Der Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik wird künftig auch Polizistinnen und Polizisten betreuen. Foto: epd/Simon Laufer

Weltweit betreuen in Israel und in den USA jüdische Theologen Polizisten. Jetzt auch im Südwesten Deutschlands.

Stuttgart - Randlose Brille, ein Bart, in dem sich Weiß ins Schwarz mischt. Shneur Trebnik lächelt vor sich hin wie ein Junge, der seinen Zeigefinger verbotenerweise ins Nutella-Glas gesteckt und genussvoll abgeschleckt hat. In seinen Augen spiegelt sich der Schalk. Nur um bedingungslos selbstironisch zu werden: „Ein Rabbiner muss alles tun, damit niemand mehr Seelsorger braucht. So wie ein Richter, ein Polizist, ein Arzt alles tun müssen, damit sie arbeitslos werden. Dann haben wir eine perfekte Welt.“

Es sind solche Sätze, die den 45-Jährigen charakterisieren: engagiert für eine bessere Welt, theologisch und philosophisch überraschend, sich selbst weniger Ernst nehmend. Das also kommt auf Baden-Württembergs Polizei zu, die Trebnik als einer von zwei Rabbiner künftig betreuen wird: „Vor allen Dingen will ich den Polizistinnen und Polizisten zuhören. Ansonsten bin ich gut beraten, wenn ich die Aufgabe in aller Ruhe auf mich zukommen lasse.“

Israel, die USA und jetzt Baden-Württemberg – in weltweit nur drei Ländern kümmern sich jüdische Theologen um Polizisten. Landesregierung und die Israelitischen Religionsgemeinschaften (IRG) in Baden und Württemberg griffen damit eine Anregung des Antisemitismus-Beauftragten Michael Blume auf, der im vergangenen Jahr im Landtag in Stuttgart „die Einstellung von je einem badischen und württembergischen Polizeirabbiner analog zu den kirchlichen Polizeiseelsorgern für die Arbeit mit jüdischen und nichtjüdischen Bediensteten bei Polizei und Justiz“ gefordert hatte. Der Ulmer Trebnik und Moshe Flomenmann aus Lörrach sollen dies jetzt umsetzen.

Seit 1700 jüdisches Leben in Deutschland

Das Ziel: Der Staat soll bei der Vorbeugung antisemitischer Angriffe und Klischees zum Vorbild werden. Das, ist IRG-Vorstand Michael Kashi überzeugt, „gelingt besser dadurch, dass Polizisten aus erster Hand über das vielfältige jüdische Leben in Deutschland und der Welt informiert werden“.

Das künftig Rabbiner zumindest im Südwesten Deutschlands Polizisten betreuen, berührt ihn besonders: „Mein Vater war 1948 einer der ersten Polizisten Israels. Deshalb ist das für mich ein sehr emotionales Thema: Es zeigt, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder normal wird“, erzählt Kashi. Seit fast 1700 Jahren leben und prägen Menschen jüdischen Glaubens Deutschland. Historiker wiesen jüdische Gemeinden in den römischen Siedlungen Trier, Mainz und Speyer bereits im 4. Jahrhundert nach. In Köln wurden 312 Juden als römische Bürger urkundlich erwähnt.

Sich diese lange Geschichte bewusst zu machen und gleichzeitig „ethische Angebote aus einer anderen, für viele Polizisten unbekannten Perspektive zu machen“, darin sieht die württembergische IRG-Vorsitzende Barbara Traub den besonderen Reiz des Polizeirabbiners, der zunächst für zwei Jahre berufen wird. „Als jüdische Gemeinde ist es uns eine besondere Ehre, die fulminant wichtige Arbeit von Polizeibeamten durch den Beistand eines Polizeirabbiners aktiv zu unterstützen“, sagt Professorin Barbara Traub. Dafür scheint Trebnik wie geschaffen zu sein: 1975 in Kfar Chabad, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Avivs geboren, in einer großen Familie aufgewachsen, berief ihn die IRG Württemberg vor 20 Jahren als Rabbiner nach Ulm. In Israel war er zuvor zum Sanitäter ausgebildet worden und arbeitete als Mathematiklehrer.

Zuhörender Toleranter

Im vergangenen Jahr besuchte der Theologe erstmals gemeinsam mit baden-württembergischen Polizisten offiziell Israel. „Ich möchte aus der Vergangenheit lernen, damit die Zukunft besser wird“, ist einer seiner Glaubenssätze. Und dieser: „Keiner muss meine Meinung akzeptieren. Aber ich erwarte, dass mir mein Gegenüber zuhört, wenn wir miteinander sprechen. Auch wenn er dann am Ende unserer Begegnung sagt: ‚Ich denke anders.‘“

Der kommt zu auf Baden-Württembergs Polizisten: ein zuhörender Toleranter mit dem Schalk im Nacken.

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