Im Stadion greift die Polizei nur ein, wenn es besonders hoch her geht. Ansonsten regeln Ordner das Geschehen Foto: dpa

Nordrhein-Westfalen will seine Polizeipräsenz bei Fußballspielen zurückfahren. Baden-Württemberg hat ein anderes Konzept.

Düsseldorf/Stuttgart - Nach Nordrhein-Westfalen will auch Baden-Württemberg sein Polizeikonzept bei Fußballspielen überdenken. „Wir machen uns Gedanken, wie wir den Personaleinsatz optimieren können“, sagte ein Sprecher von Innenminister Reinhold Gall (SPD). Anders als in Nordrhein-Westfalen (NRW) soll die Polizeipräsenz in Stuttgart, Hoffenheim oder Freiburg vorerst aber nicht reduziert werden.

Galls Kollege Ralf Jäger (SPD) kündigte am Montag ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt an. Es sieht vor, bei Spielen der ersten drei Ligen, bei denen es in der Vergangenheit nicht zu Ausschreitungen kam, den Einsatz der Bereitschaftspolizei herunterzufahren. „Wir wollen analysieren, ob dies ein Weg ist, zu weniger Polizeieinsätzen zu kommen“. Dabei geht es vor allem darum, Kosten zu sparen.

Statt auf uniformierte Hundertschaften rund ums Stadion und auf den Anfahrtswegen setzt der NRW-Innenminister „auf die Eigenverantwortung der Fans“. Hochrisikospiele wie das Derby Dortmund – Schalke sind von den Plänen ausgenommen. Der Versuch an Rhein und Ruhr ist auf die ersten vier Spieltage angelegt.

Gall sagte: „Ich gehe nicht davon aus, dass wir die Sicherheit in Baden-Württemberg mit weniger Einsätzen ­bewerkstelligen können. Wir werden noch genauer darauf schauen, wie viel Personal wir bei welchen Spielen an welchen Orten brauchen.“ Offenbar will das Land die Vereine künftig stärker in die Pflicht nehmen. Nicht, was die Kostenübernahme von Polizeieinsätzen angeht. Gall schwebt vor, die ­Fanbetreuer stärker in die ­Polizeiarbeit einzubinden. Eine Art Kompromiss nach dem Motto: Bezahlen müsst ihr nicht, aber mithelfen.

Die Polizei im Land stellt nicht nur bei Fußballspielen ein zunehmendes Aggressionspotenzial fest. Eine Überlegung, welche die Einsatzleiter in diesem Zusammenhang anstellen, lautet: Muss nicht auch die Polizei ihren Beitrag zur Deeskalation leisten – indem sie etwa darauf verzichtet, zur Abschreckung bis an die Zähne bewaffnete Spezialkräfte aufzubieten? Diese sind bei Fußballfans häufig erst der Auslöser für Provokationen und Konflikte. „Wenn das mit dem verstärkten Einsatz der Fanbetreuer funktioniert, könnte die Polizei sich in einem zweiten Schritt ein Stück weit zurückziehen“, heißt es im Stuttgarter Innenministerium.

Für Joachim Lautensack bewegt sich das Land damit „auf einem schmalen Grat“. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) ist ein Verfechter starker Präsenz. „Man darf ja nicht vergessen, dass es die meiste Zeit ruhig bleibt. Aber warum bleibt es ruhig? Weil genügend Polizei da ist,“ sagt Lautensack.

Der Gewerkschafter hält eine Reduzierung der Polizei nur bei absolut gefahrlosen Spielen für prüfenswert. Anderseits gibt es auch da keine Garantie. Mittlerweile ziehen auch vermeintlich harmlose Vereine wie der SC Freiburg oder die Stuttgarter Kickers Fans an, die dem gegnerischen Anhang nicht mit Blumen in der Hand begrüßen.

„Wir müssen Stärke zeigen, um Sicherheit zu gewährleisten “, sagt auch Arnold Plickert, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW. Er geht von bundesweit 4000 gewaltbereiten Fans aus. Die Annahme von NRW-Innenminister Jäger, auf deren Eigenverantwortung zu setzen, hält er für naiv. Plickert: „Die Kooperationsbereitschaft dieser Fans ist gleich Null.“

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) schaut dem Pilotprojekt gespannt entgegen. „Wir waren nicht darüber informiert, aber die Überlegungen sind im Grundsatz durchaus nachvollziehbar“, ließ Ligapräsident Reinhard Rauball mitteilen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: