Foto der in Heilbronn ermordeten Polizeimeisterin. (Archivfoto) Foto: dpa

Ermittler finden weitere Beweisstücke zum Heilbronner Polizistenmord – Verdächtige Frau schweigt.

Zwickau/Stuttgart - Der Polizistenmord von Heilbronn im April 2007 steht offenbar kurz vor der Aufklärung. Die Spur zu den möglichen Tätern führt nach Zwickau, am Mittwoch fanden die Ermittler neue Beweisstücke. Aber der endgültige Beleg fehlt noch.

Es ist im Regelfall nicht üblich, dass Polizeibeamte zur Dienstzeit das Telefon klingeln lassen dürfen und den Fernseher einschalten. Am Mittwochnachmittag freilich wird in einigen deutschen Polizeidienststellen, von Mecklenburg-Vorpommern im Norden bis Bayern und Baden-Württemberg im Süden, eine Ausnahme gemacht. Es ist 14 Uhr, und in Zwickau beginnt eine mit Spannung erwartete Pressekonferenz. Polizei und Staatsanwaltschaft wollen über den neuesten Ermittlungsstand zum Banküberfall in der vergangenen Woche in Eisenach und der Explosion eines Wohnhauses in Zwickau informieren.

Trio vermutlich verantwortlich für Polizistenmord

Bekanntlich hatten sich die beiden Bankräuber unmittelbar nach der Tat offenbar selbst erschossen, die Leichen lagen in einem ausgebrannten Wohnmobil. Zeitgleich hatte eine 36-jährige Frau, die mit den Männern unter falschem Namen zusammenlebte und in Wahrheit Beate Z. heißt, das gemeinsame Haus in Zwickau angezündet und war geflohen. Aber diese beiden mysteriösen Vorfälle in Thüringen und Sachsen treten immer mehr in den Hintergrund, angesichts der Dimension, die dahintersteht.

Denn alles deutet darauf hin, dass das Trio - oder Sympathisanten aus dem Umfeld - verantwortlich sind für den Heilbronner Polizistenmord am 25. April 2007. Damals waren die 22-jährige Böblinger Bereitschaftspolizistin Michele Kiesewetter mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet und ihr Kollege schwer verletzt worden. Er überlebte das Attentat, kann sich aber an die Ereignisse nicht mehr erinnern. Die Suche nach den Tätern und Hintermännern verlief viereinhalb Jahre erfolglos. Nie gab es eine heiße Spur, die Sonderkommission "Parkplatz" beim Landeskriminalamt in Stuttgart trat auf der Stelle.

Aufklärung ist greifbar nahe

Doch nun, das zeigen die neuen Ermittlungsergebnisse am Mittwoch, scheint man der Aufklärung des Falls greifbar nahe zu sein. Denn die Zahl der Beweisstücke wird größer. Schon am Montag war bekannt geworden, dass man im ausgebrannten Wohnmobil der Bankräuber die zwei Polizeiwaffen gefunden hatte, die den beiden Polizisten in Heilbronn gestohlen worden waren. Kriminaltechnische Untersuchungen haben das inzwischen bestätigt. Ein Abgleich der DNA-Spuren am Tatort in Heilbronn mit einem Gentest der beiden Bankräuber ergab bisher jedoch keine Übereinstimmung.

Dennoch könnten die Bankräuber von Eisenach auch die Mörder von Heilbronn gewesen sein. Denn viel deutet darauf hin, dass die Täter von Heilbronn mit Handschuhen gearbeitet haben. Auch die Handschellen, die Polizistin Kiesewetter damals abgenommen worden waren, sind wieder aufgetaucht. Am Mittwoch entdecken die Ermittler zudem noch ein Messer. Das gehörte damals Kiesewetters Kollegen, der schwer verletzt überlebte. Mehr noch. In dem Haus in Zwickau entfinden die Ermittler ein ganzes Arsenal von Waffen. Darunter auch ein Modell, mit dem Kiesewetter damals erschossen wurde. "Ob es sich um die Tatwaffe handelt, wird derzeit überprüft", teilen das Landeskriminalamt Baden-Württemberg und die Staatsanwaltschaft Heilbronn am Mittwoch mit.

Das Problem: Durch das Feuer in dem Haus und das Löschwasser wurden die Waffen erheblich beschädigt. Sollte es sich bestätigen, dass es sich um die damalige Tatwaffe handelt, wäre die Beweislast erdrückend. Womöglich finden die Experten noch mehr Beweisstücke, aber die Arbeit ist schwierig. Denn das ehemalige Haus in Zwickau ist nur noch ein riesiger Trümmerhaufen. Z., auch das steht seit Mittwoch fest, hatte reichlich Brandbeschleuniger verteilt.

Die Fragen nach dem Warum bleiben noch unbeantwortet

Die Fragen nach dem Warum bleiben noch unbeantwortet

Alles deutet darauf hin, dass sie - wie ihre Mitbewohner im ausgebrannten Wohnmobil - offenbar Spuren verwischen wollte. Die Zwickauer Polizei trägt inzwischen die Überreste des Hauses stückweise ab und sortiert die Einzelteile in einer 250 Quadratmeter großen Halle. "Trocken, katalogisieren, auswerten, das dauert eine Zeit", sagt der Chef der Polizeidirektion Südwestachsen, Jürgen Georgie. Die Fragen nach dem Warum bleiben also noch unbeantwortet.

Wieso nahmen sich die beiden hartgesottenen Bankräuber, auf deren kriminelles Konto zahlreiche Banküberfälle zwischen 2001 in Stralsund und 2011 in Eisenach gehen sollen, selbst das Leben? Wieso flüchtete die Frau - eine arbeitslose Gärtnerin - und stellte sich am Dienstag, als sie europaweit gesucht wurde, in Jena dann doch den Behörden? "Sie schweigt", sagen Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwochnachmittag bei der Pressekonferenz in Zwickau.

Der zuständige Haftrichter jedenfalls erlässt Haftbefehl. Der Vorwurf: schwere Brandstiftung. Aber die Ermittler sind optimistisch, dass Beate Z. zur Aufklärung des Falls beitragen kann. "Von ihr erhoffen wir uns weitere Angaben, die den konkreten Tathergang des Heilbronner Polizistenmordes erhellen", heißt es bei der Staatsanwaltschaft in Heilbronn. Auch der baden-württembegrische LKA-Präsident Dieter Schneider sieht in der Frau die Schlüsselfigur.

Innenminister warnt

Zwar gebe es bisher keinen konkreten Tatverdacht gegen Z., wonach sie für die Bluttat in Heilbronn verantwortlich war. "Aber die Gesamtschau der Indizien lässt es als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass der Mord an Michelle Kiesewetter aus dieser Tätergruppierung heraus verübt wurde." Innenminister Reinhold Gall (SPD) warnt in diesem Zusammenhang am Mittwoch erneut davor, den Fall bereits als aufgeklärt zu bezeichnen, so wie es der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger tagszuvor getan hatte.

Gall wörtlich: "Wir haben guten Grund zur Annahme, dass der Polizistenmord von Heilbronn gelöst werden kann. Aber jetzt kommt es nicht auf ein paar Tage oder Wochen an, jetzt ist akribische Detailarbeit nötig." Auch die Polizei selbst fordert Geduld. "Wir hätten uns gewünscht, wir hätten in aller Ruhe und ohne äußerlichen Druck ermitteln können", sagt Gewerkschaftschef Joachim Lautensack an sdie Adresse von Generalstaatsanwalt Pflieger. Nach viereinhalb Jahren Ermittlungen sei es wichtig, "gewissenhaft vorzugehen".

Kontakte zur Neonazi-Szene

So bleibt der Fall teilweise noch unaufgeklärt - und vor allem weiterhin rätselhaft. Den neuen Beleg liefert der thüringische Innenminister Jörg Geibert (CDU) am Mittwoch. In den vergangenen Tagen hatte man stets beteuert, das Gangster-Trio habe keine Kontakte zur Neonazi-Szene gehabt. Aber das stimmt nicht. Alle drei wurden 1998 der rechtsextremen Gruppierung "Thüringer Heimatschutz" zugerechnet. Chef der Gruppe war ein V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Es war deshalb zuletzt spekuliert worden, dass auch die Bankräuber möglicherweise Informanten der Behörde gewesen sein könnten. Dies weist der Thüringer Verfassungsschutz aber zurück. Dennoch bleiben offene Fragen. 1998 war in Jena eine Bombenwerkstatt ausgehoben worden, danach war das Trio verschwunden und lebte in Zwickau völlig unerkannt. Polizeichef Georgie räumt am Mittwoch ein: "Die drei Personen haben bis vergangene Woche hier völlig unauffällig gelebt. Wir haben nichts von ihnen gewusst."

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