Ein Mann, zwei Frauen: eigentlich verboten, doch immer wieder kommt es vor. Foto:  

Sarkan Aslan hat ein eigenes Haus, einen Job bei der Stadt und zwei Frauen. Allah erlaube das, sagt der gläubige Deutsch-Türke. Obwohl Polygamie in Deutschland verboten ist, gibt es immer wieder Muslime, die hierzulande in Vielehe leben.

Stuttgart - Auf dem riesigen Flachbildfernseher flackerte die Sünde ins Wohnzimmer, ein kurzer Bericht in den türkischen Nachrichten über einen Mann mit sechs Ehefrauen. „Es ist unsittlich“, sagt Sarkan Aslan* und sitzt in Trainingshose und Pulli auf der Sofalandschaft. „Es ist verboten.“ Noch immer ärgert er sich über jenen Ungläubigen, der den Koran missachtet hat: Ein Kurde so wie er, geboren in Zentralanatolien so wie er. Der Mann habe 75 Söhne und Töchter gezeugt, erzählt Sarkan empört, „der kannte nicht einmal die Vornamen all seiner Kinder.“

Das ist bei Sarkan überschaubarer. Der 54-Jährige, der stolz darauf ist, seit Jahrzehnten im Schwäbischen Steuern zu zahlen und ein eigenes Häuschen samt Garten in einer Kleinstadt besitzt, hat zwei Frauen. Eine deutsche und eine türkische. Das ist nach islamischem Recht erlaubt, bis zu vier Frauen darf ein Moslem heiraten. In Sarkans muslimischer Gemeinde wissen alle Bescheid – den Nachbarn, den Kollegen bei seinem städtischen Arbeitgeber hat er nichts gesagt. „Das ist zu privat“, sagt er, auch seine Frauen wissen, dass es besser ist, darüber zu schweigen.

In Deutschland werden Mehrfach-Ehen nicht anerkannt

In Deutschland ist Polygamie gesetzlich verboten – und doch wächst die Zahl der Männer, die mit zwei oder noch mehr Frauen in einer Vielehe zusammenleben. Oft wurden die Ehen im Ausland geschlossen, syrische oder irakische Flüchtlinge bringen ihre Frauen mit. Verbreitet sind auch islamische Ehen, die in der Moschee geschlossen und standesamtlich nicht erfasst werden. Wenn der Imam zustimmt, muss es nicht bei einer Beziehung bleiben. Für Bundesjustizminister Heiko Maas ist die Situation klar: „Mehrfach-Ehen dürfen in Deutschland nicht anerkannt werden.“ Dennoch gibt es immer wieder aufsehenerregende Rechtsfälle wie jüngst, als der Verwaltungsgerichtshofs Mannheim entschied, dass ein Syrer, der zwei Ehefrauen hat, trotzdem Deutscher werden darf.

Am deutschen Pass ist Sarkan nicht interessiert. Er hat sich finanziell abgesichert, lebt zufrieden mit seiner Familie. „Ist doch alles normal“, sagt er und sorgt sich um die Deutschen. „Es ist schlimm geworden“, sagt er. Ständig höre er von Scheidungen, Familie bedeute vielen nichts mehr. Da zögen Kinder mit 18 aus und der Kontakt zu den Eltern breche nahezu ab.

Oben wohnt die Erstfrau Anke, die aus Liebe zum Islam konvertiert ist

Im obersten Stock wohnt Anke*. Eine empfindsame Frau, die Sarkan kennengelernt hat, als sie beide Halt suchten. Sie hatte eine Kindheit im Heim hinter sich, trank zu viel und jobbte als Bedienung. Er war als junger Mann allein in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht kannte, dessen Sitten er mochte. Die beiden entschieden, Ende der 80er Jahre zu heiraten, künftig ging der Urlaub nach Anatolien. Anke wurde von seinen Eltern mit Goldschmuck und guten Wünschen überhäuft. Sarkan wurde von Ankes Mutter mit Wut und Missachtung gestraft. Einen Ausländer wollte sie nicht in der Familie und schon gar keine Tochter, die der Beziehung wegen zum Islam konvertiert.

Es hätte alles gut gehen können mit den beiden, wenn Anke nur schwanger geworden wäre. „Ein einziges Kind hätte gereicht“, sagt die Frau mit dem himmelblauen Kopftuch und der dicken Brille, „dann wäre mir vieles erspart geblieben.“ Doch weder der Sex nach Fruchtbarkeitskalender noch die Gebete halfen. Sieben Jahre lang warteten sie vergeblich auf Nachwuchs. Erst als viel später der Gynäkologe an einer Universitätsklinik Anke zwei verklebte Eileiter diagnostizierte, wussten sie warum. „Da hätte ich noch eine künstliche Befruchtung machen können, aber das wollte ich nicht“, sagt Anke und schaut Sarkan nicht in die Augen. Ob Sarkan seine Erstfrau liebt? „Ja, sonst wäre ich nicht mit ihr zusammen. Sie ist meine große Liebe.“

Die Zweitfrau Dalya ist zehn Jahre jünger und sollte Sarkan den Nachwuchs gebären

Einen Stock tiefer wohnt Dalya*, die zweite Frau. Sie ist gut zehn Jahre jünger als Sarkan, selbstbewusst, ihre Haltung so aufrecht, dass ein Yogalehrer neidisch werden könnte. Dalya hat acht Geschwister, sie ist eine entfernte Cousine aus Sarkans Heimatdorf, wo bald jeder mit jedem verwandt ist und ein Ticket nach Deutschland so etwas wie ein Lottogewinn. Sarkan hat sie gefragt, ob sie die Mutter seiner Kinder sein will, als zweite Frau – und sie hat eingewilligt. „Ja, das stimme“, sagt Dalya, der fast alles übersetzt werden muss.

Das Deutsche ist ihr so fremd wie die Vorstellung, jemals ohne Ehemann zu leben. Sie erfüllt ihre häuslichen Pflichten, zupft jede Fluse vom Teppich, leert die Waschmaschine, die unter einem Spitzenvorhang im blitzeblank geputzten Badezimmer steht. Auch in der Küche ist sie die Chefin. An diesem Vormittag serviert sie für alle das Frühstück. Schwarzer Tee und Fladenbrot, gebackene Paprikaschoten, kleine Schüsseln mit Sesampaste und selbst gebackenen Keksen. Anke bedient sich, Sarkan hat Hunger und keine Lust aufs weitere Übersetzen. Dalya schaut verloren zu, sie tippt auf ihrem Handy herum.

Ob Sarkan seine Zweitfrau liebt?

„Wie kann ich die Mutter meiner vier Kinder nicht lieben“, fragt er zurück.

Der schwäbische Türke ist sehr gläubig und würde seine Frauen nie betrügen

In der Gemeinde wird Sarkan geschätzt, der Mann mit den freundlichen Augen und dem Bart, der allmählich ergraut, geht jedes Wochenende in die Moschee, Alkohol fasst er nicht an. Das Dreiermodell gefällt ihm, jeder hat seine Rolle. „Anke ist mein Außenminister, Dalya mein Innenminister und ich bin der Gastarbeiter, der das Geld heimbringt“, sagt er lachend. Er lebe, wie Allah es fordert, sagt er und ärgert sich darüber, dass sein Kollege abends in der Kneipe den Ehering abstreift und in die Hosentasche steckt. „Das ist scheinheilig“, schimpft Sarkan und schwört auf Treue. Niemals könne er sich vorstellen, fremd zu gehen, niemals würde er seine Frauen betrügen oder sie verletzen.

„Es war ein Schlag ins Gesicht“, sagt Anke und bekommt feuchte Augen. Weil sie keine Kinder bekommen konnte, sollte sie in die Scheidung einwilligen. Eine Frau für den Nachwuchs sollte her, Sarkans Eltern machten Druck. „Ich kann vieles einstecken“, sagt sie und arrangiert sich mit dem, was sie nie wollte. Ausnahmsweise fährt Sarkan allein in sein Heimatdorf, sucht sich seine Kindsmutter aus, heiratet und schwängert sie. „Ich war über seine Entscheidung enttäuscht“, sagt Anke, „ich hatte gehofft, er nimmt eine andere aus der Verwandtschaft, eine Freundin von mir, die mir wie eine Schwester war.“

Einen Tag vor der Ankunft der Neuen habe ihr Mann sie informiert, ihr gesagt dass er an den Flughafen müsse. Die Zweitfrau kam 1998 mit den zwei in der Türkei geborenen Kindern. Die Kleinen zogen bei Anke und Sarkan im Schlafzimmer ein. „Es war hart“, sagt Anke, „als plötzlich eine Wildfremde bei uns wohnte. Das Dreiermodell begann als Desaster. „Ich musst acht Wochen in die Nervenklinik“, erinnert sich Anke, es habe ständig Streit gegeben, „ich war aggressiv.“ Später hat sie sich daran gewöhnt, sie war im Kreißsaal dabei, als das dritte Kind auf die Welt kam. Bei den Einschulungen vertrat sie die Familie, sie geht zu den Elternabenden und kümmert sich, um das Zimmer für die Älteste, die auswärts studiert.

Der Rechtswissenschaftler Mathias Rohe sagt, Polygamie sei etwas Schlechtes

Polygamie ist etwas Schlechtes, sagt Mathias Rohe, er ist Rechts- und Islamwissenschaftler an der Uni Erlangen. „Aber wir können unser Strafrecht nicht auf die Ganze Welt ausdehnen.“

„Zu dritt zusammenzuleben zehrt an den Nerven“, sagt Anke, glücklicherweise sei sie geduldiger geworden über die Jahre. Sie habe Sarkan viel zu verdanken, ihn zu verlassen komme nicht Frage.

Als die anderen draußen sind, räumt Dalya das Geschirr ab. „Sie ist eine gute Frau“, sagt Dalya über Anke und strahlt, „auch mein Mann ist gut.“

Für Sarkan ist klar, dass seine Frauen jederzeit gehen können, wenn sie nicht bei ihm leben wollen. „Aber zu den Kindern“, sagt er, „haben sie dann keinen Kontakt mehr“, dafür werde er sorgen.

*Name geändert

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: