Nicht nur die Körpergröße unterscheidet dieses „Polizeiruf“-Ermittlerteam: Die Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ist politisch anders eingestellt als ihr Kollege Bukow (Charly Hübner). Foto: NDR

Aus der „Polizeiruf 110“-Folge „Für Janina“ ist ein Anti-AfD-Aufkleber nach Protesten der Partei wegretuschiert worden. Das war die falsche Reaktion der ARD. Auch fiktive Figuren dürfen Meinungen zur Wirklichkeit haben. Das macht sie nur interessanter.

Stuttgart - Das Wochenende naht, und weil sie gewiss noch anderes vorhaben, werden sich regelmäßige „Tatort“- und „Polizeiruf“-Gucker fragen: „Was gibt es wohl diesmal zu sehen? Wird es sich lohnen, den Abend fürs Erste zu reservieren?“ Einige Zyniker aber werden diesmal fragen: „Was gibt es wohl nicht zu sehen?“

Diese Galligkeit bezieht sich auf eine mehr als fragwürdige Entscheidung der ARD: Die Rostocker „Polizeiruf 110“-Folge „Für Janina“, die am 11. November 2018 ihre Erstausstrahlung hatte, ist in der Mediathek des Senders nur noch in veränderter Form abrufbar. Im Büro der LKA-Ermittlerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) war ursprünglich nämlich einiges zu sehen, was diese Figur einerseits politisch verortet, was aber auch klar macht, dass sie es im Schwung ihrer Überzeugungen mit beamtenrechtlichen Details nicht so genau nimmt. Neben einem Poster der Band Feine Sahne Fischfilet zierten da ein Fuck-Nazis-Aufkleber („FCK NZS“), ein Antifa-Plakat gegen Nazis, ein Refugees-Welcome-Sticker und ein Fuck-AfD-Aufkleber („FCK AFD“) das Büro. Prompt und wenig erstaunlich beschwerte sich die AfD in den sozialen Netzwerken – aber auch, und das ist ein wenig bedenklicher, die Junge Union München-Nord.

Digitale Löschaktion

Prompt wurde ohne Rücksprache mit den Machern des Krimis die noch in der Mediathek zu sehende Fassung ein wenig retuschiert. Die von der Antifa geborgten Anti-Nazi-Bekenntnisse, die der Jungen Union ein Dorn im Auge waren, durften stehen bleiben. Der Anti-AfD-Aufkleber ist weg.

Damit bezieht eine öffentlich-rechtliche Anstalt ganz ohne öffentliche Diskussion knallhart Position in einer Kunstfrage. Dürfen in einem fiktionalen Format, lautet diese Frage, noch dazu in einem, das sich immer wieder auf aktuellen gesellschaftlichen Problemfeldern bewegt, reale Parteien beim Namen genannt – und von den fiktionalen Figuren auch scharf bewertet – werden? Die digitale Löschaktion gibt nun die eine Antwort: Nein.

So viel Schreckhaftigkeit und politische Prüderie, das wird in der aktuellen Aufregung um die Retusche gern übersehen, ist nicht das erste mal am Werk. Im Oktober 2017 etwa hatte die „Bild“-Zeitung zu skandalisieren versucht, dass der MDR einen „Tatort“, damals allerdings schon vor der Ausstrahlung, nachgebessert hatte. Von T-Shirts einiger Figuren wurde da die Parole „Wir sind das Volk“ sowie die sogenannte „Wirmer-Flagge“, ein Symbol der Rechtsextremen, entfernt.

Her mit der Zensur, weg mit der Zensur

Auch damals empörte sich die AfD - aber in die andere Richtung. Auf ihrer Website mahnte die AfD-Fraktion im sächsischen Landtag: „Unliebsame Parolen retuschiert – Zensur im ARD-Staatsfernsehen wird immer schlimmer“. Die kulturpolitische Sprecherin Karin Wilke mutmaßte: „Ich bin sicher, dass diese Symbole nicht entfernt worden wären, wenn die Darsteller mit Drehbuch-Rollen als ‚Bösewichte’ in Erscheinung getreten wären. So handelt es sich aber um Lebensretter, die einen Rollstuhlfahrer vor dem Tod bewahren, der unkontrolliert eine Dresdner Straße hinunterrast.“

Man sieht: Was gut und was böse ist in Zensurdebatten, das hängt immer damit zusammen, ob die Zensur sich gegen das eigene oder gegen ein verhasstes Weltbild richtet. Im aktuellen Fall des Rostocker Polizeirufs geht es aber um mehr als um ein Hin und Her der „Ätsch, jetzt haben wir mal Euch zensiert“-Triumphe. Es geht schlicht um die notwendige Freiheit für gutes Erzählen.

König links, Bukow rechts

Das Büro der fiktiven Polizistin Katrin König ist nämlich keineswegs die Propaganda-Puppenstube eines öffentlich-rechtlichen Volkserziehungsprogramms. König wird – von Anfang an übrigens, die Aufkleber sind nicht neu in dieser Folge erst aufgetaucht – als kantig links positioniert. Ihr Kollege dagegen, der von Charly Hübner gespielte Hauptkommissar Alexander Bukow, steht weit rechts von ihr und scheint sich immer weiter nach rechts zu bewegen.

Das kann erzählerisch noch sehr interessant werden – aber nur, wenn es sich an der Wirklichkeit reiben darf. Dazu gehört dann: Fiktive Figuren dürfen auch mal reale Parteien nicht mögen. Oder dürfen unangenehme Ansichten vertreten. Und allen Parteien und senderinternen Gesinnungsstoßtrupps muss bei kleinlichen „Weniger links“- und „Weniger rechts“-Attacken sofort und klar durch die öffentlich-rechtlich Verantwortlichen die Stirn geboten werden.

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