Seit 20 Jahren erinnert ein Museum im Osten der Slowakei an Andy Warhol. Ein Besuch.
Medzilaborce - Andy Warhol hieß eigentlich Andrej Warhola. Seine Eltern stammten aus dem Osten der heutigen Slowakei. Dort erinnert seit 20 Jahren ein Museum an den Pop-Art-Künstler und seine Familie. Ein Besuch.
Grell erleuchtet liegt der fast menschenleere Museumsvorplatz in der Mittagssonne, gleich am Ortsrand von Medzilaborce. Halbwüchsige lümmeln auf den Bänken, scannen mit müdem Blick jedes Auto, das sich nähert. Hinter ihnen türmt sich der fensterlose Gebäudeklotz des Museums auf. In seinem schattigen Eingangsbereich spielt eine Band den Sound des vergangenen Jahrhunderts. Velvet Underground, Pink Floyd, Rolling Stones. Es ist Tag der offenen Tür im Andy Warhol Museum für moderne Kunst in Medzilaborce, dem einzigen Pop-Art-Museum Europas, tief im Osten der Slowakei. Und, wie ein Journalist mal schrieb, dem vielleicht einsamsten.
Der größte Andy-Warhol-Lobbyist
"Ich komme von nirgendwo." (I come from nowhere). Dieser berühmte Satz Andy Warhols klingt wie eine Wegbeschreibung in diese waldreiche, ländliche Gegend nicht weit von den Grenzen zu Polen und der Ukraine. Hier, im 300-Seelen-Ort MikovÖ, lebten Julia und Ondrej Warhola, die Eltern des Künstlers. Von hier aus machten sie sich Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Weg nach Amerika, wo der Vater in den Kohlebergwerken Pennsylvanias Arbeit fand.
Wer zum Museum will, fährt auf Landstraßen durch ärmliche Dörfer. Vorbei an verlassenen Industrieanlagen und Kolchosen. Ruinen der Planwirtschaft. In tschechoslowakischen Zeiten lebten die Leute in Vollbeschäftigung von der Holzwirtschaft, der Produktion von Glas und Maschinen. In der "freien Marktwirtschaft" verlor fast ein Drittel seine Arbeit, viele zogen weg.
"Für die Politiker besteht die Slowakei nur aus Bratislava. Aber das ist 500 Kilometer entfernt. Man hat uns hier vergessen", sagt Michal Bycko. Der bärtige Slowake sitzt heute am Bass der Museumsband. Eigentlich ist er Kurator des Hauses und vermutlich der größte Andy-Warhol-Lobbyist seines Landes.
Dass es das Museum in dem 6500-Einwohner-Dorf Medzilaborce überhaupt gibt, ist auch sein Verdienst. Noch zu Zeiten des Sozialismus warb Bycko für diese Idee. Da wussten selbst die Verwandten in Mikova noch nicht, dass ihr Andy ein Superstar der Kunstszene war. Die Sozialisten lehnten ihn als kapitalistisches Schmuddelkind ab. Realistisch wurde das Vorhaben erst nach dem Ende des Kalten Kriegs. Da war Warhol bereits tot, sein Bruder John reiste in das Herkunftsland der Familie.
Es war Bycko, der sich mit John, dem Vizepräsidenten der Warhol Foundation, traf und von ihm das Versprechen auf finanzielle Hilfe und Exponate für ein Museum bekam. In Prag sammelten Künstler und Intellektuelle Geld und Unterschriften für das Projekt. Am Ende sagte auch das slowakische Kulturministerium seine Unterstützung zu. Andy Warhols Werke - darunter 17 Originale - zogen in das kurz vor der Wende gebaute Kulturhaus der Partei in Medzilaborce, nur wenige Kilometer von Mikova. Zu Eröffnung im September 1991 kam jede Menge schräges Kunstvolk im Andy-Warhol-Gedächtnis-Look mit Perücken und Brillen. Der altkommunistische Bürgermeister lobte Warhols Werke "Hammer und Sichel" und "Roter Lenin".
Ein Ortsschild mit Andy-Warhol-Selbstporträt
Mit dem einst unbeliebten Landessohn verband sich nun das Versprechen auf Touristen. Gegenüber dem Museum eröffnete die Pension Andy, der Bus hielt fortan an einer überdimensionalen Campbell-Suppendose, und die EU spendierte einige 100.000 Euro, um ganz Medzilaborce auf Pop-Art zu trimmen. Fassaden wurden bunt gestrichen, Hinweisschilder aufgestellt. Mikova bekam ein Ortsschild mit Andy-Warhol-Selbstporträt. Obwohl laut Bycko 20.000 Besucher pro Jahr ins Museum kommen - vor allem tschechische, polnische und deutsche Touristen -, von einem Wirtschaftsfaktor Kulturtourismus kann man nicht sprechen. Das Museum kämpft mit finanziellen Problemen und einem maroden Dach. Es fehle an staatlicher Unterstützung, sagt Bycko. Seit John Warhols Tod 2010 sei auch der Kontakt zur Warhol-Stiftung schwierig.
Am Tag der offenen Tür sind vor allem Schüler in der Ausstellung. Das Haus versteht sich als Familienmuseum. Dementsprechend heimelig und ein bisschen kruschtelig geht es hier zu. Obwohl der sozialistische Bau die Ausmaße einer stattlichen Stadthalle hat, wirkt die Ausstellung wie ein Wohnzimmer, in dem jedes Familienmitglied sich verwirklichen durfte. Da hängen die Bilder von Bruder Paul Warhol (er malt Heinz-Ketchup-Flaschen in Serie) und seinem Sohn James, dem Illustrator. Da ist das Originaltaufkleid von Andy, sein Walkman und ein Sakko, das Schultertuch und Briefe in die Heimat von Mutter Julia. Bilder zeigen Tante Eva oder Großvater Bezek, die Ausreisedokumente der Warholas hängen da, Plakate von Velvet Underground, und eine verrostete Campbell-Suppendose, die in der Gegend gefunden wurde.
Dieses Sammelsurium mag für routinierte Kunstbetrachter befremdlich sein, macht aber die eigentliche Besonderheit des Museums aus. Denn Warhol'sche Pop-Art hat man anderswo selbstverständlich schon in größerer Auswahl und besser präsentiert gesehen. Bycko will mit seiner Schau die Wurzeln des Warhol'schen Werks freilegen. "Man kann Warhol nicht verstehen, ohne seine Herkunft zu kennen", sagt er. Mutter Julia war, wie viele in der Region, griechisch-katholischen Glaubens. Der junge Andy sah sie Ostereier verzieren, Ikonen malen. Das Serielle in Warhols Kunst, sein Faible für die Ikonen der Konsumgesellschaft - Bycko führt das auch darauf zurück.
Die vielleicht größte Leistung des Museums ist aber, dass es überhaupt besteht. Seit 20 Jahren. Im Nirgendwo.