In Heilbronn ermordet: Die Polizistin Michèle Kiesewetter. Foto: dpa

Vom kommenden Donnerstag an befragen die Richter des Münchener Oberlandesgerichts Zeugen zum Polizistenmord von Heilbronn. Beobachter, die mehr als zwei Täter gesehen haben wollen, werden nicht geladen.

Vom kommenden Donnerstag an befragen die Richter des Münchener Oberlandesgerichts Zeugen zum Polizistenmord von Heilbronn. Beobachter, die mehr als zwei Täter gesehen haben wollen, werden nicht geladen.

Heilbronn - Es ist die rätselhafteste Tat in dieser Mordserie, die Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zur Last gelegt wird: Hinterrücks sollen Böhnhardt und Mundlos im April 2007 die Polizistin ­Mi­ch­èle Kiesewetter in Heilbronn erschossen und ihren Kollegen lebensgefährlich verletzt haben. Ab kommenden Donnerstag wollen die Richter des Münchener Oberlandesgerichtes Zeugen zu diesem Mordfall befragen.

Und so die Bluttat aufklären, die überhaupt nicht zu den anderen Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) passt, bei denen auch acht türkische und ein griechischer Händler erschossen wurden. Für den Böblinger CDU-Bundestagsabgeordneten Clemens Binninger ist „Heilbronn in vieler Weise unerklärlich, es passt nicht in die Serie der anderen Morde, an den ausländischen Mitbürgern, es wurden andere Tatwaffen eingesetzt, natürlich auch um den Zusammenhang erst gar nicht erkennen zu lassen. Heilbronn hat nach wie vor viele offene Fragen.“

Viereinhalb Jahre nach den Schüssen von Heilbronn finden Polizisten am 4. November 2011 gegen 15 Uhr Böhnhardt und Mundlos tot in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach. Sie sollen zuvor in der Stadt eine Bank überfallen haben. Als sich Polizisten in einer Wohnsiedlung bei der Fahndung nach den Flüchtigen einem verdächtigen Wohnmobil nähern, sollen es die beiden Neonazis in Brand gesetzt und sich dann selbst gerichtet haben. Im Wrack des Fahrzeugs finden Ermittler die beiden Dienstwaffen Kiesewetters und ihres Kollegen, die seit dem Mord von Heilbronn verschwunden sind. Die Pistolen vom Typ P 2000 sind überzogenvon Mundlos’ und Böhnhardts DNA-Spuren.

Zur gleichen Zeit brennt es in der Zwickauer Frühlingsstraße in einem Mehrfamilienhaus. Aus dem flüchtet Beate Zschäpe und übergibt Nachbarn auf der Straße ihre Katzen. Als Ermittler einen Tresor in der Wohnung öffnen, liegen darin eine Pistole Radom, Modell VIS 35, und eine TOZ, Modell TT 33. Die Waffen, mit denen Kiesewetter und ihrem Kollegen Martin A. in den Kopf geschossen wurde. Auf beiden Waffen wurden keine Spuren des NSU-Trios gefunden.

Für die Staatsanwaltschaft Heilbronn ist der Fall im November 2011 geklärt: Böhnhardt und Mundlos sind die Täter. Dabei gibt es immer noch viele Ungereimtheiten, die diesen Fall mysteriös machen. Die Mörder, sind die Beamten der Spurensicherung überzeugt, hätten sich über die Opfer gebeugt und ihnen Dienstwaffen und weitere Ausrüstungsgegenstände abgenommen. Dabei müssen sie sich, sind die Ermittler überzeugt, mit dem Blut der Polizisten beschmiert haben.

Rechter Arm voller Blutflecken

Einen Mann mit blutverschmiertem Arm sieht eine Zeugin gegen 14 Uhr über die Kreuzung laufen. Sie musste an einer Ampel stoppen und sah den Mann kurz vor sich rennen. Ein weiterer Zeuge sagt aus, er habe drei Verdächtige unterhalb der Theresienwiese gesehen, zwei Männer und eine Frau mit weißem Kopftuch. Er habe deutlich gesehen, dass einer der Männer Blut an den Händen hatte und sich die Hände im Neckar reinigte. Einem anderen Zeugen fällt an anderer Stelle ein wartender Pkw auf. Er habe einen Mann angerannt kommen sehen, der ins Fahrzeug gehechtet sei. Auffällig an dem Mann: Sein rechter Arm sei voller Blutflecken gewesen.

Diese und weitere Aussagen lassen die Ermittler des Landeskriminalamts noch im Sommer 2011 zu der Hypothese kommen, an der Tat seien insgesamt sechs Personen beteiligt gewesen. Die Nachforschungen werden gestoppt. Auch wenn die Beobachtungen der Zeugen für den damaligen Leiter der Sonderkommission (SoKo) Parkplatz „mit das Interessanteste“ waren, was seine Ermittler in vier Jahren Arbeit zusammengetragen haben: „Es war eine Hypothese, der wir nachgehen wollten, die wir auch für vernünftig und glaubwürdig gehalten haben, also jede für sich.“

Der Staatsanwalt sieht das anders. Er schätzt die Glaubwürdigkeit der Zeugen anders als die Polizisten ein. Vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages macht der Kriminaloberrat seinem Ärger über den Juristen Luft: „Er sagt, er geht eher von einer geplanten Tat aus, und deshalb sind Fluchtbewegungen . . .“, der Beamte stockt. Und fährt fort: „So flüchtet man nicht, wenn man was plant. Von daher hält er das Ganze für nicht tatrelevant.“

Binninger, selbst einmal Polizist, bevor er in die Politik wechselte, sieht das anders, nachdem er Zehntausende Seiten Akten zum Heilbronner Polizistenmord studiert hat: „Natürlich muss man an die Glaubwürdigkeit von Zeugen immer hohe Anforderungen stellen, und wenn die Wahrnehmungen nicht passen, muss man sie auch relativieren. Nach dem, was wir aus den Akten kennen und auch aus den Bewertungen der Polizei, galten diese Zeugen durchaus als glaubwürdig.“ Stimmt das, hätte der NSU mehr Mitglieder als nur die drei Bekannten gehabt. Vielleicht spricht deshalb der letzte Leiter der Soko Parkplatz auch konsequent von den „bisher identifizierten Mitgliedern des Nationalsozialistischen Untergrundes“.

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