Vor allem die blühende Birke macht vielen Allergikern zu schaffen. Eine Hyposensibilisierung kann möglicherweise Linderung verschaffen. Foto: dpa

Pollen treiben Allergikern regelmäßig die Tränen in die Augen. Ärzte raten in diesem Fall zu einer Immuntherapie, auch Hyposensibilisierung genannt. Wie hoch sind die Erfolgsaussichten, für wen kommt das in Frage und was spricht eigentlich dagegen?

Stuttgart - Die Nase läuft, der Hals kratzt, die Augen tränen? Dann weiß jeder Allergiker, dass es wieder so weit ist: Die Pollen sind los. Der Körper ist im Abwehrmodus und das Immunsystem kämpft, was das Zeug hält.

Die schnellste und unkomplizierte Lösung sind Antihistaminika, also Tabletten und Tropfen, die den gestressten Körper wieder ins Gleichgewicht bringen sollen. Doch viele Präparate machen müde und am Ende ist klar, dass man nur die Symptome, nicht aber die Ursache behandelt.

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In diesem Zusammenhang werden Betroffene früher oder später mit dem Thema Hyposensibilisierung konfrontiert – und der Hoffnung, die Allergie für immer zu besiegen.

Doch was steckt genau dahinter und wie funktioniert die Immuntherapie? Wer kommt dafür in Frage und was sind die Ausschlusskriterien? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

1. Wer stellt eine Allergie eigentlich fest – und wie?

Zunächst einmal sollte eine Allergie durch einen Arzt diagnostiziert werden. Die Beschwerden sind bei jedem Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt und ähneln den Symptomen einer Erkältung: die Nasenschleimhaut ist angeschwollen, der Patient hat Niesattacken und die Augen sind gerötet oder jucken, bei manchen juckt der Gaumen, andere klagen über Halsschmerzen. Vielleicht gibt es auch schon eine erste Vermutung, wer der Übeltäter sein könnte – das Haustier oder die blühende Birke vor dem Schlafzimmerfenster vielleicht?

Wenn die Lebensqualität darunter leidet, sollte unbedingt ein Allergologe aufgesucht werden. Dieser kann einen Allergietest vornehmen. Der bekannteste ist der so genannte Pricktest. Dabei wird der Unterarm des Patienten minimal angeritzt und verschiedene Allergene auf diese kleine Wunden in die oberste Hautschicht geträufelt. Rötungen und Pusteln weisen auf eine Reaktion des Immunsystems hin, das in diesem Moment Antikörper produziert. Zusammen mit den beschriebenen Symptomen kann der Arzt eine Diagnose stellen. Je nachdem, wie stark die Beschwerden sind, kann eine Hyposensibilisierung in Erwägung gezogen werden.

2. Was ist eine Hyposensibilisierung – wie läuft sie ab?

Die Hyposensibilisierung ist eine Immuntherapie. Dabei wird dem Allergiker das Allergen (der Eiweißstoff, gegen den der Körper allergisch reagiert) über einen längeren Zeitraum verabreicht. Anfangs wird der Eiweißstoff in niedrigen Dosen verabreicht, später in höheren Dosen. So wird der Körper nach und nach daran gewöhnt und reagiert nicht mehr so überempfindlich.

Die klassische Hyposensibilisierung erfolgt mit Spritzen. Wenn es nur um einzelne Allergene geht, können auch Tropfen und Tabletten statt Spritzen verabreicht werden. Die klassische Behandlung dauert insgesamt etwa drei Jahre. In den ersten zwei Monaten muss der Patient wöchentlich zum Arzt und darf sich dabei am Wartezimmer vorbei direkt in den Behandlungsraum begeben. Nach der Spritze muss in der Regel noch etwa eine halbe Stunde in der Praxis verbracht werden, um auf Nachwirkungen (im Extremfall einen allergischen Schock) reagieren zu können. In den darauffolgenden Monaten werden die Abstände größer. Dann sind es etwa zehn bis zwölf Spritzen pro Jahr.

„Der Therapieerfolg ist sehr hoch“, weiß Dr. Stephan Kühnemann, Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Allergologe in Stuttgart. Nach einem Jahr Behandlung würden 60 Prozent der Patienten bereits eine positive Wirkung spüren, erklärt er. Aus seiner Sicht ist die Entscheidung zur Hyposensibilisierung eine Frage der Aufklärung des Patienten. „Wenn es angeboten und erläutert wird, dann wird es auch genutzt“, ist seine Erfahrung.

3. Was spricht für eine Hyposensibilisierung?

Wer gegen Pollen allergisch ist, zunehmende starke Beschwerden hat und sich in seiner persönlichen Lebensqualität eingeschränkt fühlt, ist potenziell ein guter Kandidat für die Hyposensibilisierung. „Dabei ist die Erfolgsaussicht höher, wenn man gegen einzelne Bösewichte vorgehen kann“, erklärt Dr. Kühnemann. Zum Beispiel, wenn man nur gegen die so genannten Frühblüher Birke, Erle und Hasel allergisch ist.

Mit der Hyposensibilisierung baut der Körper eine natürliche Toleranz auf, die Symptome lassen nach und der Betroffene braucht weniger oder im besten Fall gar keine Medikamente mehr. Die Immuntherapie bekämpft also die Ursache der Allergie und nicht nur die Symptome.

Aus ärztlicher Sicht wird außerdem zur Hyposensibilisierung geraten, wenn ein so genannter Etagenwechsel droht. So bezeichnen Allergologen die Weiterentwicklung der Allergie, die zum allergischen Asthma führen kann, bei dem die Atemwege zuschwellen. Denn eine Allergie, die mit harmlosen Niesanfällen beginnt, kann sich verändern und weiter ausbreiten. Wenn sich die allergische Reaktion von den Augen und der Nase in Richtung Lunge verlagert, wechselt sie quasi die Etage – daher der Name. Aber auch wenn es bereits zu einem Etagenwechsel gekommen ist, kann man die Therapie noch beginnen.

In diesem Zusammenhang kann die Entscheidung für die Therapie auch eine Kostenfrage sein, denn Nasenspray, Antiallergika und Lutschpastillen haben ihren Preis. Und je nach Pollenflug wird davon einiges verbraucht. Und ab dem Zeitpunkt, ab dem der Patient Asthmamedikamente benötigt, wird es noch kostspieliger. Großer Vorteil: Die Krankenkasse übernimmt in aller Regel die Kosten für eine Hyposensibilisierung.

4. Was spricht gegen eine Hyposensibilisierung?

Ausschlusskriterium einer Hyposensibilisierung können eine geplante Schwangerschaft oder eine lange Weltreise sein. Steht eines von beiden im Raum, sollte mit dem behandelnden Arzt gesprochen werden.

„In der Schwangerschaft sollte man keine Hyposensibilisierung machen“, rät Dr. Kühnemann. Gibt aber zu bedenken: „Wenn die Hyposensibilisierung bereits seit zwei Jahren problemlos läuft, könnte man überlegen, ob man sie im dritten Jahr trotz Schwangerschaft fortsetzt“, so der Arzt. „Ich bin aber kein Fan davon“, gibt er zu. Einerseits ob möglicher Risiken und andererseits, weil die Schwangerschaft selbst das Immunsystem verändert und Auswirkungen auf eine Allergie haben kann. Wichtig sei es deshalb vorher abzuklären, ob eine Schwangerschaft geplant ist.

Und bei einer anstehenden Reise? Wenn es darum geht, eine dreijährige Therapie zu beginnen, stehen manche Patienten vor einem Dilemma. Einerseits möchte man die Allergie in den Griff bekommen, andererseits ist es schwierig, sich für drei Jahre auf eine Behandlung mit Pflichtterminen festzulegen. Möglicherweise steht ein Jobwechsel und somit ein Umzug oder ein längerer Auslandsaufenhalt an. Was bedeutet das für eine Hyposensibilisierung?

Laut Dr. Kühnemann ist eine längere Reise nicht zwangläufig ein Argument gegen die Therapie. Wenn der Patient ins Ausland geht, könne zum Beispiel über gewisse Datenbanken ein Allergologe im Ausland empfohlen werden. „Wir haben schon erfolgreich nach Peru und Südafrika vermittelt“, erklärt er. Auch ein Umzug sei in der Regel unproblematisch.

Je nachdem wie lang der Patient weg sei, könne ein gewisser Zeitraum auch mal überbrückt werden. Das gelte nicht nur für eine Urlaubsreise, sondern auch für Krankheit oder einen Umzug. Wichtig ist, diese Eventualitäten mit dem Arzt abzuklären.

5. Zeit und Geduld – Stichwort Verlässlichkeit

Wenn eine Therapie in Erwägung gezogen wird, ist die Verlässlichkeit des Patienten für Ärzte ein extrem wichtiger Faktor. Denn eine Hyposensibilisierung kostet die Krankenkasse Geld und ist mit einem vergleichsweise hohen Aufwand verbunden. Da soll garantiert werden, dass der Patient auch bis zum Therapieende am Ball bleibt.

Im Gegensatz zu klassischen Impfungen, muss der Patient bei einer Hyposensibilisierung viel Geduld mitbringen. Denn die Therapie streckt sich über drei Jahre; alle vier bis sechs Wochen muss der Arzt aufgesucht werden, damit die Spritze verabreicht werden kann (siehe Punkt 2 – wie läuft die Hyposensibilisierung ab).

Bleibt nur noch die Frage: Wann ist der beste Zeitpunkt, um mit der Therapie zu beginnen? „Man kann das ganze Jahr über starten, aber sinnvoll ist im Herbst, wenn kein Pollenflug ist“, erklärt Dr. Kühnemann. „Da ist die Verträglichkeit am besten.“

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