Mit einem Banner bedanken sich die Bewohner der Polizeisiedlung bei den Stadtbahnfahrern, die das Tempo reduzieren. Foto: Sandra Hintermayr

Die Bewohner der Polizeisiedlung haben mit Kinderschokolade, einem Banner und Flyern die Stadtbahnfahrer dazu aufgerufen, ihre Geschwindigkeit zwischen den Haltestellen Vogelrain und Waldeck zu reduzieren.

Kaltental - Die Gruppe hat sich aufgeteilt, jeder hat seine Aufgabe. Vera Marquez geht nach vorne zum Fahrer und überreicht ihm eine Tafel Schokolade sowie einen Infoflyer. Anette Reiber und die anderen steigen in die Waggons und geben den Fahrgästen Schokoladenriegel und Flyer in die Hand. „Wir möchten, dass die Stadtbahn in Richtung Vaihingen langsamer an unseren Häusern vorbeifährt“, sagt Anette Reiber.

Die Forderungen der Bewohner der Polizeisiedlung sind nicht neu. Seit mehr als 30 Jahren kämpfen sie um eine Verlegung der Gleise in Richtung Böblinger Straße. Das würde den schmalen Weg zwischen den Häusern und dem Gleiskörper verbreitern und den Bau einer ordentlichen Abschrankung ermöglichen. Es gibt zwar ein Geländer, „aber das hat einige Lücken und kleine Kinder können ohne Probleme unten durch laufen“, sagt Reiber. Für die Eltern bedeutet die Nähe zu den Gleisen Stress pur. Die Kinder alleine vor den Häusern spielen zu lassen, ist undenkbar.

Über die Gleisverlegung wird nächstes Jahr abgestimmt

Zuletzt ist Bewegung in die Sache gekommen. Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) haben die für diesen Herbst geplante Gleissanierung erst einmal aufgeschoben, um mit der Stadt in Verhandlungen zu treten. Mit dem kürzlich gefassten Beschluss, Kaltental als Sanierungsgebiet auszuweisen, könnte die Gleisverlegung nun tatsächlich Realität werden. Ob und wann das umgesetzt wird, ist allerdings noch nicht entschieden. Erst nächstes Jahr möchte der Gemeinderat darüber abstimmen.

Bis zur Gleisverlegung fordern die Bewohner der Polizeisiedlung eine Geschwindigkeitsreduzierung der nach Vaihingen fahrenden Straßenbahn, die zwischen den Haltestellen Vogelrain und Waldeck mit 70 Kilometer pro Stunde fahren darf. Zu schnell, finden die Eltern. Immer wieder kommt es zu Unfällen und gefährlichen Situationen, vor allem mit Autos, die die Gleise überqueren, um auf die Böblinger Straße zu gelangen. „Der Bremsweg bei 70 km/h beträgt 70 Meter. Würde die Bahn nur 30 km/h fahren, wäre der Bremsweg lediglich 20 Meter lang“, erklärt Reiber. „Die Bahnfahrer verlieren vielleicht 20 Sekunden auf der Strecke, aber wir würden mehr Sicherheit für unsere Kinder gewinnen.“

Seit 30 Jahren kämpfen die Siedler für ihr Anliegen

Die Forderung nach einer Geschwindigkeitsreduzierung haben die Siedler bereits mehrfach der Stadt und den SSB zugetragen. Umgesetzt wurde sie bislang nicht. Ein Grund, warum sich die Eltern am Montagmorgen mit ihren Kindern und den vorbereiteten Flyern auf den Weg gemacht haben. „Wir möchten uns direkt an die Stadtbahnfahrer wenden“, sagt Vera Marquez. Dabei geht es in erster Linie darum, sich bei denjenigen zu bedanken, die freiwillig vom Gas gehen. Das steht auch auf dem großen Banner, das die Bewohner neben den Gleisen aufgehängt haben, und auf den Schokoladentafeln. „Noch sind es Einzelfälle, aber die Zahl der Bahnfahrer, die die Geschwindigkeit im Bereich der Polizeisiedlung reduzieren, nimmt zu“, sagt Reiber. „Wir hoffen, durch unsere Aktion noch mehr von ihnen zum Langsamfahren bewegen zu können“, sagt die junge Mutter.

An der Haltestelle Vogelrain haben die Bewohner außerdem eine Stellwand mit den gesammelten Briefen und Anträgen sowie den Zeitungsberichten über die Polizeisiedlung platziert. „1983 hat es die erste Forderung nach einer Gleisverlegung gegeben. Damals hat schon meine Urgroßmutter unterschrieben“, sagt Vera Marquez. Heute kämpfen sie, ihre Mutter Dagmar Marquez und die anderen Anrainer nach wie vor für die gleichen Ziele. „Unser Anliegen hat sich nicht geändert“, so Marquez.

Stadtbahnfahrer müssen ihren Fahrplan einhalten

Die Stadtbahnfahrer nehmen die Tafel Schokolade und die Infoflyer zumeist freundlich an. Eine Fahrerin bezeichnet den Streckenabschnitt als „schlimm“ und sagt, sie würde regelmäßig ihre Geschwindigkeit an dieser Stelle reduzieren und ein achtsames Auge auf den schmalen Weg und etwaige Fußgänger haben. Ein anderer Fahrer wiederum schüttelt leicht gereizt den Kopf. „Wir haben einen Fahrplan, den wir einhalten müssen. Wir können nicht generell langsamer fahren, weil wir sonst in Verzug kommen“, sagt er. Die Entscheidung, ob die Stadtbahn an dieser Stelle die Geschwindigkeit reduziert, liege nicht bei den Fahrern, sondern müsse von oben kommen: „Das muss die SSB beschließen“, sagt der Mann.

Die Bewohner der Polizeisiedlung halten an ihrem Appell an die Fahrer fest. „Wir freuen uns über jeden einzelnen, der freiwillig langsamer fährt“, sagt Reiber.

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