Dass Thomas Gottschalk Moderator bei SWR 3 wird, ist in Radiokreisen ziemlich umstritten. Foto: dpa/:Sven Hoppe

Dass SWR 3 Thomas Gottschalk als Moderator einstellt, ist für Popwellen-Erfinder Hans-Peter Stockinger eine „Bankrotterklärung“. Seine harsche Kritik habe nichts mit Alter zu tun, sondern „mit Stil und Grips“. Eine Kolumne über alte Männer.

Stuttgart/Baden-Baden - Weiß doch jeder: Alt werden wollen alle, nur alt sein nicht. Bei meinem Freund Florian ist dies anders. Das Weihnachtsmenü unserer alten Clique – jeder musste der Tradition folgen und einen Gang beisteuern – nutzte er, um was Wichtiges zu verkünden. Florian war für den ersten Zwischengang zuständig. Tiefrot lag ein Trio von Rote Bete auf unseren Tellern, perfekt nach dem Rezept des veganen Spitzenkochs Thomas Adam zubereitet, das der Freund vor wenigen Tagen in unserer Zeitung entdeckt hatte. Nun also war der Zeitpunkt gekommen für eine kleine Ansprache.

Wie wir wüssten, hob Florian an, werde er in Kürze 55 Jahre alt. Darauf freue er sich sehr. Endlich sei es soweit, seine Lebenspartnerin und seine Freunde um Erlaubnis bitten zu können. Fast feierlich wurde Florian dabei. „Hiermit stelle ich den Antrag, ein alter Mann sein zu dürfen“, sagte er mit einer Miene zwischen Ernsthaftigkeit und Verschmitztheit.

Hey, Alter! Voll krass! Spinnst du, du Lauch? Das knallt, du Wrack! Wer will freiwillig ein alter Sack sein?

Florian freut sich aufs Granteln

Florian hielt dagegen: Absolut peinlich sei es, ewig auf jung zu machen. Dieses nervige Selbstoptimierungsstreben lenke ab von dem, was wirklich zähle im Leben. Ohne Jugendwahn lebe man freier. Druck falle von einem ab, und man müsse sich nicht mehr verstellen. „Was machst du, wenn wir dich einen alten Mann sein lassen?“ wollten wir wissen. Florian, ein gebürtiger Münchner, strahlte in purer Vorfreude: „Ich grantle.“

Granteln sei mit dem schwäbischen Bruddeln verwandt, sagte der Rei’geschmeckte aus Bayern: „Wer richtig grantelt oder bruddelt, tut dies, ohne dafür einen Grund zu haben.“ Doch bevor er sich seinen Wunsch erfüllt, in mürrische Grundstimmung zu verfallen („Grantln is a lifestyle“), sei ihm unsere Meinung wichtig. Von seinen Freunden und speziell von seiner Lebenspartnerin wolle er hören, ob wir seinem Antrag auf Erteilung einer lebenslangen Fahrerlaubnis, also der Erlaubnis, als alter Mann durch den Rest seines Lebens zu fahren, stattgeben würden.

Die Clique stellt eine Bedingung

Bevor Florians Freundin was sagen konnte, stellten die Männer der Clique eine Bedingung. Erst mal müsse der Antragsteller abchecken, wie seine Chancen aktuell bei jungen Frauen sind. Sollte er bei diesen nicht landen können, würden wir ihn, wenn ihn das so happy macht, halt doch zum alten Sack verklären.

Florian ist ein drahtiger und schlanker Kerl, fährt viel Rad und Ski. Rein äußerlich ist er weit davon entfernt, ein alter Mann zu sein. Andererseits: Er kocht gern und gut. Essen, weiß man, ist der Sex des Alters. Florians Trio von der Roten Bete war ein durchaus lustvoller Genuss.

Nach einem Urteil der Oberlandesgerichtes Hamm ist „alter Mann“ nicht per se eine Beleidigung – für Florian ist’s eine Ehre.

Popwellen-Gründer Stockinger übt harsche Kritik

Gehört den alten Männern die Zukunft? Gerade hat der Sender SWR 3 verkündet, Thomas Gottschalk als neuen Moderator zu verpflichten. Der einstige „Wetten, dass . .  ?“- Star, der früher Werbung für Gummibärchen machte und heute für Hörgeräte, wird im nächsten Jahr 70. Für Radiolegende Hans-Peter Stockinger ist die Berufung des ewigen Blonden eine „Bankrotterklärung“. Dies hat der Erfinder und langjährige Chef der Popwelle SWF 3, aus der nach der Fusion SWR 3 geworden ist, öffentlich bei Facebook gepostet. Seine harsche Kritik, die in Radiokreisen für Aufsehen sorgt, habe nichts mit Gottschalks Alter zu tun, erklärt der in Stuttgart lebende Stockinger unserer Zeitung. Die Alterszahl sage nämlich nie genug aus. Als Beispiel führt der große Mann des deutschen Radios den einzigartigen Harald Schmidt an, der auch mal bei SWF 3 war. „Es sind der Grips und der Stil, die entscheiden“, sagt Stockinger.

Wie wahr! Ein Zeichen von Grips und Stil ist es, geistreiche Späße über den alten Mann zu machen – wie bei unserem Weihnachtsmenü. Am Abend davor war ich übrigens zum Weihnachtsessen von jungen Influencern ins Büro der Innovation Heroes im Stuttgarter Westen eingeladen. Sehr gemütlich und herzlich war’s, ja geradezu familiär. Die junge Leute sagten, dass sie sich gern mit Älteren treffen würden, weil sie von ihnen lernen könnten. Wie jung oder wie alt jemand ist, ist doch auch völlig egal – viel wichtiger ist, was man daraus macht.

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