontakte beschränken sich auf sporadische Whats-App-Nachrichten, seinen Arbeitsplatz hat er aufgrund der eingeschränkten Leistungsfähigkeit verloren. „Das war für mich der ausschlaggebende Punkt zu sagen: Ich such’ mir professionelle Hilfe.“

Natürlich habe er das Ziel, von der Pornografie wegzukommen, „das ist keine Frage“. Aber nach Jahrzehnten des regelmäßigen Konsums sei das gar nicht so einfach. „Die Pornografie, hat einen großen Teil in meinem Leben eingenommen. Für mich ist das auch eine Methode, um Stress abzubauen“, sagt Tom. „Ich suche im Moment noch nach dem richtigen Anlass, um ganz aufzuhören – und die Zeit vor dem Rechner besser zu nutzen.“

So erkennt man die Sucht

Anzeichen Suchterkrankungen erkennt man am sogenannten SAFE-Prinzip. Dabei steht das S für „Secret“: Die Sucht wird meist geheim gehalten. Das A bedeutet so viel wie „Abusive“ im Sinne von missbräuchlich – gegenüber sich selbst oder auch anderen. Das F kommt von dem Wort „Feelings“: Mit der Suchthandlung werden negative Gefühle wie Wut, Langeweile oder Trauer kompensiert. Das E steht für „Empty“ – ohne emotionalen Bezug zu einer Person.

Handeln Menschen, die befürchten, sie könnten süchtig sein, sollten sich fragen: Wie viel Zeit am Tag beschäftige ich mich mit dem Thema? Kann ich problemlos auf das Verhalten verzichten? Hat es negative Konsequenzen – für den Beruf, die Familie, das Geld oder die Partnerschaft? Auch schlechte Stimmung und Gereiztheit sind Symptome der Suchterkrankung.

Trigger Verschiedenste Situationen und Reize können das Suchtverhalten auslösen: Zum Beispiel der Anblick einer Dessous-Werbung (Reiz), der Sieg der bevorzugten Fußballmannschaft (Belohnung) oder die Schlappe im Bewerbungsgespräch (Trost).

Hilfe In fast jeder größeren Stadt werden Selbsthilfegruppen angeboten. Ein erster Schritt auf dem Weg zur Heilung können Ratgeberbücher und entsprechende Webseiten sein. Eine Liste hilfreicher Adressen findet man unter www.dijg.de/pornographie-sexsucht-pornosucht/adressen

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