Bei sommerlichen Temperaturen fliegen in der Region Stuttgart vor allem Gräserpollen. Eine Allergologin erklärt, was Betroffene nun tun können.
Es wird Sommer – und damit für Allergiker anstrengend. Denn in Baden-Württemberg sind bis zu 32 Grad in Sicht. Ist es zudem trocken, dann fliegen wieder viele Pollen, warnt Juliane Rieker-Schwienbacher, Leiterin der Allergieabteilung in der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Klinikum Stuttgart. Für Allergiker besonders kritisch sind laut dem Deutschen Wetterdienst momentan die Gräser. Alles, was im Flachland ist oder unterhalb von etwa 800 Metern, da stehen die Gräser schon in der Vollblüte. Wenn die Gräser im Tagesmittel 30 Pollen pro Kubikmeter Luft freisetzten, gelte das als hohe Pollenbelastung für Allergiker. Juliane Rieker-Schwienbacher erklärt im Gespräch, worauf Betroffene nun besonders achten müssen – und was helfen kann, die Symptome zu mindern.
Frau Rieker-Schwienbacher, startet der Pollenflug und somit die Heuschnupfen-Saison immer früher?
Ja, wegen des Klimawandels mit milderem Winter startet die Pollensaison oft schon im Dezember und im Januar. Insbesondere die Hasel und die Erle fangen früher an zu blühen – gleichzeitig verlängert sich die Vegetationsperiode. Das bedeutet, dass der Pollenflug nicht nur früher beginnt, sondern sich auch länger hinzieht. Ein weiteres Problem ist die häufige Trockenheit mit fehlendem Regen im Frühjahr, was die Pollen-Konzentration ebenfalls erhöht: Die Pollen werden nicht aus der Luft gewaschen, jeder Windstoß wirbelt sie vom Boden auf und lässt sie länger schweben.
Warum ist die Pollenbelastung in Städten oft höher als auf dem Land?
Zum einen fördert die höhere CO2-Konzentration die Fotosynthese der Pflanzen und damit ihr Wachstum. Blätter und Blüten werden größer, die Pollenproduktion verstärkt sich. Gleichzeitig macht die höhere Schadstoffkonzentration in der Stadtluft die Pollen aggressiver. Studien zeigen, dass an viel befahrenen Straßen in der Stadt in Birken höhere Konzentrationen des Hauptallergens Bet v1 gefunden wird als bei Birken auf dem Land.
Hinzu kommt: Viele Pflanzen in Städten produzieren zusätzlich zu den Allergenen auch noch Reizstoffe, die eine Entzündungsreaktion an Nasen- und Rachenschleimhaut verursachen können. Auch unser Organismus reagiert stärker auf die Schadstoffe in der Luft. Ozon beispielsweise stresst unsere Schleimhäute. Wir haben also eine schwächere Abwehr gegen die aggressiveren Pollen.
Hat die Zahl der Pollen-Allergiker zugenommen?
Die Häufigkeit nimmt weltweit kontinuierlich zu. Inzwischen sind zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung von einer Pollen-Allergie betroffen – vermehrt Kinder und junge Erwachsene. Nach meiner Erfahrung sind es aber auch seit einigen Jahren immer mehr Senioren, teils sogar Über-70-Jährige, die erstmals Symptome entwickeln.
Was sind die Gründe?
Das liegt nicht nur an dem durchs Klima bedingten stärkeren Pflanzenwuchs, sondern auch daran, dass Arten aus südlichen Gefilden hier heimisch werden – etwa die wärmeliebende Ambrosia. Letztere verlängert den Pollenflug bis in den Herbst hinein, so dass manche Patienten nur noch einen pollenfreien Monat haben, nämlich den November.
Wie macht sich Heuschnupfen bemerkbar?
Bei einer Pollenallergie treten die Symptome eher sporadisch, dafür dann aber plötzlich auf – meist im Freien und vor allem bei Wind: klares, flüssiges Nasensekret, dazu Niesattacken. Abends ist eine verstopfte Nase möglich. Es kommt zu tränenden, geröteten, geschwollenen und juckenden Augen. Auch Juckreiz in den Ohren und am Gaumen ist möglich. Zudem klagen Betroffene über trockenen Reizhusten – oder dass ihnen das Einatmen schwerer fällt. Pfeifende Atemgeräusche sind erste Zeichen eines Asthmas.
Braucht es bei Heuschnupfen immer einen Arzt?
Nein, bei geringen Symptomen, die den Betroffenen nur wenig beeinträchtigen, reicht es aus, sich in der Apotheke antiallergische Medikamente zu kaufen. Da gibt es beispielsweise ein Antihistaminikum in Tablettenform, das ein- bis zweimal pro Tag eingenommen werden kann. Auch Augentropfen und Nasensprays können helfen. Wichtig ist es, bei verstopfter Nase kortisonhaltige Nasensprays zunächst zweimal am Tag zu nehmen, bis die Schleimhäute abschwellen. Dann sollte auf einmal pro Tag reduziert werden. Auch eine Nasendusche mit Kochsalz-Lösung kann hilfreich sein.
Merkt man über zwei Pollensaisons hinweg, dass die Beschwerden zunehmen, ist ein Besuch beim Allergologen sinnvoll. Dann könnte eine spezifische Immuntherapie – auch Hyposensibilisierung genannt – notwendig sein. Insbesondere, wenn der Allergiker asthmatische Symptome entwickelt.
Welche Gefahr besteht, wenn eine Allergie nicht oder falsch behandelt wird?
Allergien können sich verstärken, auch kann Asthma hinzukommen. Ein weiteres Problem: Die aufgrund der Allergie dauerhaft gereizten Schleimhäute können Krankheitserreger schlechter abwehren. Es entstehen häufiger Infekte. Sind die Nasenschleimhäute dauerhaft geschwollen, können auch häufiger Nasennebenhöhlenentzündungen auftreten.
Was kann Betroffenen außer Medikamenten helfen?
Wichtig ist das richtige Lüften. In der Stadt sollte man morgens stoßlüften, auf dem Land hingegen werden die Fenster abends geöffnet. Hilfreich ist es, die Haare vor dem Schlafengehen zu waschen, Alltagskleidung nicht im Schlafzimmer abzulegen und Wäsche nicht im Freien zu trocknen. In der Pollensaison sollte die Bettwäsche häufiger gewechselt werden. Auch Pollenschutzgitter am Schlafzimmerfenster sind gute Hilfsmittel, ebenso Staubsauger mit einem sogenannten HEPA-Filter. Bei starkem Pollenflug kann es für Betroffenen hilfreich sein, eine FFP-2- Maske zu tragen.
Dieser Artikel erschien erstmals am 7. April 2026 und wurde am 22. Mai aktualisiert.
Pollenflug per App
Check
Infos zum Pollenflug gibt die kostenlose „Pollen App“ der Stiftung
Deutscher Polleninformationsdienst. Außerdem bietet der Deutsche
Wetterdienst einen Pollenflug-Gefahrenindex an, der die hierzulande acht
wichtigsten Pollen abdeckt.