Unter anderem werden Arbeiten der feministischen Erotikfilmmacherin Erika Lust auf dem Stuttgarter Porno-Kunst-Film-Festival gezeigt werden. Foto: Siren Song - Erika Lust

Porno kommt ins Kino - und nein, nicht am Olgaeck. Beim Porno-Kunst-Film-Festival im Delphi geht es um Porno abseits vom Mainstream und von Normschönheit.

Lu Breitenberger hat eine Mission: Möglichst vielen Menschen den Weg zur selbstbestimmten Sexualität ebnen. Deshalb veranstaltet die Stuttgarterin dieses Wochenende bereits zum dritten Mal das Porno-Kunst-Film-Festival „Natural Instincts“ im Arthaus Kino Delphi in der Stuttgarter Innenstadt.

 

Gezeigt werden bei dem dreitägigen Filmfest nicht nur pornografische Filme und Kurzfilme, die einen ästhetischen Anspruch haben und auf den gängigen Plattformen nicht zu finden sind – es gibt im Anschluss an die Filmsessions, die jeweils unter Mottos wie etwa „Talk Dirty to Me“ (Dirty Talk), „Schwulissimo“ (Schwuler Sex) oder „Get Your Freak On“ (Kinks) stehen, noch Talks mit Experten, um das Gesehene einzuordnen, Fragen stellen zu können und eine Diskussion über ein vermeintlich längst enttabuisiertes Thema anzuregen: Sex in all seinen Facetten.

Sex und Porno sind immer noch Tabuthemen

„Ich merke, dass das Thema Sexualität immer noch sehr viel mit Scham und Tabu verbunden ist“, schildert Lu die Situation und berichtet aus eigener Erfahrung: „Wie eine Klitoris ausschaut, wusste ich zum Beispiel mit Mitte/Ende 20, das hat mir vorher niemand erklärt.“ Und so wie ihr geht es vielen Menschen. Bei der 2022 veröffentlichten Wiederholungsbefragung „Jugendsexualität“ der BZgA zeigen die Ergebnisse, dass für Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren die häufigsten Quellen für Sexualaufklärung Schulunterricht (69%), Gespräche (68%) und das Internet (59%) sind. Wer weiß, wie viel Wert an Schulen auf Sexualpädagogik gelegt wird, wird an dieser Stelle aus offensichtlichen Gründen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Wie viel man an sexueller Bildung dann noch dazulernt, beruht zum Großteil auf Eigeninitiative. „Wenn man sich nicht selbst informiert, dann bekommt man von all dem auch nichts mit. Das ist schon merkwürdig, vor allem, wenn man davon ausgeht, dass Sexualität – beziehungsweise körperliche Nähe – ein Grundbedürfnis von allen Menschen ist.“ Um dem allgegenwärtigen Nichtwissen und gefährlichem Halbwissen in Sachen Sexualität entgegenzuwirken, stellte sie, inspiriert vom Pornofilmfestival Berlin, erstmalig vor vier Jahren ihr eigenes Pornofestival in Stuttgart auf die Beine. Seitdem findet es alle zwei Jahre statt.

Eine Filmzusammenstellung ist auch dem Thema Sex als Schwangere und Mutter gewidmet. Foto: Four Chambers - Maman

„Das ganze Thema Kommunikation rund um Sexualität wird oft ausgeklammert“, erklärt die Veranstalterin. Wenn über Sex gesprochen werden würde, ginge es ständig nur um Schwangerschaftsverhütung und die Verhütung sexuell übertragbarer Krankheiten. Auch die wenigen repräsentativen Studien zum Thema Sex in Deutschland haben eine einzige gemeinsame Schlagrichtung: sexuelle Gesundheit.

„Aber niemand zeigt einem oder spricht über die Frage, wie man besonders viel Lust empfindet und wie man seine Bedürfnisse kommuniziert“, sagt Lu. Zwar gäbe es eine erfreulich wachsende Awareness rund ums Thema Consent, doch von Allgemeinwissen kann man noch lange nicht sprechen. Die Talks im Anschluss an die Filmscreenings sind daher seit der Gründung ein fester und wichtiger Bestandteil des Festivals.

Pay for your porn ist die oberste Regel

Die gezeigten Pornos hat die Stuttgarterin alle selbst ausgewählt. „Bei der Filmauswahl ist mir gleichberechtigte Lust – also, dass alle, die beteiligt sind, auf ihre Kosten kommen – sehr wichtig“, erklärt sie ihre Auswahlkriterien. „Das ist oft nicht der Fall: Es ist zum Beispiel unglaublich schwierig Pornos zu finden, die nicht einfach aufhören, nachdem der Mann gekommen ist.“ Mit der Realität hat das wenig zu tun.

Auch auf Consent und respektvollen Umgang hat Lu bei der Auswahl viel Wert gelegt. „Außer es handelt sich um ein Spiel, bei dem klar ist, dass gewollt ist, dass mit Machtdynamiken gespielt wird“, wirft sie ein. „Ich versuche außerdem zu schaffen, dass verschiede Körper, verschiedene sexuelle Orientierungen und Geschlechteridentitäten dargestellt werden.“

Bei der Filmsession unter dem Motto „Play Hard“ werden Filme aus der BDSM-Richtung gezeigt werden. Foto: Lucifer Bendetti - Chained to my body

Die gezeigten Pornos kommen außerdem aus fairer Produktion, soweit Lu es überprüfen konnte. „100 Prozent sicher kann man sich natürlich nie sein, ich bin beim Dreh ja nicht dabei gewesen“, sagt sie. Es gäbe aber verschiedene Indizien, auf die sie bei der Auswahl achten würde, etwa dass auf Safer Sex, Intimitäts-Coaches beim Filmdreh und eine Entlohnung aller Personen, die beteiligt waren, wert gelegt worden ist.

Für Menschen, die ihren alltäglichen Porno-Konsum überprüfen möchten, hat sie einen generellen Tipp: „Die goldene Regel lautet ‚Pay for your porn‘ – wenn es etwas umsonst gibt, kann man davon ausgehen, dass auch die Produktionsbedingungen nicht so cool waren.“ Außerdem kann sie Plattformen wie Pink Label TV oder Cheex, oder Filme von der feministischen Erotikfilmproduzentin Erika Lust empfehlen.

Erstmalig gibt es dieses Jahr ein festivalbegleitendes Workshop-Programm, zum Beispiel zum Thema Sex als Mensch mit Beeinträchtigung oder Shibari (eine japanische Kunst des erotischen Fesselns) – der Workshop ist allerdings bereits ausverkauft.

Der Abschluss des Festivals am Samstagabend wird außerdem mit einer sexpositiven Party gefeiert. Der Ort wird erst nach Anmeldung bekannt gegeben, um allen Teilnehmenden einen Safer Space bieten zu können. „Bedingung ist auch, dass die Teilnehmenden vorab an einem unserer Consent Workshops teilnehmen“, erklärt Lu. Für diejenigen Teilnehmer:innen, die es nicht geschafft haben sollten, werden aber auch direkt vor Ort der Party noch spontane Workshops angeboten werden.

Wer das ganze Programm einsehen oder sich Tickets kaufen möchte, kann das hier tun.

Natural Instincts, Delphi Arthaus Kino, Tübinger Str. 6, Stuttgart-Mitte, 29.-31.5.2025